Interview mit Michelle Rodriguez (40)

Leg dich bloß nicht mit ihr an!

Die Schauspielerin schimpft über dämliche Drehbücher, miese Typen und blöde Kühe.

Marco Schmidt
Lesezeit 6 Min
Michelle Rodriguez in einer Szene von „The Fast and the Furious“. In fünf der bislang acht Teile hat sie mitgespielt.

Michelle Rodriguez in einer Szene von „The Fast and the Furious“. In fünf der bislang acht Teile hat sie mitgespielt.

© imago/Cinema Publishers Collection

Berühmt wurde sie als knallharte Actionheldin in Kinofilmen wie „Girlfight“, „Avatar“, „Machete Kills“, der „Fast & Furious“-Reihe und der TV-Serie „Lost“. Derzeit überrascht Michelle Rodriguez als gedemütigte Ehefrau im Krimidrama „Widows – Tödliche Witwen“, das jetzt im Kino läuft. Zu unserem Interview beim Filmfestival von Deauville (Frankreich) begrüßt uns die 40-Jährige mit langen Haaren und figurbetontem Kleid. Sie bestellt sich einen Tee („Earl Grey, bitte mit etwas Milch und Honig, dann bin ich wunschlos glücklich!“), bevor sie loslegt – und Klartext redet.

„Ich wollte nie vor der Kamera einen solchen Frauentypus verkörpern“, sagt Michelle Rodriguez über ihre Rolle als gedemütigte Hausfrau im Drama „Widows“, das jetzt im Kino läuft.

„Ich wollte nie vor der Kamera einen solchen Frauentypus verkörpern“, sagt Michelle Rodriguez über ihre Rolle als gedemütigte Hausfrau im Drama „Widows“, das jetzt im Kino läuft.

© AP/Suzanne Tenner/20th Century Fox

KURIER: Haben Sie schon als Kind von einer Schauspielkarriere geträumt?

Michelle Rodriguez: Nein. Ich wollte Drehbuchautorin werden, seit ich 14 war. Damals habe ich mir täglich drei Filme auf VHS reingezogen – und oft gedacht: „Verdammt, das könnte ich aber besser schreiben!“ Stattdessen bin ich irgendwie auf die Action-Darstellerinnen-Schiene geraten. Das führte immerhin dazu, dass ich bei fast allen Filmen meine Dialoge umschreiben durfte. Schon beim ersten „Fast & Furious“-Film sagte ich zum Regisseur: „So redet doch keine Sau!“ Das Drehbuch hatten offensichtlich Typen fabriziert, die im Gegensatz zu mir nie auf der Straße oder in einer Gang gelebt hatten.

Haben Sie keine Lust mehr auf Actionkracher?

Nach 15 Jahren Kommerz-Kino hatte ich das Gefühl: Hier geht es nicht weiter, hier stoße ich an eine Decke, hier gibt es keine Herausforderungen mehr für mich. Eine Rolle in einem Action-Blockbuster könnte ich jederzeit locker aus dem Ärmel schütteln, notfalls auch mit verbundenen Augen. Aber mit echter Schauspielerei hat das nichts zu tun – und es bietet mir keine Chance, mich weiterzuentwickeln. Darum war ich froh, als das Angebot zu „Widows“ kam: Es hat mir so sehr Angst gemacht, dass ich mich unbedingt in dieses Projekt stürzen musste.

Inwiefern?

Ich wollte nie vor der Kamera einen solchen Frauentypus verkörpern, weil ich ihn so gespenstisch finde: eine brave Hausfrau, die sich früh schwängern und heiraten lässt, völlig von ihrem Gatten abhängig ist von ihm übel ausgenutzt wird, keinerlei Ambitionen oder Perspektiven im Leben hat und nie aus dem Viertel herausgekommen ist, in dem sie geboren wurde. Ich habe diese Figur regelrecht gehasst. Mich stößt die Vorstellung ab, als Frau den Mann bedingungslos zu lieben, der dich unterdrückt. So etwas kenne ich zur Genüge.

Woher?

Aus meiner Familie und meinem Bekanntenkreis. Alle meine Freundinnen wurden spätestens mit 17 schwanger. Ich fand das schrecklich und dachte jedes Mal: „Dieser Kugel hättest du doch leicht ausweichen können, du blöde Kuh!“ Nun musste ich mich für „Widows“ in so eine Frau hineinversetzen – und plötzlich wurde mir bewusst: Diese Frau könnte meine Mutter sein! Ich liebe meine Mutter! Warum zum Teufel verabscheue ich diese Filmfigur? Warum fürchte ich mich so sehr davor, sie zu spielen? Autor und Regisseur Steve McQueen fand das psychologisch hochinteressant.

Er hat mit Filmen wie „Shame“ oder „12 Years a Slave“ bewiesen, dass er das Beste aus seinen Darstellern herausholen kann. Wie schafft er das?

Er liebt es, dich aus deiner Komfortzone zu reißen und dich in unangenehme Situationen zu bringen. Denn er weiß: Da schlummert die Magie, da kann etwas Besonderes entstehen. Angesichts einer Gefahr wachsen Menschen über sich hinaus. Bei Steve McQueen geht es darum, vor der Kamera deine Seele zu entblößen. Das ist etwas ganz anderes als die körperlichen Herausforderungen eines Actionfilms, bei denen du dich nur auf den jeweiligen Moment konzentrieren musst.

Sie haben kürzlich angedroht, aus der Straßenrennen-Filmreihe „Fast and Furious“ auszusteigen.

Ich habe vor allem ein bisschen mehr Respekt gegenüber den weiblichen Figuren der Filme angemahnt. Bis jetzt kann man nämlich an einer Hand abzählen, wie oft sich in den acht Filmen Mädels miteinander unterhalten. Wir erfahren so gut wie gar nicht, wie sie ticken. Interessiert ihr euch überhaupt dafür, ihr Drehbuchschreiber? Und seid ihr bereit, das der Welt auch zu beweisen? Ob ich beim nächsten „Fast & Furious“-Abenteuer wieder an Bord bin, hängt also ganz vom Drehbuch ab. Mal sehen, was die Autoren so auf der Pfanne haben.

Mögen Sie Autos überhaupt?

O ja, ich bin sogar ein größerer Autonarr als Vin Diesel. Ich liebe es, schnell zu fahren. Ich liebe es auch, mit einer Knarre herumzuballern – das hat etwas Befreiendes. In der Nähe von Explosionen habe ich mich immer wohlgefühlt. Anscheinend gibt es eine maskuline Seite an mir, die Gewalt liebt. Ich akzeptiere das. Fragen Sie lieber nicht, wie viele Schusswaffen ich daheim habe.

Wie viele?

Eine Menge. Große und kleine. Eine gute Mischung. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich hasse niemanden und bin seit meiner Jugend im Getto nie wieder in eine Schlägerei geraten. Aber irgendwie mag ich die Vorstellung, mich im Notfall selbst verteidigen zu können. Andererseits muss ich jedes Mal, wenn ich den alten Disney-Film „Der König der Löwen“ sehe, wieder heulen, sobald Simbas Vater stirbt. Offenbar habe ich also durchaus auch eine weibliche Seite. Und ich bin froh, dass ich mit „Widows“ endlich begonnen habe, sie zu erforschen!

Die TV-Serie „Lost“ war einer Ihrer größten Erfolge. Glauben Sie, dass die Zukunft des Films im Fernsehen liegt?

Die Kinos werden heutzutage verstopft von hohlen, seelenlosen Superhelden-Spektakeln, die sich bloß noch gegenseitig übertreffen wollen. Für intelligente Filmdramen ist so gut wie kein Platz mehr. Kein Wunder, dass viele gute Filmemacher zum TV wechseln, weil sie in Hollywood keine Freiheiten mehr haben. Meisterregisseure wie Steve McQueen würden ein „Fast & Furious“-Spektakel nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Ich kann es ihnen nicht verdenken, dass sie keinen Bock haben, sich von irgendwelchen Algorithmen Vorschriften machen zu lassen.

Von Algorithmen?

Ja. Hollywood wird mittlerweile von Geldmenschen regiert, die nur auf maximalen Profit aus sind und Garantien für Erfolg suchen. Deshalb haben sie Computerprogramme wie Epagogix entwickelt, die Drehbücher lesen und verschlimmbessern. Kein Scheiß, Mann! Diese verdammten Algorithmus-Maschinen durchforsten Drehbücher nach bestimmten Parametern, vergleichen sie mit den 50 größten Kassenerfolgen des vergangenen Jahrzehnts und spucken dann ihre Ergebnisse aus: „Die jugendliche Zielgruppe will, dass wir statt dieser Szene eine Autoverfolgungsjagd einbauen.“ Die heutige Hollywood-Filmproduktion liegt in der Hand von Computern! Menschlichkeit, Originalität, künstlerischer Ausdruck – alles futsch. Sie sehen: Der Kampf zwischen Mensch und Maschine ist in vollem Gang!

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