Schwindel ist nicht gleich Schwindel. Er kann uns im Liegen treffen, beim Treppensteigen oder aus heiterem Himmel - aus unterschiedlichen Gründen. Alle drei genannten Systeme der Ohren, der Augen und der Haut versorgen das Gleichgewichtszentrum permanent mit Informationen. Fällt ein System aus oder liefert plötzlich weniger oder andere Informationen als bisher, reagiert der Körper mit Schwindel.Bei dieser Stressreaktion wird Adrenalin ausgestoßen, Blutdruck und Herzfrequenz steigen an, die Muskulatur versteift zum Schutz vor Stürzen, es kommt zu vegetativen Reaktionen wie Übelkeit und Erbrechen.Die verschiedenen Schwindelformen und wie man sie in den Griff bekommt:ReizschwindelDiese Form des Schwindels ist so ziemlich jedem bekannt, einige machen Bekanntschaft mit ihm im Karussell, andere auf der Aussichtsplattform des Eiffelturms und wieder andere auf einem Kreuzfahrtschiff. Der Reizschwindel ist ein Schutzmechanismus, der dem Gehirn eine mögliche Gefahr meldet, beispielsweise, dass man zu dicht am Klippenrand steht oder vom heftigen Drehen beim Walzer stürzen könnte.Kreislaufbedingter SchwindelWem morgens beim Aufstehen schwarz vor Augen wird, oder wenn er aus der Hocke schnell in den Stand kommt, der leidet vermutlich unter einem so genannten Benommenheitsschwindel. Man fühlt sich häufig schlapp, kraftlos, wie kurz vor einem Ohnmachtsanfall. Dahinter können ein zu schwacher Blutdruck, eine übertriebene Diät oder Hormonschwankungen stecken, die auf den Kreislauf schlagen. Um den Kreislauf in den Griff zu bekommen, sollte er trainiert werden. Das funktioniert am besten mit leichten Ausdauersportarten oder täglichen Wechselduschen. Für Notfälle Traubenzucker parat haben. Oftmals sackt der Kreislauf als Folge einer leichten Unterzuckerung ab. Der kleine Zuckerschub bringt ihn schnell wieder in Gang.Gutartiger Lagerungs-SchwindelEr ist mit Abstand die häufigste Schwindelform und glücklicherweise auch am einfachsten zu behandeln. Bei kurzen Schwindelattacken scheint sich die Umgebung zu drehen, Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbrüche und Angst sind die Begleiter. Auslöser sind kleine Kalksteinchen (Otolithen), die sich im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs lösen. Sie schweben dann durch die Flüssigkeit, lassen sich im Bogengang nieder und sorgen durch ihre Bewegung beim Umdrehen für heftige Irritationen.Die Diagnose ist meist leicht gestellt. Der Patient wird dafür schnell aus dem Sitzen in eine Seitlage gekippt, bei der der Kopf hinter dem Ohr aufliegt. Der Arzt kann dann in den Augen, die mit einem Nystagmus reagieren, erkennen, welches Ohr erkrankt ist. Als Nystagmus wird eine Abfolge von langsamen ruhigen Augenbewegungen seitlich in die eine Richtung und schnellen zuckenden Bewegungen in die entgegensetzte Richtung bezeichnet.Auch die Behandlung des gutartigen Lagerungsschwindels basiert auf einfachen Prinzi-pien und neun von zehn Patienten sind nach wenigen Arztbesuchen wieder völlig schwindelfrei. Durch bestimmte Bewegungen des Kopfes folgen die gelösten Kalksteinchen in ihrer Trägerflüssigkeit der Schwerkraft und werden so aus dem Bogengang herausbugsiert.Morbus-MenièreMorbus-Menière-Attacken kommen schlagartig, dauern manchmal wenige Minuten, manchmal Stunden. Zunächst ist nur ein einziges Symptom des Krankheitsbildes spürbar: Ohrdruck, Ohrgeräusche, Schwindel oder Schwerhörigkeit. Zu diesem frühen Zeitpunkt, zu dem sich bei Behandlung noch alle Beschwerden zurückbilden können, ähnelt das Bild einem Hörsturz. Meist erst im Verlauf der Erkrankung treten alle Symptome gemeinsam auf, die dann auch dauerhaft bleiben: als Schwerhörigkeit, als Tinnitus oder als Verlust des Gleichgewichtsorgans. Ursache ist eine Funktionsstörung im Gleichgewichtsorgan. Dabei gerät durch einseitigen Überdruck die Flüssigkeitsbalance aus dem Ruder. Ausgangspunkt könnte eine Virusinfektion oder immulogische Erkrankung sein, die zu einer Entzündung im Innenohr führte. Medikamente können das Leiden lindern. Die langdauernde vorsorgliche Behandlung mit dem Wirkstoff Betahistin in einer hohen Dosierung ist derzeit die Methode der Wahl.SchwankschwindelIm Unterschied zum Lagerschwindel kommt es beim sogenannten Schwankschwindel zu Unsicherheit beim Stehen und Gehen. Außerdem stürzen diese Patienten leicht. Dafür sind Übelkeit und Erbrechen eher selten. Häufigste Ursache ist eine beidseitige Störung der Funktion der Gleichgewichtsorgane im Innenohr. Dies wird leider meist nicht festgestellt, obwohl die Diagnose mit dem sogenannten Kopfdrehtest ganz einfach und quasi im Kopfumdrehen möglich ist, wie Professor Strupp betont.Wenn aber das Kleinhirn betroffen ist, wird der Gang breitbeinig und etwas wackelig. Liegen solche Auffälligkeiten vor, dann sollte zur Diagnose unbedingt ein Neurologe hinzugezogen werden. Bei der Behandlung spielen aktive krankengymnastische Übungen mit Gleichgewichtstraining und Gangschulung die wichtigste Rolle, nach dem Motto den Patienten zum Seiltänzer oder die Patientin zur Prima Ballerina zu machen.Schwankschwindel kann auch visuell ausgelöst werden. Ärzte sprechen vom visuellen Schwindel mit Bewegungskrankheit. Dabei wirken großflächige Bewegungsreize wie in Großbildkinos oder in Flugsimulatoren auf uns ein. Das Auge nimmt starke Bewegungsreize auf, doch der Körper bleibt bewegungslos im Sessel sitzen. Dieser Widerspruch kann zu einem Schwankschwindel mit Erbrechen führen.AngstschwindelDie häufigste Form von Schwankschwindel wird als phobischer Schwankschwindel bezeichnet, der meist im Zusammenhang mit besonderen psychischen Belastungen auftritt. Bei Frauen häufig zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, bei Männern zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr. Beide Geschlechter sind glei-chermaßen betroffen. Weil die Beschwerden als bedrohlich wahrgenommen werden, wird der Effekt durch eine ängstliche Erwartungshaltung vor der nächsten Attacke verstärkt. Sie werden häufig durch besondere Situationen bewirkt: Kaufhäuser, Menschenansammlungen, weite Plätze, enge Gänge. Auch große leere Räume oder die Angst vor dem nächsten Meeting mit dem Abteilungsleiter, die Unsicherheit vor einem ungewohnten Vortrag vor großem Publikum kann Schwankschwindel auslösen. Der Arzt kann häufig keinen krankhaften Befund feststellen. Professor Strupp: "Vor allem Menschen mit ausgeprägtem Kontrollbedürfnis leiden darunter. Das grundlegende Problem beim phobischen Schwankschwindel ist, dass die Betroffenen ihre Balance bewusst kontrollieren und so die Informationen der Gleichgewichtsorgane wahrnehmen, die uns normalerweise gar nicht bewusst werden." Den Patienten "gesund untersuchen", um ihn von der Angst zu befreien an einer organischen Störung zu leiden, und ihm anschließend in Ruhe den Mechanismus der Erkrankung erklären, führt in drei von vier Fällen zur Heilung.Migränebedingter SchwindelEine häufige Ursache für Schwindelattacken ist Migräne, etwa zehn Prozent unserer Patienten leiden darunter - oft ohne es zu wissen. "Denn tatsächlich haben nur zwei Drittel von diesen Patienten Kopfschmerzen und typische Begleiterscheinungen wie Licht- und Lärmempfindlichkeit", so Professor Strupp. Bei einer ganzen Reihe von Patienten tritt allein der Schwindel auf. Die Schwindelmigräne schlägt in jedem Alter zu: Auch Kinder sind betroffen. Auf einen Mann kommen statisch drei Frauen, die darunter leiden. Im Unterschied zum Morbus Menière gibt es praktisch nie Ohrgeräusche und oder einen Hörverlust. Schwierig ist die Diagnose allerdings, wenn es sich um Schwindelattacken ohne weitere Symptome handelt, was bei einem Drittel der Patienten der Fall ist. Dann hilft häufig nur eine mehrmonatige prophylaktische Behandlung, z. B. mit einem Betablocker, weiter.Die Schwindelmigräne kann sich als Dreh-, Lage- und als diffuser Schwindel bemerkbar machen, häufig haben Betroffene eine familiäre Belastung mit Migräne. Den Mechanismus kennt man noch nicht genau. Alle akuten Erscheinungen lassen sich mit schwindeldämpfenden Medikamenten (Antivertiginosa) lindern. Wenn die Patienten mehr als zwei Attacken pro Monat haben, wird eine prophylaktische Behandlung meist mit einem Betablocker über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten empfohlen.
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