Täglich werden Polizisten in unserer Stadt beschimpft, bepöbelt oder sogar körperlich attackiert. Im kommenden Jahr startet auch deswegen ein dreijähriger Testlauf mit Bodycams. Die Mini-Kameras, hoffen Experten, sollen eine abschreckende Wirkung haben und potenzielle Straftäter schon im Vorfeld von ihrem Vorhaben abbringen. So zumindest die Theorie. Denn eine praxisnahe Studie des Instituts für Polizei- und Kriminalwissenschaft (IPK) zeigt ein ebenso überraschendes wie unerwartetes Bild.
Viele weibliche Einsatzkräfte fühlen sich eingeschränkt
© dpa
Acht Monate lang hatten die Wissenschaftler im Auftrag der Landesregierung Nordrhein-Westfalen sechs Polizeiwachen mit Bodycams für Streifenbesatzungen ausgestattet und anschließend über 500 Polizisten befragt. Dabei durften die Einsatzkräfte stets selbst entscheiden, ob sie die Bodycams einschalteten oder nicht. Der eigentliche angedachte Sinn der umstrittenen Mini-Kameras war ursprünglich eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Gewalttäter. So heißt es auch in einem Positionspapier der Gewerkschaft der Polizei (GdP): „Alleinige Zielrichtung ist die Verbesserung der Eigensicherung von Polizeidienstkräften“.
Offizielles Ziel ist eine verbesserte Eigensicherung
Tatsächlich kommt die Studie des IPK zu dem Schluss, dass Bodycams grundsätzlich „das Potenzial zur Deeskalation“ haben können. Das führen die Forscher unter anderem darauf zurück, dass sich „ein Überdenken des eigenen Verhaltens aufseiten des polizeilichen Gegenübers“ andeuten würde, wenn eine Kamera läuft. Dieser Effekt wird Abschreckungswirkung genannt. Zudem hätte sich gezeigt, dass sich „hinsichtlich der Akzeptanz der Bodycam bei Bürgern ein grundsätzlich positives Bild“ gezeigt habe, auch wenn „negative Äußerungen im Sinne von Missbrauch und Überwachung durch den Staat im Zusammenhang mit Datenschutz zu verzeichnen waren“.
Viele weibliche Einsatzkräfte fühlen sich eingeschränkt
Überraschenderweise sind es vor allem Polizisten selbst, die den Einsatz von Bodycams eher negativ bewerten. So wurde „im zeitlichen Verlauf ein Rückgang des Anteils derjenigen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten beobachtet, der die Bodycam positiv beurteilte“. Als Grund hierfür vermuten die Wissenschaftler, dass „Bodycams das Verhalten von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten in Richtung eines unangemessen zurückhaltenden Einschreitens und einer formalere Sprache begünstigen“. Was entgegen der hoffnungsvollen Erwartungen, die die Bodycams geweckt hatten, sogar dazu führte, dass Polizisten mit Bodycams im Vergleich häufiger attackiert wurden als ihre Kollegen, die keine Kamera trugen.
Hier traf es laut IPK vor allem weibliche Einsatzkräfte. Deshalb hätten diese „auch häufiger als ihre männlichen Kollegen angegeben, dass das Mitführen von Bodycams im Dienst auch das eigene Verhalten beeinflusst“. In diesem Zusammenhang habe sich zudem gezeigt, dass weibliche Polizisten die Kameras seltener als ihre männlichen Kollegen einsetzten.
Gewerkschaft ist gegen verpflichtende Bodycams
In einer Handlungsempfehlung erinnern die Wissenschaftler deshalb daran, dass der Einsatz von Bodycams „das einsatztaktisch adäquate Verhalten nicht beeinflussen“ dürfe. Das schließe „aggressive Anweisungen, Nutzung von Umgangssprache und die rechtzeitige Anwendung von Zwangsmaßnahmen“ ausdrücklich ein. Damit die Einsatzkräfte „keine Hemmungen vor der Dokumentation dieser Verhaltensweisen“ hätten, müsse ein Klima geschaffen werden, dass sie „dazu ermutigt, ihr Verhalten ausschließlich an der Erfordernissen des polizeilichen Einsatzes auszurichten“.
Die Menschenrechtsexperten von Amnesty International halten es für sinnvoll, Einsatzkräfte gesetzlich zum Einschalten der Bodycam zu verpflichten, wenn sie „unmittelbaren Zwang anwenden“. Würde diese Pflicht verletzt, müssten darauf „Sanktionen folgen“.
Das wiederum will die GdP verhindern. Die Gewerkschaftler fordern, dass „über die Verwendung dieses Einsatzmittels jede Dienstkraft für sich selbst entscheiden“ müsse. Auch eine „Verpflichtung zum Tragen einer Bodycam“ dürfe es nicht geben. Offenbar wollen viele Polizisten also nicht, dass ihr Verhalten jederzeit nachprüfbar ist. Das wäre mit einer Bodycam aber künftig möglich.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com