Oma Liesel

Tortur im Pflegeheim

79-Jährige bricht sich den Oberschenkel. Krankenwagen kommt nach über zwei Stunden.

Christian Gehrke
Lesezeit 3 Min
Lieselotte Schulz (79) muss sich noch schonen. Enkel Michael Schulz (41) besucht sie so oft, wie er kann.

Lieselotte Schulz (79) muss sich noch schonen. Enkel Michael Schulz (41) besucht sie so oft, wie er kann.

© Thomas Uhlemann

„Wie kann das sein?“, fragt der Enkel

Seit etwa einem Jahr lebt Lieselotte Schulz in dem Heim in der Wutzkyallee (Gropiusstadt). „Mir geht’s ja ganz gut“, sagt sie. Doch das Essen habe ihr heute nicht geschmeckt „und wenn ich klingele, kommt lange keiner“. Jedes Klingeln wird übrigens in einem Protokoll erfasst (liegt dem KURIER vor). Und dort steht, dass die 79-Jährige sehr oft mehrfach klingeln muss, bis Hilfe kommt.

Am Sonnabend, den 12. Januar, fällt die Dame hin. Laut Sturzprotokoll passiert das um 19.40 Uhr. „Es vergehen über zwei Stunden, bis sie ins Krankenhaus gefahren wird. Wie kann das sein?“, fragt der Enkel. Laut Protokoll klagte seine Oma über starke Schmerzen in der linken Hüfte. Doch die Pflegekraft bestellt nur einen Krankentransport, der lange braucht.

Fachkräfte sind Mangelware

Ein Mitarbeiter des Krankentransports bestätigt dem KURIER: „Wir wurden um 21.19 Uhr angerufen, um 22 Uhr waren wir vor Ort im Heim.“ Etwa eine halbe Stunde später ist der Wagen in der Klinik. Lieselotte Schulz kommt gleich in den OP.

Hier passierte der Sturz. Das Alloheim „Kurt-Exner-Haus“ in der Wutzkyallee in Gropiusstadt.

Hier passierte der Sturz. Das Alloheim „Kurt-Exner-Haus“ in der Wutzkyallee in Gropiusstadt.

© Thomas Uhlemann

Im Haus in der Wutzkyallee wohnen 150 Menschen. Das Heim beschäftigt fest angestellte Pflegekräfte, aber auch Leasingkräfte von Fremdfirmen. Gute Fachkräfte sind in der Pflegebranche Mangelware.

Heimleiter bedauert Verzögerung

Intern wird diskutiert, dass man für Lieselotte Schulz vielleicht doch den Notarzt gebraucht hätte. Der Heimleiter ist vom Träger „Alloheim Senioren-Residenzen SE“ aufgefordert worden, sich nicht zu äußern. Ein Sprecher des Trägers drückt sein Mitgefühl aus und sagt zum Fall: „Von der dafür qualifizierten Pflegefachkraft wurden umgehend Erste- Hilfe-Maßnahmen eingeleitet, Vitalwerte gemessen und eine sorgsame Überprüfung auf mögliche Verletzungen durchgeführt. Bei der Bewohnerin lagen jedoch keine sichtbaren Verletzungen vor. Dennoch wollte die Pflegekraft die Bewohnerin umgehend vorsorglich zur Überprüfung durch Fachärzte ins Krankenhaus bringen lassen. Dies lehnte die Bewohnerin mehrfach explizit ab, trotz wiederholter Aufforderung durch die Pflegefachkraft.“ Die Entscheidung sei fachlich vertretbar gewesen. Der Enkel aber sagt, dass seine Oma in die Klinik wollte.

Und die Verzögerung von über zwei Stunden? Die habe die Pflegekraft nicht allein verursacht, so der Sprecher. „Wir bedauern die dadurch entstandene Verzögerung, insbesondere vor dem Hintergrund der letztlichen Diagnose.“

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