Der 20-Jährige ist vor acht Monaten aus Pakistan nach Deutschland geflüchtet, seitdem lebt er in Chemnitz. „Unsere Betreuer haben uns gesagt, dass wir am besten nicht mehr in die Stadt gehen sollen“, sagt er. Den Montag hat er im Heim verbracht. Jetzt hat er spontan den Entschluss gefasst, Chemnitz zu verlassen.
„Ich merke, dass sich die Menschen verändert haben“
Auf einer Bank neben Salman A. sitzt jetzt nur noch ein junger Mann. Vorher saß dort auch ein älteres Paar. Als Reporter sich näherten, gingen sie wortlos. Der junge Mann ist zum Gespräch bereit. Er heißt Ayaz A. und ist 2016 vor dem Krieg aus Afghanistan geflohen. Er hat sich zunächst sicher gefühlt in Deutschland. Das Gefühl ist gekippt, vor allem seit dem Wochenende. „Ich habe sehr viel Angst”, sagt er.
Ayaz A. ist 18 Jahre alt und verlässt seine Unterkunft in diesen Tagen nur noch bei Tageslicht. Sobald es dunkel wird, geht er zurück. „Ich merke, dass sich die Menschen verändert haben”, sagt er, „es gab vor dem Wochenende viele Menschen die gelächelt haben, wenn man ihnen einen guten Tag gewünscht hat“, sagt er. Jetzt würden die meisten Menschen nur noch weggucken und versuchen, ihn zu ignorieren. Dass er in Deutschland mit so viel Ablehnung konfrontiert sein würde, damit hatte er nicht gerechnet. „Viele haben Angst vor Ausländern”, sagt er. „Die denken, Ausländer nehmen ihnen hier die Arbeit, die Frauen weg”. Er selbst versteht das nicht. „Alle Menschen sollten doch gleich sein, egal, welche Hautfarbe sie haben oder welche Haarfarbe”.
So wie Salman A. und Ayaz A. geht es vielen geflüchteten Menschen in Chemnitz. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan oder Iran, viele auch aus Lybien oder dem Libanon, viele von ihnen trauen sich kaum mehr, mit anderen zu sprechen. Erst recht nicht mit der Presse. Das weiß auch Sebastian L. Er engagiert sich seit zwei Jahren im sächsischen Flüchtlingsrat. Unter anderem bietet der Verein Sprechstunden an, in denen geflüchtete Menschen Hilfe suchen können, beispielsweise zu bürokratischen Fragen oder der Jobsuche.
Kein Geflüchteter verlässt mehr das Haus
Diese Woche haben auch L. und seine Kollegen den Menschen geraten, nicht in die Sprechstunde zu kommen, sondern zuhause zu bleiben – zum ersten Mal überhaupt. Die Ereignisse vom Wochenende haben L. entsetzt – der Tod von Daniel H., aber auch die Demonstrationen und Aufmärsche danach. Auch er hört von vielen geflüchteten Menschen, dass sie nun verunsichert sind. „Das, was da passiert ist, geht ja an den Betroffenen nicht spurlos vorbei. Ich habe den Eindruck, dass die Angst noch sehr tief sitzt”.
Was er den Menschen langfristig raten soll, weiß er noch nicht, nur eines – dass es keine Lösung sein kann, die Innenstadt dauerhaft zu meiden. „Dann würden wir den Chaoten genau das geben, was sie wollen, wenn wir jetzt sagen – kein Geflüchteter verlässt mehr das Haus.“
L. hat auch Verständnis für die Menschen in Chemnitz. „Straftaten geschehen in Chemnitz, auch durch Menschen anderer Herkunft”, sagt er. Dass ein ungutes Gefühl entstehe und auch der Eindruck, früher sei alles besser gewesen, kann er nachvollziehen. „Aber die Konsequenz daraus kann ja nicht sein, dass ich anfange, rassistische Parolen zu skandieren oder auf eine Demo gehe, bei der Hitlergrüße gezeigt werden und ich das toleriere.”
Eine, die mit dabei war am Sonntag, ist Rola S. Seit 17 Jahren lebt die 40-Jährige in Chemnitz, hat sich lange auch im Flüchtlingsrat engagiert. Sie kommt ursprünglich aus dem Libanon, arbeitet mittlerweile als Sozialarbeiterin. Auf dem Stadtfest am Wochenende war sie als Kulturmittlerin im Einsatz. „Als ich um halb 2 Sonntag früh nach Hause gegangen bin, dachte ich, es sei alles ruhig und schön verlaufen”, sagt sie, „und jetzt passiert diese Scheiße”. Daniel H. starb wenig später in dieser Nacht.
Worte der Angst
"Ich fühle mich hier nicht mehr sicher und fahre deshalb weg aus Chemnitz. Unsere Betreuer im Heim haben uns davor gewarnt, in die Innenstadt zu gehen, weil es dort gefährlich ist." - Salman A.
"Ich verlasse das Haus nur noch in Begleitung von meinem Bruder oder meinem Mann. Ich habe sehr viele schlimme Erfahrungen gemacht. Die Leute hassen es, dass ich Kopftuch trage. Ich wurde schon im Bus bespuckt und mit einem Stock geschlagen." - Kubra A.
"Ich gehe nur noch im Tageslicht raus und habe sehr viel Angst. Ich fühle mich einsam."- Ayaz A.
Als am Sonntag zum ersten Mal wütende Bürger und Rechtsradikale durch die Straßen ziehen, verlässt Rola S. gerade ein Schnellrestaurant und stößt auf die grölende Menge. „Ich habe sofort mein Essen auf den Boden geworfen und gefilmt“, erzählt sie. Mit dem Handy dokumentiert sie die wütende Menge, schreit selbst immer wieder: „Rassisten!“
„Ich weiß, dass ich mich damit wahrscheinlich in Lebensgefahr gebracht habe, aber ich konnte das nicht mit ansehen“, erzählt sie. Wenn sie das Video abspielt, steigen ihr Tränen in die Augen. Irgendwann überzeugten sie Polizisten davon, die Szene zu verlassen. „Die haben mich zurück geschubst, gesagt, sie können für meine Sicherheit nicht garantieren”, sagt S. Empörung und Enttäuschung liegen in ihrer Stimme. Im Video ist ein Mann zu hören. „Ich verstehe ihre Ansichten, aber bitte hören sie auf, das bringt jetzt nichts”, sagt er, fordert S. auf, die Rufe und das Filmen einzustellen.
Auch für den Donnerstag ruft die rechtspopulistische Bewegung Pro Chemnitz wieder zu Demonstrationen auf. Anlass ist der Besuch von Ministerpräsident Michael Kretschmer zum sogenannten Sachsengespräch. Sebastian L. glaubt, dass die Polizei dann besser aufgestellt ist. „Wenn der Ministerpräsident kommt, sind hoffentlich genug Polizisten da”, sagt er, glaubt aber trotzdem, dass es zu schweren Ausschreitungen kommen könnte.
Salman A. wird das nicht mehr mitbekommen. Gleich fährt er los. Er packt Chipsdose und Cola in seinen Rucksack. Zurück nach Chemnitz will er erst kommen, wenn es hier wieder sicher ist.
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