Sie fehlt so sehr

Beim Terroranschlag am Breitscheidplatz verlor David seine Mutter

Eine Geschichte über das Über- und Weiterleben.

Julia Haak
Lesezeit 6 Min
Vater Petr Cizmar und sein Sohn leben heute in Dresden. 

Vater Petr Cizmar und sein Sohn leben heute in Dresden. 

© Paulus Ponizak

Man kann ihn schon von weitem lesen: „Nada Cizmar, Tschechische Republik“. Es ist Davids Mutter. Die großen braunen Augen hat er vielleicht von ihr. Nur nicht den Ausdruck darin. In seiner dicken Winterjacke sieht der kleine David auf Nadas Stufe unglaublich verloren aus.

Verlust und Trauer

Es ist Oktober in Berlin. David und sein Vater feiern den Geburtstag von Nada Cizmar. Sie wäre an diesem Tag 36 Jahre alt geworden. Mittags sind Vater und Sohn von Dresden, wo sie wohnen, nach Berlin gefahren, nachmittags haben sie die Bundeskanzlerin besucht, jetzt sind sie am Breitscheidplatz, um für Nada Kerzen anzünden. Aber die Dochte wollen nicht brennen. Der Wind ist zu stark. Petr Cizmar macht erstmal ein Foto. Das wird er später bei Facebook posten, zusammen mit einem traurigen Text. „Wir wünschen Nada im Jenseits alles Gute“, schreibt Petr Cizmar.

Verlust und Trauer – Petr Cizmar reichen sieben Zeilen und ein Bild, um auszudrücken, was er empfindet. Er ist kein Mensch, der ausufernd jammert und klagt.

Nada Cizmar wurde 34 Jahre alt. Am 19. Dezember 2016 kam sie auf dem Breitscheidplatz ums Leben. Ihr Foto steht auf einer der Stufen.

Nada Cizmar wurde 34 Jahre alt. Am 19. Dezember 2016 kam sie auf dem Breitscheidplatz ums Leben. Ihr Foto steht auf einer der Stufen.

© Paulus Ponizak

Plötzlich alleinerziehender Vater

So hat er es auch vor zwei Jahren gemacht, als er vom Tod seiner Frau und der Mutter seines Sohnes erfuhr. Auf Facebook hat er damals allen Freunden und Verwandten mitgeteilt, dass Nada unter den Opfern des terroristischen Anschlags vom Breitscheidplatz ist – „nach drei Tagen Ungewissheit, sehr erschüttert“, schrieb er. Das ist seine Art, mit den Dingen fertig zu werden.

David hat jetzt keine Mutter mehr, und Petr wurde von heute auf morgen zu einem alleinerziehenden Vater. Der 40-Jährige zieht seinen Sohn alleine groß, weil ein Terrorist in voller Absicht mit einem Lastwagen seine Frau überfuhr.

Es war der 19. Dezember 2016, als Nada Cizmar starb – eine junge Mutter, gerade 34 Jahre alt. Mit ihren Arbeitskollegen war sie an diesem Abend auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gegangen. Erst hatte sie nicht mitgehen wollen, dann tat sie es doch. Diese Entscheidung hat sie mit ihrem Leben bezahlt. An ihrer Seite starb ihre Arbeitskollegin Fabrizia Di Lorenzo. Neun weitere Besucher des Marktes überlebten die rasende Fahrt ebenfalls nicht. Dem Lastwagenfahrer Lukasz Urban hatte der Terrorist schon vorher eine Kugel in den Kopf geschossen.

In der Heimat beerdigt

Nada und Petr Cizmar stammen aus Tschechien. David ist in Amerika geboren. Er war ein halbes Jahr alt, als die Familie nach Deutschland gekommen ist. Lange haben sie alle drei in Braunschweig gewohnt. Kurz vor dem Attentat entschloss sich Nada, nach Berlin zu gehen. Allein. Wenigstens erstmal.

Vielleicht hätte die Familie später wieder zusammengefunden. Man weiß es nicht. Aber zu einem Später ist es nicht mehr gekommen. Petr hat seine Frau in ihrer Heimat beerdigt. Dann fand er eine Arbeit in Dresden und zog mit David um. Eineinhalb Jahre wohnen sie jetzt da.

An einem kalten Dezembertag öffnet David in Dresden die Tür und streckt den Kopf aus der Wohnung. „Papa ist noch nicht da“, sagt er. David ist sieben Jahre alt. Aber dann ist zu hören, wie jemand die Haustür ein paar Geschosse weiter unten aufmacht und die Treppe hinaufläuft. „Hallo“, sagt Petr Cizmar, „tut mir leid.“ Er kommt direkt von der Arbeit. Er ist spät dran. Wie immer.

Das alte Leben der Cizmars

Petr und David Cizmar leben in einem angenehmen Stadtteil von Dresden. Die Häuser sind alt, aber schön saniert und gepflegt. Petr Cizmar hat es nicht weit zur Arbeit. Die Wohnung von Vater und Sohn ist allerdings klein, zwei Zimmer, Küche, Bad. Besonders klein wirkt sie, weil überall an den Wänden, im Flur, im Wohnzimmer, Kartons stehen, hoch gestapelt. In den Kisten befindet sich das alte Leben der Cizmars. Es ist das Leben einer Kleinfamilie, Vater, Mutter, Kind. Es ist ihre Einrichtung aus Braunschweig. 

David und sein Vater: Mit Legosteinen spielt der Junge gern und ausdauernd.

David und sein Vater: Mit Legosteinen spielt der Junge gern und ausdauernd.

© Paulus Ponizak

In den Ecken stehen die Möbel, zerlegt, noch nicht wieder aufgebaut. Dazugekommen ist das, was Vater und Sohn nach Nadas Tod geerbt haben. Die Wohnung voller Boxen, sie wirkt, als habe jemand sein Leben einfach angehalten, als sei er in eine Zeitschleife geraten. Vorher und nachher haben noch immer keine rechte Verbindung zueinander gefunden.

Wenn man ihn fragt, warum er es eineinhalb Jahre lang nicht geschafft hat, Schränke aufzubauen, Kartons auszupacken, zieht er ein hilfloses Gesicht. „Wann denn? Abends?“ Er formuliert das als Frage.

30.000 Euro für den Verlust eines Menschenlebens

Petr Cizmar ist Physiker. David geht in die zweite Klasse. Wenn der Vater nachmittags um fünf nach Hause kommt, ist David schon da. In diesen Tagen wechselt der Siebenjährige zurück in die erste Klasse. „Es klappt nicht so gut mit der Schule“, sagt Cizmar. Rechnen geht, Lesen fällt dem Jungen schwer. „Ich war erstaunt, wie schnell die vorangehen in der ersten Klasse.“ 

Es gibt noch mehr Dinge, die Petr Cizmar derzeit nicht im Griff hat. Er hat es geschafft, etwas finanzielle Unterstützung für sich und David zu beantragen. Aber die Gesetzeslage ist derart kompliziert, dass er kapituliert hat. Ein paar Hundert Euro erhält der Junge jetzt monatlich, weil er Halbwaise geworden ist. 

Vater und Sohn haben jeder einen größeren Geldbetrag bekommen, einmalig 30.000 Euro für den Verlust eines Menschenlebens, für den Mord an der Mutter und Ehefrau durch einen Terroristen. David stünde aber noch mehr Geld zu. Eine weitere kleine Rente. Und ein Zuschuss für eine Studentin, die für Betreuung und etwas Nachhilfe kommt. Das ist bisher allerdings im Papierkrieg steckengeblieben. 

Vater und Sohn, ganz allein

Er hat sich jetzt erstmal vorgenommen, möglichst bald die Schränke aufzubauen und dann endlich die Kisten auszupacken. Am 19. Dezember, am Jahrestag des Anschlags, wird er mit seinem Sohn nach Berlin fahren. Nicht morgens allerdings, wenn der Regierende Bürgermeister einen Kranz auf den Stufen zur Gedächtniskirche ablegt. David wird erst mal zur Schule gehen, wie jeden Tag, und Petr ganz normal zur Arbeit. 

Am Nachmittag werden sie losfahren. Sie werden sich auf Nadas Stufe hocken und wieder versuchen, eine Kerze anzünden. Vielleicht klappt es ja diesmal. Danach wollen sie wieder nach Hause fahren. Vater und Sohn. Ganz allein.


Gedenken an die Opfer

Der Anschlag auf den Breitscheidplatz am 19.Dezember 2016.

Der Anschlag auf den Breitscheidplatz am 19.Dezember 2016.

© dpa

Zwei Jahre nach dem Terroranschlag erinnern Politiker an die Opfer und Hinterbliebenen. Am Mittwoch Vormittag um 10 Uhr legt der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) einen Kranz am Mahnmal auf dem Breitscheidplatz nieder. Um 18 Uhr findet eine Andacht in der Kirche statt. Um 20.02 Uhr sind Schweigeminuten und zwölf Glockenschläge geplant. 


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