So cool ist Mr. Uncool Vielen Musikfans gilt als der große Langweiler. Dennoch verkaufte er mit "Genesis" und als Solist 250 Millionen Platten. Heute wird er 60 Jahre alt

Phil Collins

Uwe Killing
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Er sah nie aus wie ein Popstar. Aber kaum einer ist bis heute erfolgreicher gewesen. Phil Collins, der Präzisionsarbeiter am Schlagzeug, der Meister der Radio-Pop-Schnulze. Eigentlich ein Mr. Uncool, der aber dennoch unbeirrbar seinen Weg gegangen ist. Eine Würdigung in sechs Kapiteln anlässlich seines 60. Geburstags, den er heute feiert.Der Soul der 50erPhilip David Charles "Phil" Collins wird am 30. Januar 1951 in London geboren. Mutter June betreibt einen Spielzeugladen, Vater Grenille ist Beamter bei einer Versicherung. Der dreijährige Phil hat eine einfache Blechtrommel, sieht bei einem Cousin aber ein Spielzeug-Schlagzeug, das interessantere Töne erzeugt. Er bietet seine Spielzeug-Eisenbahn zum Tausch an.Was zeigt: Der Geschäftssinn des heute in der Schweiz residierenden Multimillionärs ist früh ausgeprägt.Seine Fähigkeit, mit sturem Willen etwas zu erreichen, noch stärker: Er hockt stundenlang vor dem Radio und bewegt seine Schlagstöcke zu den Songs, die er hört. Musikunterricht bekommt er nie. Und er erfindet ein eigenwilliges System aus Schriftzeichen, die seine Noten darstellen. Besonders die neue pulsierende Soulmusik aus den USA hat es ihm angetan.2010 veröffentlicht Collins "Going Back", ein Album mit Klassikern des Motown-Labels. Das Cover zeigt den 11-jährigen Selfmade-Drummer, brav gescheitelt und mit Krawatte. "Es ist der Sound meiner Kindheit", so Collins, "es war an der Zeit, diese Platte endlich aufzunehmen."Harter StimmbruchIn der Pubertät träumt Phil davon, ein Romeo zu werden. Mit 14 Jahren zieht es ihn zunächst auf eine Schauspielschule. In dem Musical "Oliver" im Londoner Westend feiert er 1964 einen ersten Bühnenerfolg. Danach spricht selbstsicher für eine "Romeo und Julia"-Verfilmung vor, wird aber nicht genommen. Um ihn herum toben die grellen Swinging Sixtees. Extravagante Typen wie Mick Jagger oder John Lennon sind die kommenden Stars der englischen Pop-Revolution. Der gescheiterte Romeo erhält eine Mini-Rolle im Beatles-Film "A Hard Day's Night". Doch die wird später herausgeschnitten.Der junge Phil ist hin- und hergerissen. Er geht mit zwei Schauspiel-Schülerinnen gleichzeitig aus (eine von ihnen, Andrea Bertorelli, wird seine erste Ehefrau). Nach dem Stimmbruch stockt die Theater-Karriere. Nach diversen Schülerbands erhält er 1969 seinen ersten Plattenvertrag mit der Band "Flaming Youth". Ein Mega-Flop.Collins hadert mit sich. Auch mit seinem Äußeren. "Wenn ich in einer Bank arbeiten würde, wäre mir mein Aussehen wohl egal, aber im Pop-Business gerät man in Gefahr, tatsächlich an Selbstwertgefühl einzubüßen."Die SchöpfungEs passt zum Beamtensohn Phil Collins, wie er 1970 zu Genesis kommt. Die Band um Frontmann Peter Gabriel sorgt mit ihrem progressivem Rock für Furore, verschleißt aber viele Schlagzeuger. Gabriel schaltet eine Stellenanzeige: "Empfindsamer Drummer für akustische Musik gesucht".Collins, der an einer eigenen Karriere zweifelt, meldet sich für die Rhythmus-Arbeit im Hintergrund. Und er wendet seine als Kind gelernte Abhör-Methode an: Er hört zuvor den anderen Kandidaten heimlich zu und prägt sich so die Stücke ein. Er bekommt nicht nur den Job. Mit ihm wird der Genesis-Sound druckvoller.Als Peter Gabriel 1975 Genesis zugunsten seiner Solo-Karriere aufgibt, sieht Collins auf einmal doch noch seine Chance gekommen. Der neue Frontmann verwandelt das Rock-Experiment für Studenten-WGs in einen eingängigen Poprock-Sound. Genesis wird eine der erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte ("Invisible Touch").Collins trommelt unermüdlich, komponiert Hits wie am Fließband - und der sympathische Normalo wird doch noch zu Superman.Der Phil-Collins-SoundEgal, wo man sich Mitte der 80er-Jahre befindet: Superman Collins kann man nur schwer entkommen. Ob im Radio in einer Strandbar auf Barbados oder auf einem MTV-Video-Clip in irgendeinem Hotel dieser Welt: Der typische Phil-Collins-Sound ist schon da. Rhythmisch einprägsam, melodisch wohl temperiert.Parallell zu Genesis produziert Collins in verlässlicher Regelmäßigkeit seine Solo-Alben, die mit Songs wie "In the Air Tonight" oder "Another Day in Paradise" allesamt Mega-Erfolge werden.Zwischen Genesis, dem Solo-Künstler und dem Komponisten schnulziger Filmsongs sind die Übergänge fließend. "Klingt wie Phil Collins" - ein Markenetikett wie Nike oder Coca Cola. Davon kann man auch zu viel bekommen.Zu viel des Guten"Es gab bei mir einen kurzen Weg vom meistgeliebten bis innig gehassten Musiker", stellte Collins kürzlich im Rückblick fest. So wurde es nach dem Overkill in den 80ern in den 90ern sehr ruhig.Nach dem Scheitern seiner ersten Ehe unternimmt er mit Jill Travelman einen zweiten Anlauf (der 1996 auch scheitert), zieht sich auf seinen Landsitz zurück. Allerdings besinnt er sich wieder auf seine Anfänge als Schauspieler, spielt in Steven Spielbergs Peter-Pan-Verfilmung "Hook". Statt Romeo ist er in reifen Jahren nun eher "Der schräge Vogel" mit Glatzenansatz - so ein Film von 1993 mit Collins als Hauptdarsteller.Sein Album "Both Sides" geht unter.VorruhestandAus der Midlife-Krise hilft "Tarzan": Collins landet 2006 am New Yorker Broadway, wo er die Musik für das gleichnamige Erfolgs-Musical komponiert. Schon 2000 hatte er für den Titelsong von Disney's Kino-Tarzan ("You´ll Be In My Heart") einen Oscar gewonnen. Vor der Musical-Premiere wird er von der TV-Reporterin Dana Tyler interviewt - und verliebt sich in sie. Die Fernbeziehung zwischen New York und dem Genfer See funktioniert bis heute. In seiner Villa lebt Collins - nach der Scheidung von seiner dritten Ehefrau Orianne Cevey - nun als alleinerziehender Vater seiner beiden Söhne, die aus dieser Ehe stammen. Denen will er sich in den nächsten Jahren intensiv widmen. Der Vorruhestand hat begonnen: "Den Popstar Collins gibt es nicht mehr."Schlagzeugspielen kann der vielfache Millionär nach einem Nervenleiden in seiner linken Hand ohnehin nicht mehr. Auch sein Gehör ist angegriffen. "Das Lächeln in meinem Gesicht ist aber nicht unterzukriegen. Ich bin mit mir im Reinen", sagte Collins, als er vor wenigen Monaten einige Songs seines angeblich letzten Albums "Going Back" bei einem umjubelten Konzert in New York sang.Das lässt seine zahlreichen Fans zumindest hoffen, dass die Musikkarriere von Phil Collins nicht ganz vorbei.------------------------------KURIER-WIKIGlück im Spiel, Pech in der LiebeSchlagzeuger, Sänger, Songwriter, Musikproduzent und Schauspieler: Philip David Charles "Phil" Collins, geboren am 30. Januar 1951 in Chiswick, London, hat viele Talente. Seine Karriere begann er als Schlagzeugerund späterer Frontmann der Gruppe "Genesis", die er von einer Progressive Rock- zur einer Poprock-Band entwickelte. Seine Songs reichen vom schlagzeugbetonten "In the Air Tonight" über tanzbaren Pop wie "Sussudio" bis zu politischen Aussagen in "Another Day in Paradise", seinem bisher erfolgreichsten Lied. Privat hatte er nicht so viel Glück: Dreimal war er verheiratet, aus den Ehen hat er vier Kinder - Simon (34), auch Musiker, Lily (21), Nicholas (9), Mathew (5). Für seine dritte Scheidung griff er 35 Millionen Euro tief in die Tasche - keine Trennung im englischen Showbiz war teurer. Collins lebt am Genfer See.------------------------------MEILENSTEINEVerkaufte Platten: 250 Millionen (davon: 150 mit Genesis)Grammy Awards: 5Brit Awards: 3Golden Globes: 2Oscar: 1 (für "You´ll Be in My Heart"/Disney's Tarzan)Bestmarke mit Genesis: Das Album "We Can't Dance" (1991) belegte 25 Wochen lang Platz 1 der deutschen Charts. Nur die Beatles waren erfolg-reicher (26 Wochen).Bestmarke solo: Vier seiner US-Nummer-1-Hits waren Filmsongs. Kein anderer Popmusiker hat das geschafft.Vermögen: 150 Millionen Euro.------------------------------BU: Vielseitig: Collins bei einem Konzert in Moskau vor sechs Jahren und mit Leslie Mandoki, mit dem er die Filmmusik zum Disney-Film "Tarzan" erarbeitete - dafür gab es einer Goldene und eine Platin-CD.BU: Lassen Sie sich nicht täuschen: Hinter der biederen Maske verbirgt sich ein musikalisches Genie.

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