Knacki Silberlocke

Immer mehr Rentner hinter Gittern

Der demografische Wandel macht auch vor den Gefängnissen nicht halt.

Katrin Bischoff
Lesezeit 5 Min
Sieht aus wie in einem Park, ist aber der Gefängnishof der JVA Singen. Ein verurteilter Senior genießt auf einer Bank die Sonnenstrahlen.

Sieht aus wie in einem Park, ist aber der Gefängnishof der JVA Singen. Ein verurteilter Senior genießt auf einer Bank die Sonnenstrahlen.

© imago/epd

Jürgen Schleicher sieht so aus, wie man sich einen Trainer vorstellt. Groß und athletisch. Schleicher ist 57 Jahre alt. Er arbeitet seit fast 30 Jahren im Vollzugsdienst, seit neun Jahren ist er Sportbeamter in der Justizvollzugsanstalt Tegel, einer der größten Deutschlands. Schleicher ist einer von drei Trainern, die hier mit den Gefangenen arbeiten.

Schleicher erzählt, dass das Vollzugsgesetz noch keine sportliche Betätigung für Inhaftierte vorgesehen habe, als er Bediensteter geworden sei. Mittlerweile ist der Sport für unter 21-Jährige Pflicht, für die Älteren fakultativ. Es gibt sogar Seniorensport im Knast.

Fünfmal in der Woche treffen sich in der Sporthalle betagte Betrüger, Totschläger und Mörder, die in Tegel ihre langjährigen Haftstrafen absitzen. Um fit zu bleiben. Die Angebotsliste reicht vom leichten Fitnesstraining über Walken, Tischtennis, Fußball, Volleyball bis hin zu Badminton.
Sport baue Aggressionen ab. Und dies sei gut für die Resozialisierung, sagt Schleicher. Ab dem 40. Lebensjahr dürfen die Knackis in Tegel zum Seniorensport. „Da ist beim Fußball oder Volleyball viel mehr Ruhe drin, als wenn 20-Jährige Fußball spielen.“ Jüngere Gefangene nehmen wenig Rücksicht auf ältere Inhaftierte.

Alter schützt vor Strafe nicht

Dass es Seniorensport gibt, ist nicht ungewöhnlich. Der demografische Wandel macht auch vor den Inhaftierten der Justizvollzugsanstalten nicht halt. Auch Gerichte müssen sich zunehmend mit betagten Angeklagten auseinandersetzen. Alter schützt vor Strafe nicht.

In Berlin sorgten im ersten Halbjahr zwei Fälle für Schlagzeilen. Im Januar wurde ein 78-Jähriger zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er in einem Neuköllner Pflegeheim seinen Bettnachbarn erdrosselt hatte. Den Mann hatte das ständige Husten seines Mitbewohners genervt. Im Mai wurde der 78-jährige Hans-Joachim U. zu fünf Jahren Haft verurteilt. Der einstige Feuerwehrmann hatte seine 77 Jahre alte Lebensgefährtin in Spandau mit einem Messer erstochen. Seine Lebensgefährtin wollte sich von ihm trennen. Und U. hatte Angst, vor dem Nichts zu stehen.

Straffrei bis er 78 Jahre alt war. Dann erstach der einstige Feuerwehrmann Hans-Joachim U. in Spandau seine Lebensgefährtin, die sich von ihm trennen wollte.

Straffrei bis er 78 Jahre alt war. Dann erstach der einstige Feuerwehrmann Hans-Joachim U. in Spandau seine Lebensgefährtin, die sich von ihm trennen wollte.

© BK

„Die Zahl der älteren Angeklagten nimmt zu“, sagt Paul Vogel. Der Anwalt vertrat Hans-Joachim U. im Verfahren wegen Totschlags. Es sei aber eher die Ausnahme, dass alte Menschen ihre Lebensgefährten umbringen. Vogel nennt den Fall seines Mandanten absolut tragisch: Hans-Joachim U. habe als Feuerwehrmann sein Leben lang Menschen geholfen. Er habe straffrei gelebt – bis zu diesem Messerangriff. Vogel glaubt, dass Hans-Joachim U. nach Tegel komme. „Aber er wird wohl nicht sehr lange dort sein.“ Schließlich sollen Strafgefangene in Deutschland nicht in Haft sterben.

Baden-Württemberg hat eine Haftanstalt eigens für Alte

Die Zahl der Alten im Gefängnis wächst bundesweit. Zwar gingen die Zahlen aller verurteilten Straftäter von 773.901 im Jahr 2012 auf 739.487 im Jahr 2016 zurück. Doch gleichzeitig stieg die Zahl der über 70-jährigen Verurteilten von 13.688 auf 14.483. Baden-Württemberg ist das erste Bundesland, das eine Haftanstalt eigens für Alte eröffnete. In der Justizvollzugsanstalt Konstanz, Außenstelle Singen, gibt es 50 Haftplätze. Dort verbüßen nur über 62-Jährige ihre Gefängnisstrafen in barrierefreien Zellen. Bedienstete dort erhalten laut Justizministerium eine Weiterbildung zum Sportübungsleiter und eine ergotherapeutische Ausbildung. „Die demografische Entwicklung spiegelt sich auch in unseren Gefängnissen wider: Wenn die Gesellschaft im Durchschnitt immer älter wird, steigt auch der Anteil älterer Gefangener“, sagt der baden-württembergische CDU-Justizminister Guido Wolf. Deswegen seien auch beim Neubau der JVA Rottweil spezielle Unterbringungsmöglichkeiten für ältere Gefangene vorgesehen.

Die gibt es auch im Berliner Justizvollzug – in den derzeit vorhandenen 21 barrierefreien Hafträumen mit behindertengerechten Toiletten. Eine eigene Seniorenanstalt wie in Baden-Württemberg sei aber nicht in Planung, heißt es aus der Justizverwaltung. „Wir wollen die älteren Gefangenen nicht isolieren“, begründet Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Wenn ein alter Mensch in Haft pflegebedürftig werde, könne er begnadigt werden, um nicht in Haft sterben zu müssen. In einem Pflegeheim werde er besser betreut. 2017 starben sechs Menschen in Berlins Knästen eines natürlichen Todes, ein Jahr darauf waren es fünf. Wie alt die Menschen waren, dazu macht die Justizverwaltung keine Angaben.

Ältester Gefangener in Berlin ist 85

Dabei wächst auch in Berlin die Zahl der alten Inhaftierten. Waren im Jahr 2010 nur drei Prozent der Strafgefangenen älter als 60 Jahre, so stieg die Zahl sechs Jahre später auf vier Prozent – 133 Menschen. Vor einem Jahr hatten schon 142 Strafgefangene das 60. Lebensjahr überschritten. Davon waren neun Inhaftierte 75 Jahre alt und älter. Der älteste Gefangene in Berlin ist 85. Der Mann sitzt laut Justizverwaltung seit Februar 1969 in Haft und wolle nicht mehr entlassen werden.

Dieses nicht mehr Herauswollen aus den Zellen bei älteren Gefangenen und die damit einhergehenden psychischen Veränderungen soll der Seniorensport in Tegel verhindern. „Wir wollen mit dem Sportangebot die Menschen aus ihren Hafträumen, aus ihrer Isolation herausholen“, sagt der Sportbeamte Jürgen Schleicher.

So wie Antoni S. Der 64-Jährige trägt Jogginganzug und Turnschuhe. Der gelernte Fernsehtechniker sitzt wie etwa 60 andere Männer in Tegel eine lebenslange Freiheitsstrafe ab. Wegen Mordes. Er habe den Peiniger seiner Tochter umgebracht, sagt er. Seit drei Jahren ist er in Tegel, hat aber zuvor schon in anderen Haftanstalten Teile seiner Strafe verbüßt. Wenn alles gut geht, kommt Antoni S. 2025 in Freiheit. Die Familie in Polen halte nach der Tat zu ihm, erzählt er. Doch was ihn wirklich durchhalten lasse, sei der Sport.

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