Sie sind der Stolz des Charité-Centrums für Schlaganfallforschung Berlin (CSB), und auch die Berliner Feuerwehr brüstete sich bislang damit. Doch jetzt ist um die Stroke-Einsatzmobile, kurz Stemo, ein Streit entbrannt. Die für Schlaganfallpatienten konzipierten Rettungswagen, die mit Computertomografen und Minilabor ausgerüstet sind, sollen abgeschafft werden. Das empfiehlt der Innenausschuss des Abgeordnetenhauses, der am Montag den Doppelhaushalt 2020/21 beraten hat.
Der Regierende Bürgermeister jedoch hat eine andere Sicht: „Die beteiligten Ressorts befinden sich weiterhin miteinander im Gespräch“, hieß es am Dienstag aus der Senatskanzlei. In diesem Kontext habe Michael Müller (SPD) unmissverständlich deutlich gemacht, dass das Projekt bis mindestens 2021 weitergeführt wird.
Die Kritik an den Wagen geht unter anderem von der Feuerwehr aus. Sie habe moniert, dass der wissenschaftliche Nutzen der Fahrzeuge nicht erwiesen sei, sagte Innensenatssprecher Martin Pallgen. Innensenator Andreas Geisel (SPD) folge dieser Einschätzung. Die frei werdenden Mittel von sechs Millionen Euro wolle man lieber in zusätzliche reguläre Rettungswagen investieren.
Neurologie-Professor Heinrich Audebert leitet das Stemo-Projekt vonseiten der Charité.
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An der Charité ist man verärgert über den Beschluss. „Diese Entscheidung kam für uns überraschend. Sie ist voreilig und wissenschaftlich unbegründet“, sagt Heinrich Audebert vom CSB, der das Stemo-Projekt mit initiiert hat. Der Professor will sich nun dafür einsetzen, dass der Beschluss im letztlich für den Doppelhaushalt zuständigen Hauptausschuss nicht umgesetzt wird.
Audebert verweist darauf, dass die Bewertung des Projekts noch gar nicht abgeschlossen ist. Sie habe sich verzögert, weil etliche organisatorische Probleme auftraten, nachdem die Fahrzeuge ab 2016 in den Proberegelbetrieb überführt worden seien. Noch stehe die Lösung der letzten Probleme aus. „Erst dann lässt sich sagen, ob sich das Projekt bewährt oder nicht“, sagt er.
Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute
Audebert ist zuversichtlich: „Wir können die Zeit bis zum Behandlungsbeginn im Schnitt um 25 Minuten verkürzen. Das hat eine große Studie gezeigt.“ Zuletzt sei sie wegen der Probleme auf 19 Minuten gesunken. Das sei zu verbessern, wie bereits gezeigt. Er hofft, auf die Chance, das zu beweisen. In Berlin gibt es drei Stemos. Sie sind in Marzahn, Mariendorf und Charlottenburg stationiert. Die Wagen, die jeweils eine Million Euro gekostet haben, sind mit einem Spezialistenteam besetzt, zu dem ein Neurologe, ein Rettungs- und ein Radiologieassistent gehören.
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) wirft einen Blick in den Stemo: In dem Rettungswagen gibt es ein Gerät für CT-Aufnahmen.
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Das Projekt wurde von Charité und Feuerwehr initiiert, weil nach einem Schlaganfall jede Minute zählt. Schließlich gilt es, Nervenzellen vor dem Absterben zu bewahren. Doch zunächst muss klar sein, was den Schlaganfall hervorgerufen hat. Das kann ein Blutgerinnsel sein oder eine Blutung im Gehirn. Bei einem Gerinnsel muss schnell die Lysetherapie erfolgen, die den Pfropf auflöst.
Bislang sprach alles für den weiteren Einsatz der Stemos
Doch zuvor ist per Computertomografie (CT) eine Hirnblutung auszuschließen. Sie ist bei etwa zehn Prozent der Patienten die Ursache für den Schlaganfall. Bei einer Blutung ist Lyse die falsche Behandlung, sie würde die Blutung verstärken. Die Patienten brauchen stattdessen Blutdrucksenker. Weil die Stemos mit einem CT ausgerüstet sind, kann die Ursachenforschung noch vorm Haus des Patienten beginnen. Liegt ein Gerinnsel vor, startet auch die Lyse im Rettungswagen.
Bislang sprach alles für den weiteren Einsatz der Stemos. „Die Behandlung erfolgt nicht nur schneller. Ein Registervergleich hat auch gezeigt, dass weniger Patienten bleibende Schäden davontragen und dass tödliche Verläufe seltener sind“, sagt Audebert.
Längere Anfahrtszeit, schnellere Behandlung
Bei der Feuerwehr scheint man nicht überzeugt von dem Projekt. „Es ist gut, dass die Stroke-Einsatz-Mobile abgeschafft werden. Sie sind überflüssig“, sagt ein erfahrener Notfallsanitäter. „Sie brauchen wesentlich länger zum Patienten als ein Rettungswagen, der nach acht Minuten da ist.“ Das stimme, bestätigt Heinrich Audebert.
Der Rettungsdienst sei 8 bis 10 Minuten nach dem Notruf vor Ort, der Stemo benötige im Schnitt 15 bis 16 Minuten. Die längere Wartezeit lohne sich aber, weil es letztendlich darum gehe, wie viel Zeit bis zur Behandlung verstreiche. Und das seien beim Stemo 52 Minuten und bei einem Rettungswagen, der den Patient ins Krankenhaus bringt, 76 Minuten.
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