Das Menschengewimmel, die Straßen und die Plätze des Berlins der 20er und 30er Jahre machte er zu seiner Bühne. Emil, Pünktchen, Fabian und Gustav mit der Hupe – ihre Abenteuer führen die Kästner-Helden quer durch die Stadt. 85 Jahre nach dem Erscheinen der Bücher sind die Schauplätze der Romane noch immer zu finden.
Dort im Gewimmel der vorbeihastenden Menschen auf der Weidendammer Brücke in Mitte muss es gewesen sein. Zwischen Nachtschwärmern und sich müde von der Arbeit nach Hause schleppenden Menschen bauten sich die Freunde „Pünktchen und Anton“ auf.
Schnürsenkel und Streichhölzer boten die Beiden aus Erich Kästners gleichnamigem Buch den Passanten feil - das Mädchen aus reichem Hause und der Junge aus ärmlichen Verhältnissen.
Auch heute noch gehört die Gegend um die Weidendammer Brücke zu den quirligsten, aufreibendsten Orten Berlins. Ein Schauplatz großer und kleiner Dramen des Alltags. Theaterbesucher strömen zum benachbarten Admiralspalast und ins Berliner Ensemble, in eines der vielen Lokale oder die Show im Friedrichstadtpalast.
Am Bahnhof Friedrichstraße treffen Reisende auf in der Großstadt gestrandete Obdachlose.
In den Geschichten des Schriftstellers Erich Kästner (1899-1974) war die Stadt Berlin immer mehr als ein Schauplatz. Die Stadt selbst spielt in Romanen wie „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ und „Fabian“ eine eigene Rolle.
Das beweist der Autor und „Berlinologe“ Michael Bienert in seinem Buch „Kästners Berlin“, in dem er sich auf Spurensuche begibt. „Die großen Romane von Kästner sind alle Berlin-Romane“, sagt Literaturwissenschaftler Bienert.
Schon kurz nach dem Erscheinen von „Emil und die Detektive“ im Jahr 1929 habe Kästner zu seiner Freude einen Brief von einem Kind bekommen, das mit dem Buch in der Hand die Schauplätze des Romans entdeckt hat. „Das funktioniert immer noch.“
In der Schumannstraße Nr. 15, direkt neben dem Deutschen Theater, wohnten zum Beispiel Emils Großmutter und seine Cousine Pony Hütchen – heute ist das Gebäude aus der Jahrhundertwende immer noch ein Wohnhaus.
Mit vielen historischen Fotos erzählt Bienert in seinem Buch „Kästners Berlin“ (Verlag für Berlin-Brandenburg, 24, 99 Euro) unter anderem von Emils Jagd nach dem Dieb, der ihm im Zug sein Geld geklaut hat.
Die Verfolgung beginnt am Bahnhof Zoo und führt Emil zum Schauplatz Café Josty an der heutigen Bundesallee. Hier trifft Emil an der berühmtesten Litfaßsäule Berlins – an der damaligen Kaiserallee, Ecke Trautenaustraße – auf Gustav mit der Hupe.
Gemeinsam verfolgen sie den Dieb bis zum Theater am Nollendorfplatz, in dem sich heute der Club „Goya“ befindet.
„Man kann nur über Dinge schreiben, die man kennt und gesehen hat“, lässt Erich Kästner in seinem Vorwort zu „Emil und die Detektive“ den Oberkellner Nietenführ sagen.
Und hält sich selber dran: Kästner wohnte in der Nähe der Litfaßsäule, in der Prager Straße 17 hatte er sich bis 1931 ein Zimmer gemietet.
Andere Schauplätze wie die Gegend um die Friedrichstraße kannte er aus seiner Arbeit als Journalist und Theaterkritiker.
„Sie stehen verstört am Potsdamer Platz und finden Berlin zu laut…“ dichtete er außerdem über Berlin-Touristen – und hat damit bis heute recht. SHI
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