Forschung mit Spaßfaktor

Was wir aus verbuddelten, löchrigen Unterhosen lernen können

2000 Unterhosen wurden in der Schweiz vergraben. Was danach ausgebuddelt wurde, verrät Erstaunliches.

Foto von Autor/Autorin: Stefan Doerr
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Zwei Unterhosen - vor und nach dem Einbuddeln.

Zwei Unterhosen - vor und nach dem Einbuddeln.

© Nicolas Zonvi/dpa

Mehr als 2000 nagelneue Unterhosen verbuddelten Freiwillige in der Schweiz unter der Erde. Als sie Wochen später wieder ausgegraben wurden, waren viele nur noch Fetzen. Hinter der kuriosen Aktion steckt allerdings hochseriöse Forschung mit wichtigen Erkenntnissen über die Gesundheit unserer Böden.

2000 blütenweiße Unterhosen verbuddelt

Wer in der Schweiz in den vergangenen Monaten eine Unterhose im Garten vergraben hat, musste sich keine Sorgen um seinen Geisteszustand machen. Im Gegenteil: Er half der Wissenschaft.

Für ein außergewöhnliches Schweizer Forschungsprojekt der Universität Zürich und des staatlichen Instituts Agroscope wurden mehr als 2000 strahlend weiße Baumwoll-Unterhosen in Gärten, auf Rasenflächen sowie auf landwirtschaftlichen Flächen vergraben. Mehr als 1000 Freiwillige machten mit. Ihr Auftrag: Schlüpfer eingraben, rund zwei Monate warten und anschließend die Überreste bergen.

Das Ergebnis fiel teils drastisch aus. Viele Unterhosen kamen völlig zerfleddert wieder ans Tageslicht. Manche bestanden nur noch aus einzelnen Stofffetzen. Verantwortlich dafür waren keine Motten, sondern Milliarden unsichtbarer Helfer im Boden: Bakterien, Pilze, Regenwürmer und andere Bodenlebewesen hatten die Baumwolle Stück für Stück zersetzt.

Genau das wollten die Forscher beobachten. Denn je aktiver das Leben im Boden ist, desto stärker wird das natürliche Material abgebaut. Die Unterhose wurde damit zum überraschend einfachen Messinstrument für die biologische Aktivität der Erde.

Skurriles Forschungsergebnis: Je verwester die Unterhose, umso besser.

Skurriles Forschungsergebnis: Je verwester die Unterhose, umso besser.

© Gabriela Brändle/dpa

Wo verwesten die Schlüpfer am schnellsten?

Besonders interessant: Die stärkste Zersetzung wurde in Privatgärten beobachtet. Dort blieb oft am wenigsten Stoff übrig. Nach Angaben des Forschungsteams enthielten diese Böden die höchsten Anteile organischer Substanzen und boten damit ideale Lebensbedingungen für Mikroorganismen und andere Bodenbewohner.

Deutlich schlechter schnitten Rasenflächen ab. Dort war die biologische Aktivität am geringsten. Landwirtschaftlich genutzte Äcker und Wiesen lagen bei den Ergebnissen zwischen diesen beiden Extremen.

Ganz so einfach wie „mehr Löcher gleich besserer Boden“ ist die Sache allerdings nicht. Franz Bender von Agroscope weist darauf hin, dass besonders stark zersetzte Baumwolle in Gärten auch auf Überdüngung hindeuten kann. In Wäldern könnten wiederum Störungen des Nährstoffhaushalts dahinterstecken. Die Unterhose liefert also Hinweise, ersetzt aber keine umfassende Bodenanalyse.

Dennoch sehen die Wissenschaftler in dem ungewöhnlichen Verfahren großes Potenzial. „Es ist ein Indikator, der einiges zusammenfasst“, sagte Co-Studienleiter Marcel van der Heijden der Deutschen Presse-Agentur. Exakte Messungen seien zwar nicht möglich, doch die Löcher verrieten viel über Eigenschaften eines Bodens, die normalerweise nur mit deutlich aufwendigeren Methoden untersucht werden können.

Ernster Hintergrund hinter Unterhosen-Experiment

Vor allem aber sollte das skurrile Projekt in der Schweiz Aufmerksamkeit schaffen. Und genau dafür erwies sich die Unterhose als überraschend wirksames Werkzeug. „Es ist lustig, und eine wirkungsvolle Methode, um den Boden zu erforschen“, sagte van der Heijden.

Hinter dem Schmunzeln steckt ein ernstes Thema. Böden gehören zu den wichtigsten, aber oft übersehenen Lebensgrundlagen überhaupt. Sie speichern Kohlenstoff, filtern Schadstoffe, regulieren Wasser- und Nährstoffkreisläufe und sichern die Artenvielfalt. Gleichzeitig geraten sie weltweit zunehmend unter Druck. Nach Angaben der Forscher gehen jedes Jahr gewaltige Mengen fruchtbarer Erde durch Erosion verloren. Hinzu kommen täglich hunderte Quadratkilometer Fläche, die durch Beton und Asphalt dauerhaft versiegelt werden.

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