Tag der Archive

Das Gedächtnis der Anderen

Der KURIER warf einen Blick in die Schatzkiste des Archivs der DDR-Opposition.

Gerhard Lehrke
Lesezeit 5 Min
Zur Abschlussveranstaltung des offiziellen Kirchentags am 26. Juni 1987 demonstrierten etwa 300 Teilnehmer des Kirchentags von Unten mit eigenen Plakaten und Spruchbändern.

Zur Abschlussveranstaltung des offiziellen Kirchentags am 26. Juni 1987 demonstrierten etwa 300 Teilnehmer des Kirchentags von Unten mit eigenen Plakaten und Spruchbändern.

© Robert-Havemann-Gesellschaft/Sie

Archive können spannend sein – nicht nur für Forscher. Vor allem dann, wenn die Menschen, die in einem Archiv arbeiten, unmittelbar mit den Schriften, Fotos oder Objekten zu tun haben, die dort aufbewahrt sind. Wie Frank Ebert (47) von der Robert-Havemann-Gesellschaft. Er und seine Kollegen werden am kommenden Sonnabend durch das Archiv der DDR-Opposition führen. Anlass ist der bundesweite „Tag der Archive“.

Ebert war als widerborstiger junger Mann so gar nicht nach dem Geschmack der DDR: Er weigerte sich, im Mathematikunterricht zu berechnen, im welchem Winkel man Handgranaten am besten wirft, zeigte „Schwerter zu Pflugscharen“-Aufkleber. Schließlich landet der gebürtige Hallenser 1988 als 18-Jähriger bei der „Umweltbibliothek“, dem Zentrum der DDR-Opposition im Gemeindehaus der Zionskirche.

Dort ist er in der einzigen nicht staatlich kontrollierten Druckerei an der Herstellung oppositionellen Schriftguts beteiligt und gerät ins Visier der „Staatsorgane“: „Ich wurde sieben-, achtmal festgenommen, einmal in der Polizeiwache verprügelt.“ Er wird jedoch nie länger als einen Tag eingesperrt, wobei ihm Glück hilft: „Zwei Volkspolizisten wollten mich auf der Straße festnehmen, wussten aber offenbar nicht, warum. Ich konnte meinen Rucksack mit frisch gedruckten Flugblättern noch meinen Begleitern geben.“ Sonst wäre es heikel geworden.

Hier kann man in historischen Artefakten stöbern.

Frank Ebert mit der Kamera des „Satans“. Satan hieß der Stasi-Vorgang zu Siegbert Schefke, der damit unter anderem für das ARD-Magazin „Kontraste“ die Umweltsünden der DDR und den Verfall ihrer Städte dokumentierte. Mit der Kamera, die der ausgebürgerte Oppositionelle und SFB-Journalist Roland Jahn beschafft hatte (er leitet heute die Stasi-Unterlagenbehörde), nahm er mit Aram Radomski die einzigen TV-Bilder der großen Demo vom 9. Oktober 1989 in Leipzig auf, die – in den Westen geschmuggelt – am Tag danach in der Tagesschau liefen.

Frank Ebert mit der Kamera des „Satans“. Satan hieß der Stasi-Vorgang zu Siegbert Schefke, der damit unter anderem für das ARD-Magazin „Kontraste“ die Umweltsünden der DDR und den Verfall ihrer Städte dokumentierte. Mit der Kamera, die der ausgebürgerte Oppositionelle und SFB-Journalist Roland Jahn beschafft hatte (er leitet heute die Stasi-Unterlagenbehörde), nahm er mit Aram Radomski die einzigen TV-Bilder der großen Demo vom 9. Oktober 1989 in Leipzig auf, die – in den Westen geschmuggelt – am Tag danach in der Tagesschau liefen.

© Gerd Engelsmann

Der Mann sieht alt aus, aber er zählt erst 28 Jahre: Roland Bude ist 1954 Häftling im sowjetischen Straflager Workuta. Dort und in Suchobeswodnoje sollte er 25 Jahre Zwangsarbeit verbringen. Ein sowjetisches Militärtribunal hatte ihn 1950 verurteilt, weil der Rostocker Student SED-Gegner dazu bewegte, in die FDJ einzutreten, um sie zu unterwandern und Einfluss auf die Vergabe von Stipendien zu nehmen. 1955 kam er nach dem Moskau-Besuch von Konrad Adenauer frei. 

Der Mann sieht alt aus, aber er zählt erst 28 Jahre: Roland Bude ist 1954 Häftling im sowjetischen Straflager Workuta. Dort und in Suchobeswodnoje sollte er 25 Jahre Zwangsarbeit verbringen. Ein sowjetisches Militärtribunal hatte ihn 1950 verurteilt, weil der Rostocker Student SED-Gegner dazu bewegte, in die FDJ einzutreten, um sie zu unterwandern und Einfluss auf die Vergabe von Stipendien zu nehmen. 1955 kam er nach dem Moskau-Besuch von Konrad Adenauer frei. 

© Robert-Havemann-Gesellschaft/Sie

Ein selbstgenähter Teddy sitzt in einem Koffer, hat zwei 1000-Forint-Scheine auf der Brust. Das Schmusetier war 1989 als Schmuggler unterwegs. Eine Familie aus der DDR, im Urlaub in Ungarn, hatte die schon bestehende Möglichkeit genutzt, nach Wien zu reisen und wieder zurückzukehren. Das Geld, das sie nicht hätten ausführen dürfen, war im Teddy versteckt.  

Ein selbstgenähter Teddy sitzt in einem Koffer, hat zwei 1000-Forint-Scheine auf der Brust. Das Schmusetier war 1989 als Schmuggler unterwegs. Eine Familie aus der DDR, im Urlaub in Ungarn, hatte die schon bestehende Möglichkeit genutzt, nach Wien zu reisen und wieder zurückzukehren. Das Geld, das sie nicht hätten ausführen dürfen, war im Teddy versteckt.  

© Gerd Engelsmann

Ein Stück Stoff mit einem Zitat des Nazi-Opfers Carl von Ossietzky: Mit so bedruckten T-Shirts konnten Mutige Solidarität mit den Schülern der Pankower Ossietzky-Schule zeigen. Die meisten trugen es aber unter dem Hemd. Acht Schüler waren 1988 Ziel von Repressionen, weil sie offen gegen DDR-Paraden, Rechtsextremismus in der DDR und für die polnische Solidarnosc eintraten. Vier Schüler wurden von der Schule entfernt, konnten erst nach der Wende 1989 das Abitur nachholen.

Ein Stück Stoff mit einem Zitat des Nazi-Opfers Carl von Ossietzky: Mit so bedruckten T-Shirts konnten Mutige Solidarität mit den Schülern der Pankower Ossietzky-Schule zeigen. Die meisten trugen es aber unter dem Hemd. Acht Schüler waren 1988 Ziel von Repressionen, weil sie offen gegen DDR-Paraden, Rechtsextremismus in der DDR und für die polnische Solidarnosc eintraten. Vier Schüler wurden von der Schule entfernt, konnten erst nach der Wende 1989 das Abitur nachholen.

© Gerd Engelsmann

40 Quark – ein subversiver Geldschein der „Staatspunk der DDR“ von 1989. Er wurde zum 40. Jahrestag der „Deutschen Desinfizierten Republik“ nach Schulung durch die polnische Solidarnosc vom Weißenseer Friedenskreis in einer konspirativen Wohnung in Mitte gedruckt. Die Scheine mit Stalin-Porträt eigneten sich in manchen Lokalen als Zahlungsmittel: Die Kellner wollten sie einfach haben.  

40 Quark – ein subversiver Geldschein der „Staatspunk der DDR“ von 1989. Er wurde zum 40. Jahrestag der „Deutschen Desinfizierten Republik“ nach Schulung durch die polnische Solidarnosc vom Weißenseer Friedenskreis in einer konspirativen Wohnung in Mitte gedruckt. Die Scheine mit Stalin-Porträt eigneten sich in manchen Lokalen als Zahlungsmittel: Die Kellner wollten sie einfach haben.  

© Robert-Havemann-Gesellschaft e.V

Ein banaler Farbtopf, aber ein Schatz für die Untergrund-Drucker der Umweltbibliothek: Das Produkt aus der DDR, selten zu bekommen, war für die Wachsmatrizen-Druckmaschinen zu dünnflüssig. West-Farbe, von Journalisten und Diplomaten nach Ost-Berlin geschmuggelt, war zu dick. Also wurde der Inhalt mit einem Quirl zu einer Ost-West-Mischung verrührt.

Ein banaler Farbtopf, aber ein Schatz für die Untergrund-Drucker der Umweltbibliothek: Das Produkt aus der DDR, selten zu bekommen, war für die Wachsmatrizen-Druckmaschinen zu dünnflüssig. West-Farbe, von Journalisten und Diplomaten nach Ost-Berlin geschmuggelt, war zu dick. Also wurde der Inhalt mit einem Quirl zu einer Ost-West-Mischung verrührt.

© Gerd Engelsmann

Man bräuchte eine Lupe, um das zu lesen: Dieser Kassiber – ein Brief aus der DDR-Haft an seine Mutter – stammt aus der Feder des Oppositionellen Lutz-Peter Naumann (1944-1996). 1971 unter anderem wegen einer Tonband-Collage verhaftet, die eine Ulbricht-Rede veralberte, wurde er zu vier Jahren Haft wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. Er durfte Ende 1972 aus dem Gefängnis in Brandenburg/Havel nach West-Berlin ausreisen. 

Man bräuchte eine Lupe, um das zu lesen: Dieser Kassiber – ein Brief aus der DDR-Haft an seine Mutter – stammt aus der Feder des Oppositionellen Lutz-Peter Naumann (1944-1996). 1971 unter anderem wegen einer Tonband-Collage verhaftet, die eine Ulbricht-Rede veralberte, wurde er zu vier Jahren Haft wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. Er durfte Ende 1972 aus dem Gefängnis in Brandenburg/Havel nach West-Berlin ausreisen. 

© Gerd Engelsmann

Prügel und Festnahmen bremsen ihn nicht: Ebert protestiert gegen die Wahlfälschungen bei den Kommunalwahlen im Mai 1989, beteiligt sich an Mahnwachen für politische Gefangene, beteiligt sich 1990 an der Besetzung der Stasi-Zentrale Normannenstraße, um die MfS-Akten zu sichern.

Damit ist er auf dem Weg zum Hüter der Schriften und Dinge, die von der DDR-Opposition und dem Kampf des Staats gegen sie zeugen: Ebert begründet das „Matthias Domaschk-Archiv“ mit. Es bildet heute mit dem Nachlass des Regimekritikers Robert Havemann (1910-1982) und dem Bestand „Grauzone“ der nichtstaatlichen DDR-Frauenbewegung das Gedächtnis der Havemann-Gesellschaft, die 1990 als politischer Bildungsverein des Neuen Forums entstand.

Das Archiv umfasst 700 Meter Schriftgut, 350.000 Fotos, 2000 Plakate und 200 Gegenstände von der Schreibmaschine bis zur Wachsmatrizen-Druckmaschine. Untergebracht ist es – Ironie der Geschichte – auf 900 Quadratmetern im Haus 17 der einstigen Stasi-Zentrale.

Lange war unklar, wer das Archiv finanziert

Dorthin ist das Archiv erst im vergangenen Jahr umgezogen. Zuvor war es auf drei Etagen eines Wohnhauses in der Schliemannstraße untergebracht, mit einem Außenlager in der Genthiner Straße. Wegen Umwandlung der Wohnungen in der Schliemannstraße musste die Havemann-Gesellschaft dort ausziehen. Lange war unklar, wohin – und wer das Archiv finanziert.

Mit Hilfe von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gelang der Umzug. Die Finanzierung ist zwar noch immer prekär, fest angestellt sind Ebert und seine neun Kollegen nicht: Sie müssen sich über Projekte finanzieren.
Um 14 und um 16 Uhr beginnen die Führungen durch das Archiv. Wahrscheinlich funktioniert dann auch wieder die Heizung, die im Lauf der Woche ausgefallen war. Treffpunkt ist das Haus 22 auf dem Gelände der Stasizentrale, zu erreichen über die Ruschestraße 103.

Was am Sonnabend sonst noch dort zu sehen ist, findet sich hier: http://bit.ly/2sZY0j5
Das Gesamtprogramm des Tags der Archive ist hier nachzulesen: www.tagderarchive.de

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