Stefan Bellof († 27)

Ein Stern, der viel zu schnell verglühte

Vor 30 Jahren raste Deutschlands größtes Rennfahrer-Talent in den Tod

Wolfgang Heise
Lesezeit 5 Min
Stefan Bellof posiert lässig im Frühjahr 1985 auf einer Leitplanke. Wenige Monate später ist er tot.

Stefan Bellof posiert lässig im Frühjahr 1985 auf einer Leitplanke. Wenige Monate später ist er tot.

© imago/Sven Simon Lizenz

Es ist das Jahr 1985. Eigentlich ist es eine fröhliche Zeit im alten West- Deutschland. Modern Talking trällert „You can win, if you want.“ Falco komponiert seinen Welthit „Rock me Amadeus“. In Deutschland ist gerade ein neuer Held geboren. Boris Becker gewinnt am 7. Juli als 17-Jähriger, als erster Deutscher das Tennisturnier in Wimbledon. 56 Tage später verglüht ein anderer Stern im Sportkosmos viel zu schnell. Formel 1-Rennfahrer Stefan Bellof rast mit 27 Jahren in den Tod.

Der 1. September ist der 30. Todestag des deutschen Rennfahrers, den viele damals für den kommenden Weltstar im Formel-1-Zirkus hielten. An dieser Stelle sei es erlaubt, den siebenfachen Weltmeister Michael Schumacher mit seinen Worten aus dem Jahre 2010 zu zitieren: „Wenn Stefan nicht verunglückt wäre, hätte es meine Karriere vielleicht nie gegeben.“

Bellof hatte den Vollgas-Instinkt wie Schumacher oder Ayrton Senna, doch er hatte noch ein bisschen mehr. Fröhlichkeit, Lockerheit und Lebensfreude pur. Sein strahlendes Wesen erinnerte in den 80er-Jahren an Jochen Rindt, den österreicherischen Rennfahrer mit Sex-Appeal, der Ende der 60er alle faszinierte. Rindts tödliches Schicksal war 1970 in Monza eine zerbrochene Bremswelle.

Doch was war es bei Bellof? Noch heute rätseln viele, wie es zum katastrophalen Unfall mit dem Belgier Jacky Ickx beim 1000-km-Rennen in Spa-Francochamps in der berüchtigten Eau Rouge kommen konnte.

Noch heute gilt es als unmöglich, in dieser Kurve in einer Senke zu überholen. Bellof versuchte es mit seinem Porsche 956 an diesem 1. September 1985 trotzdem, stieß mit Ickx zusammen und krachte mit unverminderter Geschwindigkeit genau in einen Betonpfeiler hinter der Leitplanke.

Der Porsche war am Vorderwagen um 90 Grad gebogen. Bellof hatte keine Chance zu überleben. Was trieb ihn zu diesem tödlichen Fahrmanöver? Noch vor dem Rennen sagte er im TV-Interview: „In der Eau Rouge ist es zu gefährlich zu überholen.“ Trotzdem war sein Motto: „Wenn ich ängstlich wäre, könnte ich nicht Gas geben.“

Bellof verstand sich nicht mit Ickx. Er nannte ihn flapsig nur „Jakob“. Der alternde Konkurrent (damals 40, heute 70) mochte den jungen Platzhirsch auch nicht. Fakt ist: Ickx erhielt vorher die blaue Flagge, die Warnung, den schnelleren Verfolger vorbeiziehen zu lassen. Ickx fuhr rechts in die Todeskurve ein und machte einen fatalen Schlenker nach links und die Wagen krachten zusammen. Dachte Bellof in diesem Moment, dass Ickx ihn an dieser unmöglichen Stelle vorbeilässt?

Ex-Rennfahrer Jochen Mass war beim Rennen in Belgien dabei: „Diese Kurve war eine Einladung zum Desaster.“ Mass hält nichts von Anschuldigungen gegen Ickx: „Das ist doch alles Quatsch. Der Jacky fuhr seine Linie – da überholt man nicht. Deshalb achte ich auch nicht darauf, ob mich da einer möglicherweise überholen will. Vielleicht ist Jacky da unten auch besonders vorsichtig gefahren und Stefan glaubte, er könnte ihn da überholen – wär ja auch schön gewesen, außen Jacky Ickx zu überholen in der Eau Rouge, da hätte jeder gesagt: der Größte!“

Bellof war gerade dabei, im rasenden Tempo zum neuen Superstar der Formel 1 zu werden. 1983 bekam er bei Porsche einen Platz im Sportwagen-Team. Er ist bis heute der einzige, der die Nürburg-Nordschleife im Schnitt mit mehr als 200 km/h fuhr. Ein Jahr später klopften die Formel-1-Ställe an: BMW ging nicht wegen des laufenden Porsche-Vertrags. Er kam bei Tyrrell unter. Ein Bolide, der haushoch unterlegen war, weil er keinen Turbomotor besaß und 150 PS weniger hatte.

Trotzdem schlug 1984 seine große Stunde beim Großen Preis von Monaco. Es regnete und Bellof zeigte sein ganzes Können mit dem schwächeren Wagen: von Startplatz 20 auf Rang 3, nur noch Ayrton Senna und Alain Prost waren in den Gassen von Monte Carlo vor ihm. Dann wurde das Rennen abgebrochen.

Enzo Ferrari schaute in Italien das Rennen am Fernseher und entschied: „Den jungen Deutschen will ich haben.“

Bellof unterschrieb bei dem Ferrari-Patriarchen persönlich. Doch er musste wegen des Porsche-Vertrags warten. 1985 fuhr Bellof zweigleisig: Formel 1 bei Tyrrell und Sportwagen. In der Saison 1986 wäre er die rote Göttin gefahren. Doch dann kam die Eau Rouge in Belgien.

Bellofs damalige Verlobte Angelika Langner (57, heute verheiratet mit Ex-Rennfahrer Harald Grohs) sagt zu dem Crash mit Ickx: „Ich habe nie ein Wort verloren, dass Ickx schuld ist. Nur die beiden wissen, was da passiert ist.“ Der Belgier leidet noch heute: „Dass ich in den Unfall verwickelt war, war schrecklich für mich. Es war ein völlig dummer, unnötiger Unfall. Das sind Dinge, die du niemals vergisst, niemals. Man kann es nicht rückgängig machen.“

Bellofs Stern verglühte zu schnell. 1985, das Jahr war nur bis zum September fröhlich und Tina Turner sang den Blues: „We don’t need another hero.“

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