Sebastian Schipper

Ein großer Jungentraum

Mit dem Echtzeit-Knaller „Victoria“ ist Sebastian Schipper der Kino-Regisseur des Jahres. Was dabei fast untergeht: Der 48-Jährige ist auch Schauspieler. Früher spielte er fürs Geld, heute aus Leidenschaft. Wir trafen den Ausnahme-Künstler ....

UWE KILLING
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Leicht ergrauter Bart, cooles Lächeln: Sebastian Schipper passt bestens in die Berliner Künstlerszene.

Leicht ergrauter Bart, cooles Lächeln: Sebastian Schipper passt bestens in die Berliner Künstlerszene.

© imago/Future Image Lizenz

Er musste aufpassen, dass ihm nicht eine der goldenen Lola-Statuen aus den Armen glitt. Sechs waren es. Und damit war Schippers Film „Victoria“, dieser atemlose Ritt durch eine Berliner Nacht, der große Abräumer beim Deutschen Filmpreis.

Schipper gehört nun endgültig zu den großen Filmemachern des Landes. Es gibt aber auch den Schauspieler Sebastian Schipper. Und dieser hat seinen Anteil am Lola-Triumph.

Schöner Zufall: Während der 48-Jährige nach dem Jubel- und Interview-Marathon um „Victoria“ erst einmal für einige Wochen mit unbekanntem Ziel abgetaucht ist, kann man Schipper derzeit gleich in zwei Kinofilmen agieren sehen – in der Tragikomödie „Coconut Hero“ und im Thriller „Um jeden Preis“.

Beide Filme hat er in der langen Vorbereitungszeit für „Victoria“ abgedreht. „Ich war mal wieder in Not“, so Schipper, der seit seinem Regie-Debüt „Absolute Giganten“ (1999) in 15 Jahren nur vier Spielfilme realisiert hat.

Das ist eine lange Zeit im Vergleich zu den meisten Kollegen (Woody Allen dreht jedes Jahr). Und schlecht für Miete und Lebensunterhalt. Diesen finanzierte der Wahl-Berliner mit Werbespots (Media Markt) und Schauspiel-Jobs wie der Nebenrolle als bester Kumpel des Hamburger „Tatort“-Kommissars Falk (Wotan Wilke Möhring).

Schipper kommt dabei noch immer ohne Schauspiel-Agentur aus und geht bei seiner Rollenauswahl sehr intuitiv vor. So hat ihm das zugesandte Drehbuch des jungen Regisseurs Florian Cossen gefallen: „Eine einfache Geschichte voller starker Gefühle und komplexer Figuren – so wie ich mir Kino wünsche.“ Und Schipper sagte am Telefon spontan zu, in den einsamen Norden Kanadas zu reisen.

Dort spielt „Coconut Hero“, die Geschichte eines 16-Jährigen, der seiner überdrehten Mutter und dem tristen Provinzdasein durch Selbstmord entfliehen möchte.

Doch die Sache geht schief und der skurrile Flirt mit einer Tanztherapeutin und das Kennenlernen seines plötzlich auftauchenden Vaters (Schipper) vertreiben die Lebensmüdigkeit. Das passt.

Alle Schipper-Filme handeln letztlich von Menschen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben. Die etwas riskieren. Und die ihr Jungsein möglichst lange auskosten möchten.

Wie die drei Hamburger Jungs in seinem Debüt-Film „Absolute Giganten“ (1999). Oder das von Marie Bäumer und Milan Peschel gespielte Paar in „Mitte Ende August“, das an den Fesseln einer bürgerlichen Nest-Idylle herumzerrt (2009).

Sebastian Schipper, kinderlos, ungebunden, leicht angegrauter Trend-Bart: Der Filmemacher wirkt jünger als Ende Vierzig und passt gut nach Berlin, ins Heer der Irgendwie-dauerhaft-jung-und-kreativ-Szene. Dabei kontrastieren seine weichen Gesichtszüge mit einer Stimme, die auch kräftig und bestimmend sein kann.

Mit 15 hat der Pfarrerssohn aus dem niedersächsischen Oldenburg Gefallen am Schauspielern gefunden. Und in seiner Schultheatergruppe führte er bald die Regie bei Shakespeares „Sommernachtstraum“: „Im Grunde wollte ich immer schon Regisseur werden, mein Schauspielstudium in München hatte auch viel mit jugendlicher Eitelkeit zu tun.“

Schipper spielte parallel zu seiner Regie-Karriere immer wieder kleine Fernseh- und Kinorollen, sogar in dem Welterfolg „Der englische Patient“ (1996). Auch sein Freund und großer Förderer Tom Tykwer hat ihn regelmäßig besetzt.

Und als dieser für seinen Film „Drei“ (2010) nicht den passenden Hauptdarsteller finden konnte, meinte er: „Eigentlich suche ich genau so einen Typen wie dich, Sebastian.“ Schipper ließ sich schließlich darauf ein, in einer delikaten Dreiecksgeschichte neben den Schwergewichten Sophie Rois und Devid Striesow zu spielen: einen Mann, der aus dem festgefahrenen Ehealltag ausbricht, in dem er eine homoerotische Affäre beginnt.

Für „Drei“ erhielt Schipper ausgezeichnete Kritiken. Und er selbst meinte, dass ihm seitdem das Spielen vor der Kamera überhaupt erst Spaß mache. Vorher habe er vor der Kamera meistens gelitten oder die Rolle übernommen, weil er Geld benötigte.

Seine Arbeit als Schauspieler hat auch Schippers Regiekunst befruchtet. Das Verständnis für seine Akteure beruht auf eigenen Erfahrungen. Eine Arbeit unter Gleichgesinnten. Kein: „Ich möchte jetzt diesen Gang oder jenen Blick...“

Diesen „ganzen Dompteurs-Kram“ hat er inzwischen abgelegt. Er räumt seinem Ensemble große Freiräume ein und ermutigt dazu, Grenzen auszuloten. Und: das Unerwartete zu provozieren.

Schipper: „Ich mag den Begriff perfekt überhaupt nicht. Das ist wie eine Urlaubsreise, bei der alles so funktioniert, wie ich's mir zu Hause am Tisch ausgedacht habe. Das ist das Schlimmste und Lebloseste, was passieren kann.“ In dieser Hinsicht war das radikale Filmexperiment „Victoria“ nur konsequent: Denn Schipper setzte vollends auf die Kraft und die Fantasie seiner Schauspieler: 140 Minuten lang agierten und improvisierten diese am Stück.

Vor mehr als zwei Jahren reiste Schipper nach Hamburg, um dort unter der Regie des Dänen Andreas Morgenthaler den Film „Um jeden Preis“ zu drehen. Sinnigerweise verkörpert er darin einen kinderlosen Filmemacher, dessen Frau (Kim Basinger) sich mit dieser Situation nicht abfinden möchte – und sich ins Milieu des kriminellen Säuglingshandels begibt.

Leider steht diese ungewöhnliche Schauspieler-Paarung (die Hollywood-Ikone wurde in der Maske zwanzig Jahre verjüngt) auf verlorenem Posten. Denn die Story geriet kühl und angestrengt. Allerdings kam es damals am Set zu einer folgenschweren Begegnung. Schipper lernte den norwegischen Kameramann Sturla Brandt Grovlen kennen. Und bald wusste er: Das ist mein Mann, der mir noch fehlt, um „Victoria“ endgültig zu wagen.

Mit dem Erfolg von „Victoria“ dürften Existenzängste der Vergangenheit angehören. Etabliert? Das ist ein Wort, das er immer noch hasst. Deshalb ist es gut möglich, dass er gerade wieder mit seinem alten VW-Bus irgendwo in Europa unterwegs ist. Und auf alles gefasst ist.

Wie vor wenigen Jahren: „Wir steckten fest. Ein Scheißmoment. Aber drei Stunden später, nachdem 14 betrunkene portugiesische Fußballfans mich und meine Freundin aus dem Sand geschoben hatten, war es einer der großartigsten Momente des ganzen Urlaubs.“

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