Die Berliner Mieten-Landschaft steht vor einem Flächenbrand: 28 000 Sozialwohnungen sind von abenteuerlichen Preis-Steigerungen bedroht! Seit der Senat 2003 den Ausstieg aus der Förderung beschloss, steht gigantischen Miet-Erhöhungen nichts mehr im Weg. Bis zu 21 Euro pro Quadratmeter können verlangt werden! Und wirklich: Immer mehr Vermieter nutzen diese Spielräume inzwischen schamlos aus, um ärmere Bewohner aus ihren Kiezen zu vertreiben. So entsteht Platz für mehr Reichen-Wohnraum in der City."Schon jetzt erleben wir Miet-Erhöhungen von 30 Prozent und mehr", empört sich Reiner Wild, Chef des Berliner Mietervereins. Betroffen sind vor allem Viertel innerhalb des S-Bahnrings, speziell auf der West-Seite des einstigen "Todesstreifens". Wo zu Mauerzeiten keiner wohnen wollte, lebt man 21 Jahre später im Herzen einer Metropole. Wer dort ein Haus besitzt, kann kassieren: Wenn nur diese armen Mieter-Schlucker nicht wären!Beispiel Fanny-Hensel-Kiez: Nur einen Steinwurf von den Glas-Fassaden des Potsdamer Platzes entfernt, stehen die "Schimmelhäuser" von Kreuzberg. Pilz-Befall in vielen der 150 Wohnungen ist aber nur das kleinere Problem der Leute: "Die Miet-Steigerungen von 30 Prozent bis zu mehreren hundert Prozent zwingen viele zum Auszug. Aber passender Ersatz lässt sich im Kiez kaum finden", sagt Sebastian Jung von der Initiative "Sozialmieter.de".Bewohner mit Migrations-Hintergrund fühlen sich im Multikulti-Viertel bestens integriert. Doch das Jobcenter sieht ihre Zukunft längst eher in Hellersdorf - oder in Brandenburg.Die Bilder gleichen sich: Im Mietshaus an der Charlottenstraße 97a sind 55 Wohnungen betroffen. Eine Ecke weiter, an der Kochstraße 28/29 und der Wilhelmstraße 40/41, hat der Miet-Horror 103 Wohneinheiten erfasst. Ein verzweifelter Selbstmord schockierte die Bewohner der Akazienstraße 6 in Schöneberg: Dort nahm sich der engagierte Mieter-Aktivist Dieter Bernhardt († 52) in der Nacht zum 2. Mai das Leben. Einer Bekannten hatte er Tage zuvor gesagt: "Ich muss wohl erst am Galgen aus dem Fenster hängen, bevor die Politik sich bewegt."Genau hier liegt das Problem, denn es ist erklärte Sparpolitik des rot-roten Senats, Sozialbauten aus Kostengründen nicht mehr mit Steuergeld zu subventionieren. Unterm Strich geht es derzeit um 713 Gebäude von 538 Unternehmen: Bei 476 Häusern ist die Förderung schon ausgelaufen, die übrigen Bauten folgen in den Jahren bis 2016.Bei der Entscheidung ging der Senat davon aus, dass die Hauseigentümer die Mieten höchstens um zwei Euro pro Quadratmeter erhöhen würden. Denn üppigere Preise seien am Markt nicht durchsetzungsfähig. Doch weit gefehlt! "Der Ausstieg nach der Rasenmäher-Methode führt jetzt zu etlichen sozialen Härtefällen", sagt der Berliner CDU-Baupolitiker René Stadtkewitz. Er setzt sich für eine gezielte, persönliche Förderung von sozial schwachen Mietern ein, um "die häufig zu recht beklagte Ausgrenzung zu stoppen".Immerhin: Die seit Monaten anhaltende Kritik der Opposition zwingt Berlins Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) dazu, jetzt öffentlich über ein neues "Wohnraumförderungsgesetz" nachzudenken. Es soll die Sozialmieten begrenzen, eine Vorlage könnte bis Herbst erarbeitet sein. Noch ist aber unklar, wie weit sich der Senat damit von seiner Politik verabschiedet. Oder ob er nur Kosmetik betreibt, um allzu laute Gegner zu besänftigen."Wir befürchten, dass der Senat nur einer besonderen Gruppe von Sozialmietern hilft. Das sind diejenigen, deren Wohnhäuser noch in der auslaufenden Förderung drin sind", sagt Mieter-Aktivist Sebastian Jung. Er betont, dass die Betroffenen-Gruppen eine Spaltung in "Sozialmieter erster und zweiter Klasse" auf keinen Fall hinnehmen werden. Mehr als 10 000 Opfer verfehlter Politik seien keine unvermeidlichen Einzelschicksale. Der Senat habe im Ernstfall mit einer Verfassungsbeschwerde zu rechnen.Von der Verdrängung aus ihren angestammten Kiezen sind aber nicht nur Sozialmieter betroffen. Überall in Berlin verändern Wohnviertel rasant ihr Gesicht. Das bekannteste Beispiel: der Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Wo nach dem Mauerfall die Alternativ-Kultur blühte, sitzen jetzt zugezogene Werbe-Berater, Jung-Anwälte und Mode-Designer in den Szene-Bars. Viele leben dort in Eigentumswohnungen, die alten Häuser sind aufwendig saniert. Bis zu 80 Prozent der Menschen, die zur Wende-Zeit im Prenzlauer Berg lebten, sind längst weggezogen.Experten sprechen hier von "Gentrifizierung", Modernisierung mit Austausch der Bevölkerung - natürlich zulasten der sozial Schwachen. Viele Fachleute halten das für eine Entwicklung, die nicht aufgehalten werden kann. Sie berge Gefahren, aber auch Chancen für die Stadt in sich. Der KURIER befragte dazu Ilse Helbrecht (46), Professorin für Kultur-Geografie an der HU Berlin (rechts auf dieser Seite).------------------------------BU: Bewohner der Akazienstraße in Schöneberg demonstrieren im April 2010 gegen ihre Miet-Erhöhungen. Sie ziehen mit ihren Möbeln symbolisch auf die Straße (li.).BU: Senatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD) zeigt wenig Verständnis für die Mieter.Zwischenzeile: JOBCENTER RIET ZUM UMZUG NACH BRANDENBURG
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