Stille Stadt, heilige Stadt

Ruhiges Weihnachstfest in Bethlehem

Katrin Groth
Lesezeit 5 Min
Über Weihnachten pilgern Christen aus der ganzen Welt nach Bethlehem. Sie feiern die Geburt des Jesus-Kindes mit Gebeten und einer Parade.

Über Weihnachten pilgern Christen aus der ganzen Welt nach Bethlehem. Sie feiern die Geburt des Jesus-Kindes mit Gebeten und einer Parade.

© imago/ZUMA Press

Schon von weitem ragen sie in den Himmel, die meterhohen Türme von Weihnachtskirche, Geburtskirche, Katharinenkirche, Syrisch-orthodoxer Kirche – und ein Minarett. Bethlehem liegt in den palästinensischen Autonomiegebieten. Dem Weihnachtstrubel tat das bislang keinen Abbruch – viele Muslime feierten einfach mit. In diesem Jahr wird es stiller sein als sonst.

Das ganze Jahr über, besonders aber an Weihnachten, ziehen Pilger nach Bethlehem, zur Geburtskirche. Hier hat Jesus Christus das Licht der Welt erblickt – so steht es in der Bibel. Doch die anhaltende Gewalt im Land wirft einen Schatten auf die Feierlichkeiten.

Darüber kann auch der 15 Meter hohe Weihnachtsbaum auf dem Krippenplatz vor der Geburtskirche nicht hinwegtäuschen. An den Zweigen flackern tausend kleine Lichter, in schwarz, rot, weiß und grün – den palästinensischen Nationalfarben.

Durch die schmalen Gassen der Altstadt, über den arabischen Markt, gelangen Besucher zum zentralen Platz für Pilger und Weihnachtsfans: auf den Manger Square, den Krippenplatz. Vorbei an Juwelieren, deren Schaufenster über und über mit Gold-Schmuck behangen sind. Vorbei an Modeläden, die traditionelle Gewänder für Frauen verkaufen – hier tragen die Schaufensterpuppen Kopftuch. Vorbei an Ständen mit frischen Orangen und leuchtend grünen Oliven. Und vorbei an alten Frauen, die auf der Erde hockend frische Minze feilbieten.

Aller Pilger Ziel ist die Geburtskirche. Hier soll es passiert sein, vor 2015 Jahren. Eine steile Treppe aus schwarzem Stein führt hinter dem Altar hinab in die Tiefe. Frauen ziehen ihr Kopftuch fester, vorsichtig nehmen sie die ausgetretenen Stufen hinab in die Grotte. Ein Mann im schwarzen Gewand weist mit der Hand nach rechts. Das ist sie, die Stelle, an der Jesus geboren wurde. Geboren worden sein soll, ganz unumstritten ist dieser Ort unter Theologen nicht.

Folgt man der Weihnachtsgeschichte, begab es sich so: Kaiser Augustus wollte alle Menschen im Römischen Reich zählen lassen. So musste ein jeder in seine Heimatstadt gehen, sich zu registrieren. 

Auch der Zimmermann Josef aus Galiläa machte sich deshalb auf den Weg nach Bethlehem. Zusammen mit seiner hochschwangeren Verlobten Maria. Als sie nach mehrtägiger Reise ankamen, stand die Geburt bereits kurz bevor. Doch Josef und Maria fanden keinen Platz in einer Herberge. Erst eine arme Bauersfrau gewährte ihnen Unterschlupf in ihrem Stall.

Im Stall, der in eine Felsengrotte eingebaut war, standen ein Ochse, ein Pferd, ein Esel und ein Schaf. Die Nacht war kalt, die Tiere wärmten Maria und Josef. So geschützt, brachte Maria ihr Kind zur Welt. Sie legte es in die Futterkrippe.

Hirten, die in der Gegend ihre Herde hüteten, sahen einen Engel. Er sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr!

Wo einst die Krippe gestanden haben soll, prangt heute ein Stern, der Stern von Bethlehem. Schimmernde Metallleuchten tauchen die Grotte in rotes und blaues Licht, zwei Öl-Kerzen flackern im Luftzug.

Im 6. Jahrhundert wurde die Geburtskirche über der Stelle errichtet, in der Maria Jesus geboren haben soll. Die Gläubigen fallen bei dem Anblick auf die Knie, küssen den Boden. Für Sekunden verharren sie vor dem Altar, halten inne, beten.

Wieder draußen könnten die Gegensätze kaum größer sein. Stolz reckt die Omar-Moschee ihr schlankes Minarett in den Himmel, überall duftet es nach Gewürzen und dampft aus Töpfen. Es riecht nach Curry und Za’atar, dem typischen Gewürz der Palästinenser. Nach frittierten Falafelbällchen und Schawarma. Und nach frischen Backwaren, die von wagenradgroßen Kuchenblechen am Straßenrand verkauft werden.

Bethlehem, das ist: Geburtsort von Jesus, heilige Stadt, Pilgerstadt. Und palästinensisch. Anders als man vermuten würde, leben in der für Christen so bedeutenden Stadt immer weniger Gläubige. Ungefähr 25 Prozent der knapp 30.000 Einwohner sind Christen – mit abnehmender Tendenz.

Nur an Weihnachten steigt deren Zahl sprunghaft in die Höhe. Heiligabend kommen Zehntausende Pilger in die Stadt, um die Geburt Jesus zu feiern. Mit einer großen Parade, mit Pauken, Trompeten und Dudelsäcken. Eigentlich. In diesem Jahr sind die Nächte still. Die unsichere Lage schreckt viele Touristen ab, seit im Sommer die Gewalt in Jerusalem eskaliert ist. Auch in Bethlehem kommt es immer wieder zu Gewalt.

Weihnachten ist ein Fest des Friedens, auch wenn davon aufgrund von Messerangriffen und angesichts einer meterhohen Betonmauer und vielen Checkpoints im Heiligen Land wenig zu spüren ist. „Make hummus not walls“, steht in Anlehnung an John Lennons „Make love not war“ an der Mauer um Bethlehem.

Bunte Girlanden und Sterne tauchen den Krippenplatz in ein festliches Licht. In den Schaufenstern liegt das Jesuskind hundertfach in der Krippe, umringt von blinkenden Weihnachtsmützen und geschnitzten Rentieren.

Wenn der Patriarch von Jerusalem am 24. Dezember die Mitternachtsmesse in der Katharinenkirche verliest, wenn die Glocken läuten, die Menschen für ein besseres neues Jahr beten und vielleicht eine Sternschnuppe über den Himmel huscht, spätestens dann – und wenn auch nur für einen langen Augenblick – sollte tiefer Friede und große Freude herrschen in Bethlehem. Und auf Erden.

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