Schießtraining unter Lebensgefahr

Polizisten mussten zu große Kaliber verwenden

Einige Beamte aus Reinickendorf schwebten in akuter Lebensgefahr.

Andreas Kopietz
Lesezeit 4 Min
Das Schießtraining der Polizei war offenbar lebensgefährlich.

Das Schießtraining der Polizei war offenbar lebensgefährlich.

© dpa/rainer jensen

Schießanlage in Reinickendorf war nicht auf große Kaliber ausgelegt

In der Anlage an der Bernauer Straße in Reinickendorf übten jahrelang Spezialeinsatzkommando (SEK) und Präzisionsschützen. Das Objekt war nur für Patronen ausgelegt, die mit einer Energie von 3500 Joule den Gewehrlauf verlassen. Doch tatsächlich flogen dort viel größere Geschosse durch die Luft. Zuerst berichtete die Berliner Morgenpost darüber.

Im November 1995 hatte der Bund mit dem Land Berlin einen Mietvertrag über die Anlage geschlossen, in dem eine begrenzende Regelung festgeschrieben wurde: „Aus Gründen der schießtechnischen Sicherheit dürfen Waffen und Munition die Mündungsenergie und -geschwindigkeit der Bundeswehrpatrone 7,62 x 51 nicht wesentlich überschreiten, da nur hierfür Vorsichtsbereiche bemessen sind“, heißt es darin.

„Doch dort wurde definitiv mit einem größeren Kaliber geschossen“, sagt der frühere SEK-Beamte Karsten Loest von der Berliner Interessengemeinschaft solidarischer Staatsbediensteter e.V. Die Präzisionsschützen hätten mit dem Kaliber .50 geübt.

Größere Kaliber verursachen mehr giftigen Pulverdampf

Diese Geschosse verlassen den Gewehrlauf mit einer deutlich größeren Mündungsenergie von 15.000 bis 20.000 Joule. Sie können ein Auto stoppen, wenn sie den Motorblock treffen. Sie können einen Geiselnehmer hinter einer Glasscheibe töten, ohne dass das Projektil durch das Glas abgelenkt wird. Die Berliner Zeitung konnte sich 2003 an der Bernauer Straße von der Wirkungsweise überzeugen. Dass weder Wände noch Geschossfänge für eine solche Durchschlagskraft ausgelegt waren, wussten die Trainierenden nicht, sondern nur das damalige Landespolizei-Verwaltungsamt, das 1995 den Mietvertrag geschlossen hatte und bei Polizeipräsident Hagen Saberschinsky angesiedelt war. Auch die ausgehängte Schießstandordnung von 1998 enthielt keinen Verweis auf eine Beschränkung. „Wenn die Behördenleitung unsere Kollegen in der Bernauer Straße wissentlich mit Munition trainieren ließ, für deren Gebrauch es im Mietvertrag nicht ohne Grund keine Erlaubnis gab, reden wir nicht nur von Verletzung der Fürsorgepflicht, sondern auch von gefährlicher Körperverletzung“, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft de Polizei.

Nicht nur die Gefahren durch die Geschosse waren immens. Größere Kaliber benötigen größere Treibladungen und verursachen mehr giftigen Pulverdampf. Schon damals waren die Absauganlagen an der Bernauer Straße marode, und die viel trainierenden Polizisten atmeten giftige Schwermetalle ein.

Polizisten sind an Krebs erkrankt - der Verdacht auf Schädigung durch Pulverdämpfe liegt nah

Erst im Jahr 2011, als das Land Berlin die Anlage übernahm, regelte ein Mietvertrag zwischen der Polizei und der Berliner Immobilienmanagement GmbH, welche Waffen und Munition verwendet werden dürfen. Die Polizei erklärt dazu: Gemäß Schießstandordnung von 2014 seien nur „dienstlich gelieferte Langwaffen mit dienstlich gelieferter Munition (kein Schrot) bis zu einer Bewegungsenergie von 7000 Joule ohne Effektsatz“ zugelassen. Die Schießstandordnung sei allen Nutzern der Hallen in der Bernauer Straße bekannt und hänge an Ort und Stelle aus. Für alle vor 2011 verwendeten Munitionsarten könne keine Aussage getroffen werden, da alle relevanten Fakten dazu Teil von staatsanwaltlichen Ermittlungen seien. Die Änderung fiel bereits in die Zeit, als die Verseuchung der Schießstände durch Schwermetalle, Schimmelpilzsporen und Mineralfasern – die einigen im Polizeipräsidium wohl schon seit 2005 bekannt war – publik und die Trainingsstätten nach und nach geschlossen wurden. Zeitweise waren nur noch 26 von insgesamt 70 Schießbahnen offen. Auch an der Bernauer Straße wird jetzt saniert. SEK und Präzisionsschützen trainieren derweil auf dem Bundeswehrschießplatz in Lehnin und in anderen Bundesländern.

Inzwischen sind etliche „Vielschießer“ an Krebs erkrankt; die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Der Verdacht liegt nahe, dass die Schädigung durch die giftigen Pulverdämpfe verursacht wurde. Doch einen direkten Zusammenhang konnte eine vom Senat in Auftrag gegebene Studie der Charité nicht beweisen. Von 795 Anträgen, die Beamte auf Entschädigung stellten, wurden 332 abgelehnt.

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