Sommerreise-Geheimtipp

Eisdorf – Ein Name, der nach Schokoeis klingt

Auf der Suche nach dem Sommer – wir starten in Berlin und reisen in den nahen Osten.

Jens Blankennagel
Lesezeit 16 Min

© Markus Wächter / Waechter

Welche Gedanken aufsteigen, wenn der Name Eisdorf fällt, hängt ganz entscheidend davon ab, wie das Wetter gerade draußen vor der Tür ist. Bei düsterem Himmel und drei Grad Außentemperatur denkt das Gehirn beim Ortsnamen Eisdorf – wenn es gut läuft – an Weihnachten. Wenn es nicht ganz so gut läuft, dann sind die Gedanken ganz schnell bei klirrenden Februarstürmen, die nicht enden wollen. Und wenn es draußen angenehm warm ist, dann klingt dieser Ortsname nach Schokoladeneis, nach Sommer auf dem Lande und nach Badesee.

Am Tag der Abreise nach Eisdorf zeigt das Thermometer bereits um 9 Uhr morgens beachtliche 31 Grad – und das, obwohl noch gar nicht richtig Hochsommer ist. Das Wetter ist also fast zu schön – und die kleine Reise nach Sachsen hat damit vor allem ein Ziel: herauszufinden, ob es in dem 140-Seelen-Dorf südwestlich von Leipzig ein Schokoeis zu kaufen gibt.

Idylle pur, dabei liegt Eisdorf nur zehn Kilometer von Leipzig entfernt.

Idylle pur, dabei liegt Eisdorf nur zehn Kilometer von Leipzig entfernt.

© Markus Wächter

Ganz nebenbei soll ein wenig erkundet werden, wie es sich so lebt in einem Dörfchen auf dem Lande. Denn das Dorf an sich ist eine Art Urgemeinschaft. Gleich nach der Familie ist das Dorf die kleinste Überlebenseinheit der Menschen – mit ganz viel Nähe, auch mal mit Feindschaft und mit viel sozialer Kontrolle.

Für den vierten Teil unserer Reise zu sommerlich klingenden Orten im Osten Deutschlands stellt sich die Frage: Wie lebt es sich in einem Dorf, das Großstädter gern als Kuhkaff abtun? Vor allem in der heutigen Zeit, in der ständig digitale Revolutionen verkündet werden und in der für viele das Dorf nur noch ein Ort der Vergangenheit ist, weil es die Bevölkerung weltweit in die Städte drängt.

Reise in die Vergangenheit

Grundsätzlich scheint Eisdorf ein Glücksgriff zu sein, denn die Gegend ist ganz wunderbar zu erreichen. Vom Berliner Hauptbahnhof fährt der ICE innerhalb von einer Stunde und 14 Minuten nach Leipzig, dann folgen zwölf Minuten Aufenthalt auf dem vielleicht schönsten Bahnhof Deutschlands, und schon fährt ein Überlandzug nach Pegau, die Kreisstadt bei Eisdorf.

Von dort wird es sicher einen Bus geben. Dachten wir. Gibt es aber nicht. Bis Eisdorf sind es nur elf Kilometer – ein Klacks mit dem Leihrad. Also ein Anruf bei „Fahrrad-Frenzel“. Dort heißt es: „Wir verleihen keine Räder.“ Damit ist klar: Die ganze Reise wird ein echter Trip in die Vergangenheit – ohne all die Segnungen der modernen Großstadt, ohne ein halbwegs funktionierendes Nahverkehrssystem, ohne all die Leihräder, die zwar höllisch nerven, zur Not aber an jeder Ecke bereit stehen. 

Nächster Versuch beim zweiten Fahrradhändler der Stadt mit dem schönen Namen „Auto-Mängel“. Auch dort dieselbe Antwort. Aber ist in der freundlich-distanzierten Stimme von Frau Weber nicht so ein spezieller Unterton? Also lieber nicht großstädtisch hektisch sein, sondern der sächsischen Gemütlichkeit eine Chance geben und ein wenig schwatzen. Und siehe da, schon sagt Frau Weber: „Rufen Sie in zwei Tagen noch mal an, ich frage den Chef, ob wir dieses alte 28er-Damen-Rad nicht doch …“ Zwei Tage später erkennt Frau Weber die Stimme des Anrufers aus Berlin natürlich sofort und sagt verschmitzt: „Alles keen Problem. Wir packen das.“

Jenseits des Speckgürtels

Die Reise in die Vergangenheit beginnt mit einer Blamage für die Moderne. Am Morgen der Abreise verkündet die Deutsche Bahn im Internet: Der ICE wird pünktlich starten. 20 Minuten später am Bahnhof wird angezeigt, dass der Zug hier gar nicht fährt, denn er startet nicht am Hauptbahnhof, sondern am Südkreuz. Wie die Passagiere dort hinkommen, bleibt ihnen überlassen. Alle rennen los, suchen einen Zug, um den ICE noch zu schaffen. Am Südkreuz wird klar, dass alle sich ganz viel Zeit hätten lassen können, denn der ICE fährt erst mit 30 Minuten Verspätung los. Vielen Dank.

Damit fällt die Ankunft in Pegau in die Mittagspause von Frau Weber, aber natürlich hat Frau Weber wieder eine Lösung. Ein Nachbar wird das Rad herausgeben.
Pegau ist eine dieser Kleinstädte, die mal wichtig waren, deren Bahnhof heute aber als traurige Ruine dasteht. Nun gibt es eine Betonplattform mit zwei Blechdächern, die vor nichts richtig schützen, nicht vor Regen, nicht vor Sonne. Eine Stadt, in der nicht mal mehr ein einziges Taxi auf Gäste wartet, wenn zweimal pro Stunde der Zug hält. Eine Stadt, in der alle zehn Geschäfte zwischen dem Bahnhof und der Hauptstraße inzwischen leer stehen. Eine Stadt der Ruhe.

Die Sonne drückt. 33 Grad. Nun ist es so heiß, dass der Unterschied zwischen Sonne und Schatten kaum auffällt. Mit dem Rad geht es vorbei an einem ausrangierten Russen-Hubschrauber, den sich ein Geschäftsmann als Werbeträger in den Garten gestellt hat, vorbei an alten zerfallenen Ställen der Genossenschaft und an hübsch sanierten Grundstücken. Das einzige Plakat auf elf Kilometern ist eine Wahlwerbung der AfD.

Am Telefon haben die Eisdorfer gefragt: „Was wollen Sie denn bei uns? Bei uns ist doch nichts los.“ Eine Runde durch das Dörfchen macht schnell klar: In Eisdorf gibt es kein Schokoladeneis zu kaufen und auch sonst nichts. „Hier ist wirklich nichts. Wir sind am Arsch der Welt“, sagt Sybilla Schumann im allerschönsten Sächsisch, das allen Worten die Schärfe nimmt. Dann erzählt sie, dass Eisdorf das letzte sächsische Dorf ist; 800 Meter weiter ist die Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt – „Huckel“ genannt.

Sybilla Schumann ist im Karnevalsverein und im Gemeinderat und macht die Dorfzeitung.

Sybilla Schumann ist im Karnevalsverein und im Gemeinderat und macht die Dorfzeitung.

© Markus Wächter / Waechter

Dort ist tatsächlich eine kleine Trennlinie in der Straße, auf sächsischer Seite ist der Asphalt rötlicher und feiner, in Anhalt ist er gröber und mit mehr weißen Steinchen. Für Fremde sind solche Grenzen ein Witz, für Einheimische nicht. Es ist wie bei Franken und Bayern. Eisdorf befindet sich also irgendwie im Niemandsland; es ist zwar nicht einmal zehn Kilometer von der Leipziger Stadtgrenze entfernt, gehört aber nicht zum Speckgürtel dieser boomenden Stadt.

Die Frauen halten den Laden zusammen

Es gibt den alten Spruch, dass ein Dorf ohne Kneipe tot ist und ein Dorf ohne Feuerwehr mausetot. Eisdorf hat keine Feuerwehr, und auch die Kneipe ist längst dicht. Es gab auch mal einen Laden. Lange her. Aber es gibt immerhin noch drei Bauern. Und alle Leute hier sind bis ins hohe Alter äußerst mobil und ständig mit dem Auto unterwegs: zur Arbeit nach Leipzig, zum Arzt nach Pegau oder irgendwo zum Einkaufen.

„Wir sind ein sehr lebendiges Dorf“, sagt Sybilla Schumann. Sie muss es wissen, die 56-jährige gehört hier zu den Macherinnen. Es sind vor allem die Frauen, die den Laden – also das Leben – zusammenhalten. Sie organisieren zum Beispiel jedes Jahr ein Dorffest.

Das erste Fest gab es, als die Straße erneuert wurde. Die Arbeiter waren damals, kurz nach dem Ende der DDR, so freundlich und asphaltierten jedem an der Hauptstraße eine schöne Einfahrt. „Da sagte mein Vater: So, jetzt gibt jeder 50 Mark her, und wir machen für die Arbeiter ein Sauf- und Fressfest“, erzählt Sybilla Schumann. „Das Dorffest war geboren.“ Noch heute gibt jede Familie einmal im Jahr zehn Euro dazu oder hundert, und dann wird auf dem Dorfplatz neben der Kirche gefeiert.
Das, was in anderen Dörfern die Feuerwehr ist, ist in Eisdorf die Kirche. Hier – mitten im atheistischen Osten – hat die evangelische Kirche 55 zahlende Mitglieder. Bei 136 Einwohnern. Sybilla Schumann, eine robuste Frau mit trockenem Humor, ist die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. Aber nicht nur das. Sie ist im Karnevalsverein des Nachbarortes aktiv, eine Weile war sie dort die Präsidentin, nun ist sie Zeremonienmeisterin. Sie stieg um, als sie ihren schwer kranken Vater pflegen musste, der früher ebenfalls Zeremonienmeister gewesen ist.

Unbestritten der kühlste Ort an diesem heißen Tag in Eisdorf: die Kirche. Mehr als ein Ort des Glaubens, ein Zentrum der Eisdorfer Gemeinde.

Unbestritten der kühlste Ort an diesem heißen Tag in Eisdorf: die Kirche. Mehr als ein Ort des Glaubens, ein Zentrum der Eisdorfer Gemeinde.

© Markus Wächter / Waechter

Außerdem bringt sie jeden Monat eine Dorfzeitung heraus: kein Amtsblatt, sondern ein 16-seitiges Hochglanzheft mit Geschichten aus den Orten ringsum, Rezepten und ihren Lieblingssprüchen wie: „Besuch, den man nicht in Jogginghosen empfangen kann, ist kein Besuch, sondern ein Termin.“ Ursprünglich war es ein Amtsblatt, das Sybilla Schumann immer in der Druckerei abholte und dann überall verteilte. Nach der Eingemeindung der Dörfer sollte das Blatt eingestellt werden. „Da sagte der Drucker: Wir können weitermachen. Wir besorgen die Anzeigen, aber Sie müssen für den Inhalt sorgen.“ Das macht sie, verdient keinen Cent daran, freut sich aber über die Auflage von 2000 Stück.
So läuft es auf dem Dorf. Es geht um Traditionen, um Geduld, um Beharrlichkeit. Sybilla Schumann lebt schon immer hier, hat vor 15 Jahren nur die Straßenseite gewechselt vom elterlichen Bauernhof ins selbst gebaute Haus. Sie arbeitet seit 32 Jahren für die Stadt Pegau im Einwohnermeldeamt, ist seit 43 Jahren im Karnevalsverein, macht seit sieben Jahren die Dorfzeitung, seit sechs Jahren ist sie Chefin des Gemeinderats. „Andere würden es Langeweile nennen, ich nenne es ein zufriedenes Leben. Denn hier ist Zusammenhalt.“

Dann steht sie auf und holt den Schlüssel für die Kirche. Die Hitze steht wie eine große Glocke über Eisdorf. Das eben noch eiskalte Mineralwasser ist auf der Terrasse lauwarm geworden. Warum also nicht mal den kühlsten Ort von Eisdorf besuchen? Die Kirche ist der Stolz des Ortes, dessen Namen nicht vom Eis abgeleitet ist. Zuerst gab es eine slawische Siedlung namens Malacin, dann kamen um 950 fränkische Siedler unter Führung eines Mannes namens Egi und gründeten Egisvilla. Daraus wurde Egistorp und später Eisdorf.

In der Kirche gibt es eine schöne kleine Orgel und wunderbare Deckenmalereien zu bestaunen, und es gilt, 56 immer enger werdende Stufen zu erklimmen. Sybilla Schumann klopft mit dem Fingerknöchel gegen eine der drei Glocken, und ein feiner Ton erklingt, dann öffnet sie die Fenster. Sie kann zu jedem Haus die Namen der Bewohner sagte, aber sie kennt auch fast alle 6 000 Einwohner von Pegau. „Ich arbeite im Einwohnermeldeamt“, sagt sie fast entschuldigend.

Wir sind Heimscheißer

Nur mit Nähe, Geborgenheit und Vertrauen wächst eine Gemeinschaft. Das ist es, was Sybilla Schumann bei den Leipzigern vermisst, die raus aufs Dorf ziehen. „Das sind schon andere Menschen, die ticken anders“, sagt sie und lästert ein wenig auf über die Leute vom „Roten Land“, eine neuen Siedlung mit 80 Einfamilienhäuser im nächst größeren Ort. „Das Erste, was die auf ihrem Grundstück errichten, ist eine Hecke oder eine Mauer“, erzählt sie. „Wir machen eine Tür in den Zaun, damit der Weg zum Nachbarn kürzer ist.“ Die Leute vom „Roten Land“ feiern lieber untereinander ein Sommerwendfest, gehen aber nicht zum örtlichen Karneval oder zur Rentnerweihnacht. Und dann wundern sie sich, dass sie sich fremd fühlen.

Sie erzählt von einer Ex-Kollegin, die aus Leipzig herzog, die mit langem Kleid und Stöckelschuhen Knöllchen an Falschparker verteilte und sich wunderte, dass sich die Leute hier über ihren Aufzug wunderten. „Sie hat gesagt: Hier bleib ich nicht lange. Hier sagte ja ständig jeder zu jedem auf der Straße ,Guten Tag‘.“ Sybilla Schumann schüttelt den Kopf. „Aber die Leipziger kennen es nicht anders. In der Stadt geht man in seine Wohnung und macht die Tür hinter sich zu.“

Sybilla Schumann erzählt, dass die Mehrheit der Leute in Eisdorf bleibt, ihre Tochter zum Beispiel sucht ein Grundstück zum Bauen. Sie ist erschrocken, wenn sie hört, dass Kinder einfach wegziehen und Eltern oder Großeltern zurücklassen. „Das gibt es bei uns kaum. Eine Freundin sagt immer: Wir sind Heimscheißer.“

Es gibt hier einen Willen zur Gemeinschaft. was vielleicht auch daran liegt, dass viele Leute hier – so wie Schumanns Eltern – Kohle-Vertriebene sind: Ihre Dörfer mussten verschwinden, als sich die Bagger der Tagebaue immer weiter durchs Land fraßen.
So ist es auch Walter Eichner ergangen. Der 65-Jährige wohnte auf einem Vierseithof. Sein Vater musste einst wegen des einen Tagebaus weichen, die Familie seiner Mutter wegen eines anderen. Hier in Eisdorf haben sie eine neue Heimat gefunden. Und das soll so bleiben.

Ihr Haus wirkt zur Straße unscheinbar, doch der Hof ist groß, mittendrin steht ein selbst gebauter Backofen. Gerade lässt die Familie das Dach der Scheune neu decken. „Das hält jetzt wieder hundert Jahre“, sagt Eichner und strahlt.

Sein Schwiegersohn André steht neben ihm und sagt: „Wir sind hier drei Generationen unter einem Dach.“ Er und seine Frau, die Tochter des Hauses, haben drei Jungs. Vor ein paar Jahren sind sie hergezogen. Das ist nicht alltäglich in Zeiten der großen Landflucht. Denn André stammt nicht aus der Gegend, sondern aus dem Raum Münster, und er fährt noch immer zur Arbeit nach Stuttgart. „Aber mir gefällt es hier nun mal richtig gut“, sagt er. Auch für seine Söhne ist das Leben hier toll, der große alte Hof, der Spielplatz vor dem Haus auf dem Dorfanger, den seine Frau mit viel Engagement beim Bürgermeister durchgeboxt hat.

Walter Eichner, braun gebrannt und erst einmal abwartend wortkarg, ist so etwas wie der bekannteste Eisdorfer oder besser gesagt: der mit den meisten Auszeichnungen. Mit seiner Kaninchenzucht gewinnt er im Schnitt jedes Jahr zwei oder drei Pokale. Er will gar nicht so gern darüber reden, aber dann holt er doch eines seiner Kaninchen aus der Box im urigen Stall. Es sind Großchinchillas, graue Tiere mit wunderbar weichem Fell. Er streicht dem Kaninchen über den Rücken und pustet lange und gleichmäßig ins Fell. So entsteht eine kleines Mulde, und es ist zu sehen, dass das Fell vier unterschiedliche Färbungen übereinander hat. Eine echte Besonderheit. Sein Enkel züchtet kleine weiße Zwergwidder, sehr niedliche Tiere mit Hängeohren. Zusammen haben sie etwa 60 Kaninchen.

Die Kaninchen-Spezialisten: Walter Eichner und sein Enkel Jonathan mit weißem Zwergwidder. 

Die Kaninchen-Spezialisten: Walter Eichner und sein Enkel Jonathan mit weißem Zwergwidder. 

© Markus Wächter

Natürlich haben die keine Namen. Denn auf dem Dorf ist es nun mal so: Wer einem Tier einen Namen gibt, schlachtet es nicht mehr. „So was können die Leute in der Stadt machen, die nur zwei Tiere haben“, sagt Walter Eichner und erzählt, dass er selbst schon als Zehnjähriger mit den Tieren und der Zucht anfing, dass so etwas auf dem Dorf einfach dazu gehört.

In der DDR hat er sich als Kind damit auch ein wenig Geld dazuverdient. „Heute geht es mir um die Schönheit der Tiere, aber klar, auch ums Essen“, sagt Eichner. „Und es geht darum, dass mein Enkel mitmacht. Er soll mal sagen: Mein Opa hat mir das beigebracht. So etwas ist wichtig: Sein Wissen muss man weitergeben.“

Die Probleme der anderen

Bei so viel Hang zur Tradition stellt sich die Frage, wie die Region wählt. Wer 2019 im Osten unterwegs ist, weiß, dass ein politisch heißer Herbst bevorsteht: In Sachsen, Brandenburg und Thüringen werden neue Landtage gewählt – und die AfD könnte überall zweitstärkste oder sogar stärkste Kraft werden.

Auch beim Wahlverhalten gibt es klare Stadt-Land-Unterschiede. Im Mai wählte Leipzig ein neues Stadtparlament. Es siegten Linke und Grüne, die zusammen auf 42 Prozent kamen. Den Rest teilen sich CDU, AfD und sechs andere Parteien. Auf dem Land ist es umgekehrt. Im Raum Pegau erzielten CDU und AfD bei der

Bundestagswahl zusammen 57 Prozent. Aber die Leute unterscheiden offenbar klar, wie sie ihre Stimme einsetzen. Im Bund wählen die Pegauer mehrheitlich konservativ und rechts, aber bei der eigenen Kommunalwahl bekam die AfD nur acht Prozent. Es siegte eine lokale Wählervereinigung, was Sybilla Schumann freut.

Wer immer mal wieder in der ostdeutschen Provinz unterwegs ist und den Leuten zuhört, erkennt eine Art Erklärungsmuster, warum Parteien wie die AfD auch von Leuten gewählt werden, die keine Rechtsnationalen sind. In jedem Ort gibt es irgendein Problem, das wirklich alle nervt: dass kein Bus fährt, dass die Straße nicht saniert wird, dass es zu viele Windräder gibt. Doch nichts ändert sich, egal, wie sehr sich die Leute aufregen oder was sie unternehmen oder wen sie wählen. Manche haben das Gefühl, dass niemand ihre Sorgen hört, dass ihre Dörfer dem Sterben überlassen werden.

In der großen Politik, in den Städten und in den Medien geht es vor allem um die Probleme der anderen: mal um Flüchtlinge, mal um den nächsten veganen Trend. Und wenn über die Dörfer geredet wird, dann wird den Leuten dort vorgeworfen, dass sie zu viel Auto fahren und so das Klima kaputt machen oder dass die Bauern die Bienen töten. Und dann wählen einige eben Parteien, über die sich die anderen am meisten ärgern.

Auch in Eisdorf gibt es ein solches Dauerproblem, über das alle meckern: Es ist ein wenig wie zu DDR-Zeiten, als die Leute in einem recht grauen Land lebten und die tolle bunte Welt nur aus dem West-Fernsehen kannten. Nun sehen die Eisdorfer jeden Tag in der Werbung, dass es dieses superschnelle Internet gibt und selbst die Kollegen aus dem Nachbardorf erzählen von der neuesten Netflix-Serie. Aber in Eisdorf wird kein schnelles Internet verlegt, und niemand weiß, warum die Kabel in den Nachbarorten längst im Boden sind, warum aber die Eisdorfer weiterhin von der modernen Internetwelt abgeschnitten sein werden.

Luxusvillen und Jachthafen

„Das mit dem Internet ist wirklich nicht normal“, sagt Barbara Schmidt. Sie ist 65 Jahre alt und hat in Leipzig noch immer ihre Physiotherapie-Praxis. 2011 hat sie in Eisdorf ein altes Lehrlingswohnheim der LPG gekauft. „Es hat reingeregnet. Das Einzige, was funktioniert hat, war die Kegelbahn.“ Nun hat sie sechs Gästewohnungen in ihrem Landhotel, das sie Stück für Stück umbaut. Barbara Schmidt ist sich sicher, dass Eisdorf nicht mehr allzu lange im Niemandsland liegen wird.

Die Kegelbahn gehört zum Landgasthof, den eine Exil-Leipzigerin zum Leben erweckte.

Die Kegelbahn gehört zum Landgasthof, den eine Exil-Leipzigerin zum Leben erweckte.

© Markus Wächter / Waechter

Ganz in der Nähe ist der Zwenkauer See, ein gefluteter Tagebau, eine Perle des „Leipziger Neuseenlandes“. Dort, wo einst Kohle aus dem Boden geholt wurde, gibt es jetzt ein Erholungsgebiet mit Jachthafen, mit Luxusvillen und mit x-fach höheren Baulandpreisen. „Irgendwann gehören wir zum Speckgürtel“, sagt sie und freut sich, dass sie dann ein hoffentlich gut laufendes kleines Hotel hat. Ihr gefällt es hier. „Keinerlei Kriminalität und freundliche Nachbarn. Die wollen hier einfach nicht weg. Die sind so bodenständig. Und feiern können die.“

Barbara Schmidt, die Leipzigerin, ist angekommen im Dorf. „Ich habe mich mental längst von der Großstadt verabschiedet.“

36 Grad, die Hitze steht still, das Leben auch. Kein Mensch ist auf der Straße, kein Kind auf dem Spielplatz. Die letzte Radtour geht zu einem Teich, der auf der Landkarte wie ein Badesee aussieht. Es ist ein wunderbar wilder Tümpel, aber baden gehen hier nur Hunde. Ein Frosch mit tiefer Stimme beginnt ein Wettquaken mit einigen Artgenossen, die fast wie Enten schnattern.

Zurück im Dorf. Selbst den Hunden ist es zu heiß, um zu bellen. Die Schwalben aber fliegen im Sonnenuntergangswind wild und hoch und zwitschern unablässig. Dann ist es plötzlich ganz still. So still wie es in einer Großstadt nie ist. Kein Ton ist gerade zu hören.

Nur die Gedanken im Kopf rauschen noch. Dörfer stehen vielleicht für die Vergangenheit, aber sie bleiben nach der Familie die kleinste Überlebensgemeinschaft der Menschen.

Und in diesem unscheinbaren Örtchen namens Eisdorf scheint die Vergangenheit eine Zukunft zu haben. Weil es Leute gibt, die dieses enge Leben so gewohnt sind, dass sie es aus tiefem Herzen lieben. Leute, die auch ohne Netflix glücklich sein können und die nicht auf die Stechuhr schauen, wenn sie auf den Feldern die Lebensmittel für die Großstädter anbauen oder Gästezimmer für sie bereiten.

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