Tägliche Hindernisse

Die Frau, die Berlin erspüren kann

Karina Wuttke (38) ist blind und kämpft täglich gegen Hindernisse, der KURIER begleitete sie.

Jeannette Hix und Sabine Gudath (Fotos)
Lesezeit 4 Min
Karina Wuttke führt Portis im weißen Arbeitsgeschirr. Das Geschirr ist ein Verkehrsschutzzeichen. Es bedeutet: Achtung, Passanten und Autofahrer müssen aufpassen.

Karina Wuttke führt Portis im weißen Arbeitsgeschirr. Das Geschirr ist ein Verkehrsschutzzeichen. Es bedeutet: Achtung, Passanten und Autofahrer müssen aufpassen.

© gudath Lizenz

Eine blinde Frau geht dicht am Bahnsteig auf einem vollen Bahnhof. Ihr Führhund läuft rechts und weicht den Wartenden aus. Plötzlich macht die Frau einen Schritt nach links, stürzt in die Gleise und wird vom heransausenden Zug überrollt. Dieser schlimme Unfall ist in Berlin passiert. Vielleicht hätte er verhindert werden können, wenn die Reisenden die Frau angesprochen, sie gewarnt hätten.

Statt Ignoranz, mehr Akzeptanz, Toleranz und Weitsicht– das wünscht sich auch Karina Wuttke (38) aus Zehlendorf. Sie ist von Geburt an blind. Der Berliner KURIER hat die Frau, die Berlin erspüren kann, einen Tag begleitet.

Wir treffen uns um 10 Uhr an der Weltzeituhr. Karina Wuttke ist überpünktlich und hat wie immer ihr „Augenlicht“ Golden Retriever Portis (8) an ihrer Seite. Als Junghund wurde er ein Jahr lang ausgebildet. Er erkennt Hindernisse wie Ampeln, Treppen und sogar hängende Äste, in dem er sie umgeht, langsamer wird oder stehen bleibt – das Zeichen für Karina, aufzupassen. Insgesamt 30 Kommandos hat Portis drauf – von voran bis links und rechts.

Auf dem Weg zur Galeria Kaufhof stoßen wir auch schon auf unser erstes Hindernis. Der Weg hat eine Erhebung – eine Stolperfalle für Karina. Doch Portis wird kurz vorher langsamer. „Ich spüre das am Geschirr und taste mich so an das Hindernis heran und herüber“, sagt Karina.

Im Kaufhof wird sie freundlich von Verkäuferin Karla Heuer angesprochen. Zwölf extra geschulte Mitarbeiter begleiten sehbehinderte Menschen auf Anfrage beim Einkauf. Karina: „Ich kaufe am liebsten Kosmetik von L’Occitane. Das ist die einzige Firma, die Produkte mit Blindenschrift hat.“

Nach zwei, drei Schnuppertests entscheidet sich Karina für ein Duschbad für sich und eines für ihren Freund, der Busfahrer ist. Was Karina beim Bezahlen mit EC-Karte oft hört: „Bitte bestätigen Sie mit der grünen Taste ...“ Karina lacht: „Die Anmerkung: ,unten rechts’ wäre eindeutiger für mich. Aber dank der Warzentaste Nummer 5 kann ich mich gut auf der Tastatur orientieren.“

Vom Kaufhof schlendern wir Richtung Einkaufstempel Alexa. Plötzlich saust ein Fahrradfahrer dicht an Karina und Portis vorbei – beide erschrecken sich. Karina: „Das passiert ständig. Ich wünsche mir mehr Rücksichtnahme und Verständnis – neben den Radlern auch von Autofahrern. Wagen mit Elektro-Motor zum Beispiel kann ich kaum hören.“

Auch vor der Ampel am Alexa nehmen Passanten kaum Notiz von Karina. Sie stehen vor dem Knopf für Blinde, der das Signal zum Gehen aktiviert: Das Klopfgeräusch zeigt Blinden den Standort der Ampel, das Piepsen, dass sie gehen können. Aber ohne Knopfdruck – kein Klopfen und kein Piepsen – Karina muss sich wieder auf ihren Hörsinn und auf Portis verlassen.

Die Kritik von Manfred Scharbach, Geschäftsführer vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin: „Von den rund 2000 Ampeln der Stadt sind 700 für Blinde nicht benutzbar, weil da kein akustisches Signal abgegeben wird. Darüber hinaus muss in Bussen und Straßenbahnen endlich angesagt werden, welche Linie eingefahren ist und wohin sie fährt – Blinde können nun mal Leucht-Buchstaben nicht lesen. Seit Jahren fordern wir das von der BVG – vergebens.“

BVG-Sprecher Markus Falkner zum KURIER: „Wir planen ein Pilot-Projekt. Sobald es Konkretes gibt, werden wir die Details mit den Blindenvereinen besprechen.“

Was Karina nervt: Wenn Leute Portis ansprechen oder streicheln und unangeleinte Hunde an ihm schnuppern. „Er ist dann abgelenkt. Das kann für mich gefährlich werden“, sagt die junge Frau, die für den Verein Deutsche Blindenführhundhilfe tätig ist.

Was Blinden auch oft passiert: An Kreuzungen werden sie plötzlich von „hilfsbereiten“ Passanten am Arm genommen und rübergeführt. Karina: „Das ist zwar nett, aber nicht hilfreich. Blinde verlieren so die Orientierung. Wer helfen will, sollte Blinde bitte ansprechen.“

Am Ende unserer Tour auf der Wiese vor dem Fernsehturm nimmt Karina Portis das Geschirr ab – das Zeichen für ihn – er hat jetzt Pause und darf unangeleint toben.

Karina: „Schon oft wurden wir vom Ordnungsamt angesprochen, dass der Hund angeleint sein muss. Arbeitshunde wie Portis müssen das nicht. Sie brauchen auch im Bus keinen Maulkorb und dürfen in alle Geschäfte. Portis und ich können auch dort spazieren gehen, wo Hundeverbot ist – wie am Schlachtensee. Denn Blinde wie ich sind auf den Hund angewiesen. Das Personal müsste diesbezüglich mehr geschult werden.“

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