Die Frischlinge auf einem Kinder-Spielplatz lassen sich bei ihrer Suche nach Futter nicht stören.
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Der Beauftragte für Wildtierforschung Derk Ehlert mit einem zahmen Fuchs.
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Der Waschbär streift seelenruhig durch ein Parkhaus. Der Räuber frisst gern Abfälle.
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Die Trinkhalme auf den Stacheln dienen der Registrierung.
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Dr. Ana Pola-Lisseanu ist Biologin und Fledermausforscherin am Leibniz-Institut.
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Liebe könnte so schön sein. Laue Sommernacht, funkelnde Sterne, Mondschein, Händchenhalten und sanfte Küsse. Wenn da nicht plötzlich etwas dunkles Schnaubendes wäre: ein Wildschwein. Und das mitten in Berlin. Für Elena und Max ein Erlebnis der dritten Art. Zum Glück hatte das Wildschwein genauso viel Respekt vor ihnen, wie die beiden vor dem 150-Kilo-Mann. „Immer mehr Wildtiere erobern das Stadtgebiet“, weiß Derk Ehlert, Wildtierbeauftragter des Senators für Stadtentwicklung. „Wir schätzen, dass sich rund 3000 Wildschweine im Stadtgebiet aufhalten. Besonders begehrt bei den Tieren sind Charlottenburg, Köpenick, Steglitz, Zehlendorf und Wilmersdorf. Vor einiger Zeit ist ein Keiler sogar am Alex gesehen worden.“
Ehlert ist ein Mann der Tat. Schreibtischarbeit ist zwar auch notwendig, aber viel lieber geht er mit Fernglas und Taschenlampe auf Pirsch. Erst kürzlich wurde er zu einem Kinderspielplatz gerufen, auf dem sich ein Keiler, eine Bache und zwei Frischlinge niedergelassen hatten. „Die waren so zahm, dass sie sich sogar von den Kindern streicheln ließen. Die Mülleimer sind hier immer voll, auf Menschen ist eben Verlass. Wir haben den Tieren ihren Lebensraum genommen, nicht umgekehrt. Sie haben die Scheu vor uns verloren, und wir müssen lernen, mit ihnen umzugehen.“ Nicht immer ganz leicht. Waschbären auf dem Dachboden, Igel unter dem Auto, Marder im Parkhaus am Alex, Wildschweinrotten in Gärten und fünfmal mehr Füchse in der Stadt als im Wald. „Die Menschen meinen, sie tun den Tieren Gutes und füttern sie“, meint Derk Ehlert.
Besonders die Stadtrandbewohner müssen sich den neuen Gegebenheiten anpassen. „Zäune sollten hoch genug und Mülltonnen, gut verschlossen, erst kurz vor Leerung rausgestellt werden. Nur die Verknappung des Nahrungsangebots kann helfen. Wildschweine sind schlau. Sie haben inzwischen sogar gelernt, wie man Gartentüren öffnet und den Deckel einer Mülltonne aufklappt. Dabei ist das Füttern von Wildtieren streng verboten. Wer es dennoch tut, muss mit einer Geldstrafe bis zu 5000 Euro rechnen.“
Eine Gruppe junger Wissenschaftlerinnen vom Berliner Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung haben ein Projekt unter Beteiligung von „Bürgerwissenschaftlern“ gestartet. Es soll helfen, die Verbreitung und das Verhalten der Wildtiere im Stadtgebiet genauer zu bestimmen. Dr. Ana Popa-Lisseanu (34), Koordinatorin des Projektes: „Wir bitten die Berliner, uns ihre Beobachtungen zu Igeln und Wildschweinen mitzuteilen. Telefonisch, per Post oder per Internet. Igel und Wildschweine kennt jeder, aber wir wissen viel zu wenig über ihre Lebensweise und ihre Anpassung an das Leben in der Stadt. Später sollen noch weitere Projekte dazukommen. Finanziert werden sie von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung.
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Igelforschung ist kein Job für Langschläfer. Anne Berger ist mit ihren Studenten unterwegs. Wenn andere ins Bett huschen, schleichen sie auf leisen Sohlen durch die Parks der Innenstadt. „Von Mitternacht bis vier Uhr morgens sind wir mit Taschenlampen und gespitzten Ohren unterwegs. Finden wir einen Igel, messen und wiegen wir ihn. Dann wird er mit farbigen Plastikröhrchen auf den Stacheln markiert. Auf diese Weise können wir ihre Aktionsräume nachvollziehen.“ Die Biologin hat seit ein paar Wochen „Nachwuchs“ bekommen: Australian Shepherd Fine, neun Monate alt, „Diensthund“ im Institut und zur Zeit in der Ausbildung zum Igel-Suchhund „Wir hoffen, Fine noch in diesem Herbst einsetzen zu können. Sie ist sehr gelehrig und mag die Sucharbeit.“
Ihre Kollegin Milena Stillfried, zuständig für die Stadt-Wildschweine, vertauscht öfter mal ihre schöne Wohnung mit einem nächtlichen Waldaufenthalt. „Es ist total spannend, nachts auf der Lauer zu liegen. Wir warten allerdings auch oft vergebens.“ Milena Stillfrieds Team und ein Förster haben an verschiedenen Stellen Drahtboxen mit Mais aufgestellt, um die Tiere anzulocken. Ist ein Wildschwein in der Box kommt ein Tierarzt und narkotisiert es. Danach legt einer aus dem Team ihm ein Halsband mit einem GPS-Sender an. Von nun an ist das Tier als Punkt auf Milenas Stadtplan im Büro zu erkennen. „Auf diese Weise können wir Bewegungsprofile feststellen und wissen ziemlich genau, wo sich das jeweilige Tier befindet, und wir erhalten Informationen über ihre Wanderwege und Lieblingsorte.“ Milena Stillfried mag Wildschweine. Sie sind intelligent, passen sich schnell den Umständen an und sind in der Regel auch nicht gefährlich. Wenn sie einem auf dem Spaziergang begegnet, schaut sie natürlich gleich, ob es eins der sieben Tiere ist, das einen ihrer Sender um den Hals trägt. „Wenn es zu Zwischenfällen kommt, ist der Grund fast immer menschliches Fehlverhalten. Nicht wegrennen, nicht schlagen, sondern das Tier laut und ruhig ansprechen. Sie sind an Menschen gewöhnt“, weiß sie. Trotz aller Liebe zu Keiler und Bache, zu Hause hat sie zwei Kaninchen.
Auf dem Internet-Portal des Instituts www.portal-beee.de kann jeder Mensch seine Beobachtungen mitteilen und den Biologinnen bei ihren Forschungen helfen. „Es ist interessant zu erfahren, wie die Wildtiere immer mehr die Scheu vor uns Menschen verlieren“, sagt Stillfried. „Ein Mann berichtete, wie er auf seinem Moped einer Rotte von zehn Tieren begegnete, die ihm gelassen Platz machte, so dass er weiterfahren konnte. Jogger erzählten, wie die Tiere neugierig schauten und nicht wegliefen. Am Auffallendsten ist der Bericht eines Mannes, der beobachtet hatte, wie drei Wildschweinfrischlinge und eine Katze miteinander spielten.“ Ein Bürgerwissenschaftler behauptet sogar, er kenne ein Wildschwein, das an der roten Ampel wartet und erst bei Grün über die Straße geht ...
Die drei Forscherinnen wundern sich seitdem über gar nichts mehr.
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