Sex-Revolution

Nackt lebe die DDR!

Die schönste Seite der Ostalgie: Vor 40 Jahren startete eine Ausstellung die sexuelle Revolution im Arbeiter- und Bauernstaat

MIKE WILMS
Lesezeit 3 Min

Auch der Sozialismus hatte seine sexuelle Befreiung. Sie begann am 16. September 1975, als ein gebürtiger Neuköllner seine Ost-Schönheiten mit allen teilte. Es war Klaus Ender (heute 76), der binnen 33 Tagen rund 25.000 Menschen nach Potsdam lockte. Er und sein Kollege Gerd Rattei (78) stellten dort auf der Freundschaftsinsel etwas Ungehöriges bis dahin ganz Unvorstellbares aus – öffentlich, für 50 Pfennig. Es waren: 150 Nacktfotografien.

Zehn Jahre lang hatte Ender von so einer Schau geträumt. Aber überhaupt Akte zu zeigen, war in der DDR das verschämte Privileg von Fachblättern wie „Fotografie“ oder der Zeitschrift „Magazin“. Erst als es gelang, den Kulturbund mit ins Boot zu holen, war der steinige Weg auf einmal frei. Nicht nur für die Strandnixen und Ostsee-Mädels auf Enders Fotos.

„Die Woge“ ist das wohl berühmteste Foto aus „Akt und Landschaft“.

„Die Woge“ ist das wohl berühmteste Foto aus „Akt und Landschaft“.

© Lizenz

Zur Ur-Fassung der Schau gehört auch die Schöne am Strand.

Zur Ur-Fassung der Schau gehört auch die Schöne am Strand.

© Lizenz

Erst später gesellte sich die nackte Sonnen-Baderin hinzu.

Erst später gesellte sich die nackte Sonnen-Baderin hinzu.

© Lizenz

Klaus Ender, der Begründer der DDR-Aktfotografie, zeigt Kalenderfotos in seinem Archiv. Der gelernte Bäcker feierte vor genau 40 Jahren mit der ersten Nackt-Schau des Ostens seinen Durchbruch. Heute schreibt Klaus Ender auch Poesie.

Klaus Ender, der Begründer der DDR-Aktfotografie, zeigt Kalenderfotos in seinem Archiv. Der gelernte Bäcker feierte vor genau 40 Jahren mit der ersten Nackt-Schau des Ostens seinen Durchbruch. Heute schreibt Klaus Ender auch Poesie.

© dpa Lizenz

Sondern, wie Ender sagt, für eine „kulturpolitische Wende“. Denn: Auch die DDR-Oberen fanden Gefallen an seiner FKK-Kunst. Nach dem Massen-Ansturm durfte sie quer durch den Osten touren – von Dresden bis Rostock. Mehr noch: Aus „Akt und Landschaft“ entstand ein „Leistungswettbewerb der DDR-Fotografen“. Er wurde ab 1979 alle drei Jahre ausgetragen. So viel nackt war nie zuvor!

Ärger gab es erst, als Ender Bilder in den Westen verkaufte. Der Fotograf setzte sich 1981 nach Österreich ab – aber sein Werk blieb der Maßstab für Aktfotografie in der DDR. Und so lebt der geborene Berliner heute wieder, wo er schon früh seine Modelle fand – auf der Insel Rügen.

Stilistisch blieb sich der Meister treu, denn Tattoos, Piercings und „aalglatte Rasuren“ sind für ihn auch 2015 tabu. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Frei Körper Kolumnen, Teil 2“, aber rund ums Jubiläum stellt er auch aus: „Filigrane Schönheiten“ in Wernigerode, „Blumen und Akt“ auf der Buga. Und natürlich eine aktuelle Fassung von „Akt und Landschaft“: ab 14. November in Havelberg und ab Mai 2016 in der Lutherstadt Wittenberg. Das ist dann wohl die stöhnste, äh, schönste Seite der Ostalgie.
Mehr Infos: www.klaus-ender.de

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com

Lesen Sie mehr zum Thema