„Talk im Turm“-Auftritt

Die Nacht, als Schalck-Golodkowski zum Fernsehstar wurde

TV-Talker Erich Böhme (✝ 79 ) in der Anmoderation: „Neben mir steht jemand, über den einige sagen, den gibt es gar nicht. Andere halten ihn für den Staatsfeind Nr. 1.“

H. Schacht
Lesezeit 2 Min
Schalck-Golodkowski bekam für den Auftritt 50 000 Mark. Günter Gaus (✝ 74, Leiter der ständigen BRD-Vertretung) sagt, Schalck sei ein verlässlicher Mann.

Schalck-Golodkowski bekam für den Auftritt 50 000 Mark. Günter Gaus (✝ 74, Leiter der ständigen BRD-Vertretung) sagt, Schalck sei ein verlässlicher Mann.

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8. September 1991, ein Sonntag mit verregnetem Abend am Gendarmenmarkt. Ich war damals als junger Reporter vor Ort, als Schalck erstmals im Scheinwerferlicht sitzt. Die ganze Nation hat darauf gewartet. Auf „Talk im Turm“ (Sat.1) aus dem Domhotel (heute Hilton). Schalck, „das Phantom“, der „Strippenzieher“, der „Unterhändler“. Vor der Wende in der Bevölkerung kaum bekannt. Weder im Osten noch im Westen.

Spürhunde schnüffeln nach Sprengstoff, am Eingang verschärfte Kontrollen. Im ganzen Haus Gerüchte, Schalck hätte in seinem Zimmer Interviews gegeben. Alles Quatsch, kein Wort wahr! Er trägt weißes Hemd zu blauem Anzug, scheußliche Krawatte, wirkt hellwach, frisch frisiert. Groß, bullig, berlinert, ganz die Unschuld.

„Ich habe mich lediglich bemüht, 25 Jahre bei meinem Staat DDR anständig zu arbeiten“, sagt er und erhebt Vorwürfe gegen den Zeitgeist: „Viele, die wissen, wie es in der DDR war, halten sich heute zurück.“ In der Runde auch Andreas von Bülow (77), SPD-Obmann im Schalck-Untersuchungsausschuss.

Er redet von kriminellen Methoden, von Mafia. Schalck schnauzt: „Seien sie wachsam. Sonst verklage ich sie wegen übler Nachrede!“ Es bleibt die einzige Ruppigkeit in der Runde. Joachim Gauck mault: „Schalck ist eher uninteressant. Warum reden wir nicht übers Politbüro?“ Leider hält die Sendung nicht, was sie verspricht. Spannend wird’s in der Werbepause. Aus dem Publikum geht der spätere KURIER-Hauptstadtkorrespondent Peter Brinkmann (70) zu Schalck, flüstert ihm was ins Ohr. Die Antwort kommt lächelnd. Natürlich sei er am Hotel-Empfang freundlich begrüßt worden. Schließlich arbeite dort die Ex-Chefsekretärin von Egon Krenz (78). Man kennt sich halt in Mitte. Auch, wenn jetzt andere an der Macht sind.

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