Östlicher Berliner Ring, Autobahnabfahrt Freienbrink. Die Brücke ist kaum zu Ende, da führt eine Abzweigung rechts in das Güterverkehrszentrum Freienbrink mit Lagerhallen der Supermarktkonzerne. Gleich gegenüber steht der Wald. Aber nicht mehr lange. Der Zaun ist bereits niedergerissen, Bäume wurden gefällt und eine breite Schneise in den Wald gezogen. Herzlich willkommen im Tesla-Wald.
Hier, bei Grünheide im Kreis Oder-Spree, soll eine Industrieansiedlung entstehen, die die Augen der meisten Politiker glänzen lässt. Bald soll der Bau der allerersten europäischen Produktionsstätte des US-Elektroautobauers Tesla beginnen. Die Politik freut sich, weil es im Kohleland Brandenburg nun um eine Brückentechnologie in die Grüne Zukunft geht.
Nabu-Landeschef: „Wir sind aber weder bedingungslos für die Tesla-Ansiedlung noch bedingungslos dagegen"
Wenn Tesla tatsächlich bauen sollte, wäre es die größte Großinvestition in Berlin-Brandenburg nach dem BER: drei Milliarden Euro, 9000 Arbeitskräfte, die auf dem 420 Fußballfelder großen Fabrikgelände jährlich bis zu 500.000 Elektroautos vom Band laufen lassen. Friedhelm Schmitz-Jersch geht die Baustraße entlang.
Der Landeschef des Naturschutzbundes (Nabu) zeigt, worum es beim Genehmigungsverfahren geht, und wie es um die Hoffnung der Tesla-Gegner steht, dass Fledermäuse oder Adler die Genehmigung oder den Baubeginn so weit verzögern könnten, dass Tesla-Chef Elon Musk vielleicht doch noch die Lust an Grünheide verliert.
Schmitz-Jersch sagt etwas Grundsätzliches: „Wir sind als Naturschützer natürlich auch Brandenburger und freuen uns, wenn Arbeitsplätze geschaffen werden.“ Dann stellt er aber klar: „Wir sind aber weder bedingungslos für die Tesla-Ansiedlung noch bedingungslos dagegen: Wir schauen uns den Antrag von Tesla sehr genau an und prüfen, ob das, was hier vorgesehen ist, mit den naturschutzrechtlichen Richtlinien übereinstimmt.“
Er sagt, es sei zu sehen, dass dies kein Wald von besonders hoher ökologischer Wertigkeit ist.“ Doch dann schiebt er nach: „Aber es ist über Kilometer ein geschlossenes Waldgebiet. Und da ist dieser Bau ein erheblicher Eingriff.“
Heidemarie Schroeder hat einen Garten in der Nähe und fürchtet Verkehr und Wassermangel.
© Jens Blankennagel
Den gefällten Wald muss Tesla 1:1 ersetzen. Dass der Konzern drei Mal so viel neu pflanzen will, nennt Schmitz-Jersch rundweg positiv.
Kritiker sagen, es gebe genug Alternativen zum Standort in Grünheide
Und die Fledermäuse? „Die sind keine Gefährdung für Tesla, da die damit kompetent umgehen.“ Und wie steht es um die beiden Adler, die die Tesla-Gegner immer wieder anführen? Der Nabu-Chef stellt klar: „Bei der artenschutzrechtlichen Erfassung sind auf diesem Gelände keine Adlerhorste gefunden worden.“
Heidemarie Schroeder hat einen Garten ganz am Rande eines der vielen Siedlungsflecken in der Gegend. Es sind keine drei Kilometer Luftlinie bis zur Autobahn und bis zur geplanten Gigafactory. Hier gibt es nur ein paar Häuser und Naturschutzgebiete links und rechts – und von der Terrasse einen traumhaften Blick über weite Felder. „Wir haben hier nicht mal einen Bäcker“, sagt die 66-jährige Ärztin.
„Das ist hier der Arsch der Welt. Genau deswegen wollten wir doch hier hin. Hier ist die große Ruhe, mitten in der Natur. Und jetzt das.“ Die schmale Frau meint Tesla. Es soll weitere Autobahnanschlüsse extra für den Konzern geben und viel mehr Verkehr, der nahe am Garten vorbei führt.
Die Kritiker wollen auch nicht nur als Meckerer wahrgenommen werden, sondern sagen auch, dass es vernünftige Alternativen zu diesem Standort gibt. In der Lausitz mit ihren zerstörten Landschaften an den Kohlegruben gebe es reichlich Industriebrachen, bei denen nicht erst Natur neu vernichtet werden muss. Auch am Berliner Ring gebe es Gewerbegebiete, die keine Wälder seien, sondern fertig erschlossen.
Tesla in Grünheide: Moore und Seen bedroht?
Die Wasserproblematik ist das eigentliche Problem: Derzeit reden alle nur über die erste Ausbaustufe, in der noch kein Grundwasser gebraucht wird. „Aber auch das Wasser aus dem Hahn ist schon jetzt knapp“, erzählt Schroeder.
Nabu-Landeschef Friedhelm Schmitz-Jersch an einer mehr als 100 Jahre alten Kiefer.
© Markus Wächter / Waechter
In den beiden vergangenen Dürrejahren hieß es beim Wasserverband immer wieder: Wir wissen nicht mal, ob wir genügend Löschwasser für die Waldbrände bereitstellen können.
„Seit Jahren schlagen Verantwortliche des Verbandes vor, hier nicht mal mehr kleine Industrieansiedlungen zu erlauben, weil das Wasser dafür nicht ausreicht.“
Heide Schroeder schüttelt den Kopf, klappt ihren Laptop auf, zeigt Karten, Tabellen und die Zahlen aus dem Bauantrag von Tesla. „Tesla würde in der ersten Ausbaustufe halb so viel Wasser verbrauchen wie die 160.000 Leute, die in unserer Region leben“, sagt sie. „Wie soll der Wasserverband das schaffen?“
Und die Gegner glauben, dass dies erst der Anfang ist. Wenn der erste Teil der Fabrik stehe, könne doch der zweite, dritte und vierte Teil gar nicht mehr untersagt werden. „Und dann baut Tesla tiefe Brunnen und gräbt der Region sprichwörtlich das Grundwasser ab“, sagt sie. Dann würden die Moore austrocknen, die Seen ihr Wasser verlieren.
Wenn Tesla kommt, zieht Heide Schroeder nicht auf das Grundstück
Heide Schroeder kann unablässig argumentieren, kann einen Fakt den nächsten türmen, bis ein hoher Berg entsteht.
Der Weg aufs Grundstück ist bereits gesperrt. Wegen Munitionsbergung.
© Markus Wächter
Ein Berg an Argumenten und Fakten, die doch niemand ignorieren könne. Aber glaubt die Ärztin wirklich daran, dass sie und ihre Mitstreiter Tesla noch aufhalten können? „Ich glaube es nicht so recht, aber ich hoffe es ganz fest“, sagt sie.
Aber eines sei für sie auch sicher: Wenn Tesla kommt, zieht sie nicht auf dieses Grundstück. „Es ist wirklich sehr schön hier. Aber wir schauen uns bereits nach einer Alternative um. Aber wo soll man im Umland noch etwas Bezahlbares finden, das auch noch schön ist?“
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