Schicke Neubauten in der Kurfürstenstraße

Stöhner wohnen im Huren-Kiez

Wird die Schmuddel-Meile Berlins neues Nobel-Pflaster?

Silvia Perdoni
Lesezeit 3 Min
Am Strich der Kurfürstenstraße entstehen noble Luxushäuser. An dieser Stelle ist sogar noch Bauland.

Am Strich der Kurfürstenstraße entstehen noble Luxushäuser. An dieser Stelle ist sogar noch Bauland.

© Markus Waechter

Rund 200 Meter Luftlinie von Steffis Platz, an der Ecke zwischen Kurfürstenstraße und Else-Lasker-Schüler-Straße, ragen Kräne in die Luft. Hier errichtet das Immobilienunternehmen Diamona & Harnisch das Carré Voltaire. Der Rohbau ist fertig, wie ein runder Schiffsbug schiebt er sich an die Straßenecke.

Der Kurfürsten-Strich: Seit den 1960er-Jahren ist er als Hurenkiez in aller Munde.

Der Kurfürsten-Strich: Seit den 1960er-Jahren ist er als Hurenkiez in aller Munde.

© Markus W?§chter / Waechter

Ein Plakat kündet von 127 Eigentumswohnungen, die im Sommer nächsten Jahres bezugsfertig sein sollen. Bei einem Durchschnittspreis von 5500 Euro pro Quadratmeter sind 75 Prozent  schon verkauft, gibt der Investor an. Schräg gegenüber, in der Genthiner Straße, fräsen sich Bagger seit einigen Wochen durch die Mauern des früheren Krieger-Möbelhauses.

Auch hier bauen Diamona & Harnisch, auch hier ziehen in den kommenden Jahren wohlsituierte Bewohner ein. Auch an der Derfflinger Straße 22 oder auf dem Eckgrundstück zwischen Kurfürsten- und Genthiner Straße: überall  Bauland.

Noch immer eingerüstet, aber der Rohbau des Carré Voltaire steht.

Noch immer eingerüstet, aber der Rohbau des Carré Voltaire steht.

© Markus Waechter

„Die reichen Leute werden sich beschweren, wenn die Mädels hier rumlaufen“, sagt Bianca. Die Frau in den Vierzigern, die  anonym bleiben will, betreibt seit 17 Jahren eine Mischung aus Kiosk und Stehcafé an der Froben-/Ecke Bülowstraße. Bianca sagt, die Prostituierten stünden heute an Stellen, wo sie früher nie gestanden hätten.

„Die Wohnungskäufer werden sich umgucken.“ Bianca lacht. „Die Investoren werben damit, die Gegend hier liege schön zentral zwischen KaDeWe und Potsdamer Platz.“

In der Tat liegt der Lützowkiez in der Nähe der geografischen Mitte der Stadt. Gen Westen schließt der Kudamm an, nach Osten begrenzt der in den vergangenen Jahren angelegte Park am Gleisdreieck das Gebiet.In der Flottwellstraße, die an die neue Grünfläche grenzt, hängen gläserne Balkone an puristischen Fassaden hinter Zäunen.

An der Genthiner Straße wird fleißig gebaut und ein Haus entkernt.

An der Genthiner Straße wird fleißig gebaut und ein Haus entkernt.

© Markus Wächter / Waechter

Viele Lichter in den Wohnungen gehen erst spät abends an, wenn auch die Chefetagen der Großkonzerne Feierabend machen. Bei Diamona & Harnisch, dem Investor aus dem Lützowkiez, ist man überzeugt, den Aufschwung vom ehemaligen Brachland am Gleisdreieck auf die westliche Seite der Potsdamer Straße transportieren zu können.

„Ausgehend vom Gleisdreieckpark entstehen zurzeit rund um die Kurfürstenstraße etwa 550 Neubauwohnungen sowie neue Gastronomie- und Einzelhandelsflächen“, sagt Geschäftsführer Alexander Harnisch. „Die vielen Neubauprojekte werden den Kiez insgesamt aufwerten und beleben.“

An der Flottwellstraße sind die neuen Nobelhäuser schon fertig.

An der Flottwellstraße sind die neuen Nobelhäuser schon fertig.

© Markus Waechter

Für Ex-Quartiersmanager Michael Klinnert wäre die Aufwertung des Kiezes ein gutes Szenario.  „Die meisten Anwohner sehen die Bauprojekte positiv“, sagt Klinnert. Unter 12 Euro pro Quadratmeter bekommt man nur noch schwerlich was.  Neumieter zahlen das Doppelte der Alteingesessenen  Klinnert: „Aber bei den meisten Anwohner wiegt die Belastung durch den Strich schwerer als die Angst vor Gentrifizierung.“

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