SOS-Tipps, wenn nichts mehr läuft Wie Sie den schmerzhaften Harnstau auflösen. Und warum Wasser trinken die "Rohrverstopfer" fern hält

Nierensteine

Frank Lammert
Lesezeit 7 Min

Der arme Augustinermönch Martin Luther war in Wirklichkeit "steinreich". Mit 54 Jahren quälte sich der Kirchenmann zum wiederholten Male mit schlimmsten Schmerzen. Grund: eine zum Bersten gefüllte Blase. Entleeren konnte er sie nicht. Steine, viele dicke Harnsteine, blockierten den Blasenausgang. In seiner Not betete der Reformator. Und wurde erlöst: Gott habe ihm, schreibt er an seine Frau, "den Blasenausgang geöffnet und mich dünket, ich sei wieder von neuem geboren". Leidensgenossen wie Friedrich der Große oder der ehemalige US-Präsident Lyndon B. Johnson wussten aus Erfahrung, was Luther ausgestanden hat.Steine im Körper - in der Niere, den Harnleitern, der Blase, aber auch in der Galle - sind ebenso weit verbreitet wie tückisch. Meist ruhen sie still in unserem Inneren, geraten sie jedoch in Bewegung und versperren lebenswichtige Zugänge, verkrampft sich der ganze Körper in unerträglichen Koliken. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Frank Lammert, Direktor der Klinik für Innere Medizin II im Universitätsklinikum des Saarlandes, sagen wir Ihnen, wie Sie im Akutfall Schmerzlinderung erfahren, wie Sie Stein-Attacken vorbeugen und wann der Arzt mit einer Operation helfen muss.Nierensteine - Blockade in der EntgiftungszentraleSie sind je zwölf Zentimeter lang, vier Zentimeter breit, 150 Gramm schwer. Und zur Sicherheit in doppelter Ausführung vorhanden. Das ist der Steckbrief unserer "Klärwerke", der Nieren, die gut geschützt durch die Rippenbögen im Bereich des oberen Rückens liegen. Sie gehören zu den am besten durchbluteten Organen des menschlichen Körpers. Rund 1,2 Liter Blut werden pro Minute durch die Nieren gepumpt. In 24 Stunden sind das rund 1800 Liter. Daraus filtern die Nieren die schädlichen Stoffe heraus und entziehen dem Körper einen Teil der Flüssigkeit, die wir den ganzen Tag über als Brause und Bier, als Kaffee, Tee und Wasser in uns hineingeschüttet haben.Wie viel Flüssigkeit wieder nach außen abgegeben werden kann, ohne dass der Körper verdorrt, messen feine Sensoren. Aus dem Blutwasser filtern hoch spezialisierte Reinigungseinheiten täglich rund 180 Liter so genannten Primärharn aus. Müssten wir den ausscheiden, kämen wir den ganzen Tag nicht von der Toilette.Doch nur etwa ein Prozent des Filtrats verlässt tatsächlich den Körper, alles Übrige, etwa wertvolle Eiweißstoffe und Salze, werden zurückgewonnen. Der Rest, der Urin, fließt über den Harnleiter in die Blase und wird dann ausgeschieden.Ohne diesen komplizierten Recyclingmechanismus würde der zu rund zwei Dritteln aus Wasser bestehende Mensch früher oder später zur Salzsäule erstarren. Mit dem, was wir wieder loswerden - das sind durchschnittlich ein bis zwei Liter Urin pro Tag - werden Giftstoffe, aber auch Abbauprodukte des Stoffwechsels entsorgt.Der Urin fließt aus der Niere in die beiden zur Blase abgehenden Harnleiter. Der Übergang aus der Blase ist wie ein Ventil geformt, die Harnleiter selbst sind Muskelschläuche. Alle 20 bis 30 Sekunden ziehen sie sich zusammen, um den Urin weiter zu pumpen und einen Rückstau zu vermeiden. Am Ende der Harnleiter fängt die Blase den Urin auf.Sind etwa 250 bis 400 Milliliter im Blasensack, spüren wir den Drang, zur Toilette zu gehen. Gibt das Gehirn das Signal zur Entleerung, erschlafft der Schließmuskel der Blase und entlässt die Körperflüssigkeit durch die Harnröhre nach außen. Ist der Urin zu konzentriert, das heißt, enthält er zu viele Mineralsalze und fehlen bestimmte Hemmstoffe, kann er kristallisieren. Winzige Partikel - der so genannte Nierensand oder Nierengrieß - verkleben miteinander. Allmählich wächst so ein Nieren- oder Harnstein, der die Größe eines Apfels erreichen kann.Die ungebeteten Gäste können in jedem Alter kommen, in Deutschland vor allem betroffen sind Menschen zwischen 40 und 60 Jahren, rund 2,5 Millionen, davon doppelt soviel Männer wie Frauen.Was unsere Körperflüssigkeit kristallisieren lässt"Auslöser für die Steinbildung im Körper kann erbliche Veranlagung, aber auch ungesunde Lebensweise sein", sagt Prof. Lammert. Wer wenig trinkt, sich kaum bewegt, Übergewicht hat und einen sauren Harn (ph-Wert unter 5 - mit Messstreifen aus der Apotheke bestimmen!) wird statistisch gesehen eher von Steinen heimgesucht als andere.Unterschieden werden die Steine nach ihrer chemischen Zusammensetzung.- Kalziumoxalatsteine: sind mit 70 bis 85 Prozent die häufigsten. Sie können bei ständig hohem Verzehr von Molkereiprodukten (zu viel Kalzium), aber auch durch eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen oder eine Überdosierung von Vitamin D entstehen.Oxalsäure, der zweite Bestandteil der lästigen "Rohrverstopfer", kommt in bestimmten Gemüsesorten wie Rhabarber, Spinat und Tomaten vor, doch auch bei Leberleiden und Diabetes ist sie vermehrt im Urin. Magnesium- und Vitamin-B6-Mangel können die Entstehung der Steine fördern, ebenso wie zu hohe Dosen von Vitamin C. Mit ihren harten Kanten verursachen Kalziumoxalatsteine besonders viele Beschwerden.- Harnsäuresteine: Etwa fünf Prozent der Steine entstehen durch eine harnstoffreiche, "saure" Ernährung mit viel Fleisch, Wurst, Käse und Fisch, die auch Gicht begünstigt. Statt in der Niere finden sich Harnsäuresteine häufig in der Blase. Sie kommen besonders bei einer Prostatavergrößerung vor, wenn in der Harnblase ständig ein Harnrest stehen bleibt und auskristallisiert.- Phosphatsteine: Sie machen zehn Prozent der Erkrankungen aus und kommen meist in Zusammenhang mit Harnwegsinfektionen zustande, die die Zusammensetzung des Harns verändern.- Zystinsteine: Sie sind Folge einer erblichen Störung, bei der eine Aminosäure, das Zystin, vermehrt über den Harn ausgeschieden wird.SOS-Tipps, wenn es stocktAus heiterem Himmel können Steine, die jahrelang unbemerkt im Körper herumgespukt haben, sich plötzlich äußerst schmerzhaft bemerkbar machen. Meistens dann, wenn sie aus ihrem Entstehungsort, der Niere, den Harnleiter hinabwandern und dort stecken bleiben.Bis zu einem halben Zentimeter Größe gehen sie mit dem Harn meist noch unbemerkt ab, sind sie größer, reizen sie den Harnleiter, was zu einer Entzündung führen kann. Es kommt zum Harnstau und zur Kolik. Folgende Beschwerden sind dafür typisch: - stechende, krampfartige, in Wellen auftretende Schmerzen im seitlichen Unterbauch und im unteren Rücken, die bis in den Schambereich ausstrahlen können- Übelkeit und Erbrechen- Blut im Urin- Fieber und SchüttelfrostBei Koliken sollte man sofort den Notarzt rufen. Denn selbst stärkere Schmerztabletten helfen dann nicht mehr. Feuchte Wärme, etwa ein heißes Vollbad oder Umschläge, können die Schmerzen bis zum Eintreffen des Arztes etwas lindern. Homöopathische Mittel der Wahl sind Ammi visnaga, Camphora, Coccus cacti und Dioscorea villosa. Zunächst alle zehn bis dreißig Minuten nach Packungsanweisung, dann alle ein bis zwei Stunden, bis die Kolik vorüber ist.Im Krankenhaus wird dem Patienten neben einer Schmerzspritze meist ein krampflösendes Mittel gegeben, das die Schleimhäute entspannt. Haben Patient und Arzt genug Geduld, löst sich dann der Stein - unterstützt von vermehrtem Trinken (mindestens zwei bis drei Liter Wasser, Tee, alkoholfreies Bier, Schorle) und Bewegung (schnell gehen oder joggen) von selbst. "Der oder die abgehenden Steine müssen aufbewahrt werden", sagt Prof. Lammert. "Denn ihre Zusammensetzung gibt wichtigen Aufschluss über ihre Entstehung - und darüber, wie weitere zu verhindern sind."Wie der Arzt helfen kannWill der Stein nicht von allein gehen, hat sich anstelle der operativen Entfernung inzwischen die extrakorporale Stoßwellenlithotripsie (ESWL) durchgesetzt. Dabei wird zunächst mit einer Röntgenuntersuchung oder Ultraschall die genaue Lage des Steins bestimmt. Dann wird hochenergetische Strahlung auf genau diesen Punkt zentriert. Der Stein zerfällt in viele kleine Teile, die auf natürlichem Weg ausgeschieden werden können.Trotzdem kann es weiterhin zu Koliken kommen, etwa wenn Steinpartikel irgendwo hängen bleiben. Das ist jedoch eher selten.Damit die "Gäste" nicht wiederkehrenGemeinsam ist allen Steinen: Bleiben die Lebensgewohnheiten des Patienten dieselben, kehren sie gern zurück. Prof. Lammert: "Die beste Vorbeugung ist, reichlich zu trinken." Und zwar nicht nur bei Durst. Sondern gewohnheitsmäßig, auch abends vor dem Schlafengehen, täglich mindestens drei Liter. Wenn Sie Mineralwasser bevorzugen, wählen Sie ein möglichst mineralstoffarmes aus. Ansonsten richten sich die Ernährungs- und Trinktipps nach der Art der gefundenen Steine.- Kalziumoxalatsteine: Es sind außer mineralstoffarmem Wasser (Kalziumgehalt nicht mehr als 100 bis 150 mg/Liter, Natrium nicht mehr als 500 mg/l - steht meist auf der Flasche) auch Früchte- und Kräutertees, nicht jedoch schwarzer Johannisbeersaft ratsam. Kaffee- und Teekonsum einschränken.Besser meiden: Lebensmittel mit hohem Kalziumgehalt wie Milch- und Molkereiprodukte, Käse, Ölsardinen, Schokolade, Nüsse, Sojabohnen und Lebensmittel mit hohem Oxalsäuregehalt wie Kakaopulver, rote Bete, Mangold, Sauerampfer, Rhabarber, Spinat oder Petersilie.- Phosphatsteine: Sie sollten auf säuernde Getränke wie schwarzen Johannisbeer- oder Preiselbeersaft und Mineralwasser mit hohem Sulfatgehalt setzen. Auch Pils ist erlaubt. Dazu helfen Medikamente, den ph-Wert des Urins optimal einzustellen.- Harnsäuresteine: Vegetarische Ernährung, möglichst viel Leitungswasser und ungesüßter Zitronen- und Orangensaft können die Steine zusammen mit Säure regulierenden Medikamenten auflösen und fern halten.- Zystinsteine: reichlich Wasser trinken und vegetarisch essen.------------------------------BU: Mithilfe moderner Technik können Ärzte auch kleinste Veränderungen im Körper erkennen, wie Professor Lammert an der Ultraschall-Aufnahme einer Steinprobe zeigt.

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