Günter Höhne (76)

Der Schatzmeister des DDR-Designs

Er hat tausende Alltagsgegenstände gesammelt, heute sind sie in Museen zu sehen.

Stefanie Hildebrandt
Lesezeit 5 Min
Günter Höhne (76) und Schreibmaschine „Erika“, entworfen vom Gestalter der Weltzeituhr Erich John.  

Günter Höhne (76) und Schreibmaschine „Erika“, entworfen vom Gestalter der Weltzeituhr Erich John.  

© Bernd Friedel

Einen Geschichtenautomaten nennt Claudia Höhne ihren Mann. Und wirklich kommt zu jedem Stichwort ein neues Kapitel, eine Anekdote, fundiertes Wissen vorgetragen mit ansteckender Begeisterung. Günter Höhnes Fachgebiet: DDR-Design von 1945 bis 1990.

Frühstücksmesser, Eierbecher, Taschenlampe. Günter Höhne sortiert nach Material. 

Frühstücksmesser, Eierbecher, Taschenlampe. Günter Höhne sortiert nach Material. 

© Bernd Friedel

Eine der größten privaten Sammlungen an DDR-Design

Besonders die großen Serien haben es ihm angetan. Die Dinge, mit denen Menschen im Alltag ständig in Kontakt waren. Von der Teetasse über den Topf bis zum Tonbandgerät. Die Formen der Gegenstände huldigten dem Zweck und waren so gut, dass sie jahrelang geschätzte Alltagsbegleiter sein konnten ohne aus der Mode zu kommen – Günter Höhne schwärmt schon wieder. Er und seine Frau Claudia haben über die Jahre eine der größten privaten Sammlungen an DDR-Design zusammengetragen. 

Cocktailspieße, Stereoanlage, Stühle, Grafik – die Sammelleidenschaft der Höhnes begann mit Mitleid. Auf ihren Touren über Land stießen der ehemalige Chefredakteur der DDR-Designzeitschrift „form + zweck“ und seine Frau immer wieder auf Schutthaufen, auf Sperrmüll.

Penti-Kamera aus goldeloxiertem Aluminium. Die erste Selfie-Kamera der DDR. 

Penti-Kamera aus goldeloxiertem Aluminium. Die erste Selfie-Kamera der DDR. 

© Bernd Friedel

Hier wurde kurz nach dem Mauerfall aussortiert, was allzu lange den Alltag begleitet hatte. Die Menschen waren gern bereit, sich nicht nur des Staates samt seiner Ideologie, sondern auch des Interieurs der DDR zu entledigen. „Wir haben uns erbarmt und mitgenommen, was da lag“, erinnert sich Günter Höhne.

Dachboden und Waschküchen dienten als Depot

Heimelektronik, Geschirr, Möbel lagerten sie in ihrer Altbauwohnung in Prenzlauer Berg. Der Dachboden des Eckhauses und zwei Waschküchen dienten als Depot. Günter Höhne begann, die Gegenstände aufzuarbeiten und zu fotografieren. „Was fotografiert ist, ist nicht verschwunden“, sagt Höhne. Über 1800 Dinge hat er bis heute so dokumentiert. Seine Webseite Industrieform-DDR ist Lebenswerk und lebendiges Lexikon.

Beliebt bei der DDR-Jugend seit 1963 – das RFT-Stern Taschenradio „Mikki“.  

Beliebt bei der DDR-Jugend seit 1963 – das RFT-Stern Taschenradio „Mikki“.  

© Bernd Friedel

Doch was einst auf dem Schrotthaufen der Geschichte landete, fand Jahre später wieder Liebhaber. Im Jahr 2000 richtete die Bundeskunsthalle in Bonn die erste Schau mit Alltagsgegenständen made in GDR aus. Stücke aus der Sammlung Höhne sind dabei.

Heute zeigt die Münchner Pinakothek Bestände aus der Sammlung. 5000 Gegenstände, die Höhne lieber Für-Stände nennen würde, weil sie ja für den Menschen gestaltet wurden, ließ das Leipziger Grassi Museum liefern. Hier stehen sie nun neben Gebrauchsgegenständen und Designklassikern aus Italien und der BRD in den Vitrinen. Auf Augenhöhe sozusagen. DDR-Design muss sich nicht verstecken.

Orientierung an skandinavischem Design

„Schon in den 50er Jahren hat man sich in der DDR am skandinavischen Design orientiert“, sagt Höhne. Deren demokratisches Design, entworfen für den Volksgebrauch, wurde auch in der DDR wahrgenommen. Viele Lehrer an den Fachschulen der DDR waren Bauhäusler, ihre Ideen lebten weiter, ohne dass sie je als solche benannt wurden.

Und auch heute erfährt die Nachhaltigkeit und das ressourcenschonende Design, das damals Programm war, eine Renaissance. „In der DDR haben wir aufgrund der Beschränktheit in Material und Möglichkeiten aus dem, was da war, etwas gestaltet.“ Die DDR habe „Stroh zu Gold spinnen“ müssen, sagt Höhne. Und zeigt einige Schätze, die sie noch nicht ins Museum gegeben haben.

Zum Beispiel „Freia“ , die erste elektrische Koffernähmaschine der Welt. 1950 auf der Leipziger Messe vorgestellt, nähen noch heute Liebhaber mit dem unverwüstlichen Teil. Doch erst Günter Höhne fand heraus, dass ihr Konstrukteur Ernst Fischer aus Suhl mit seinen genialen Erfindungen der DDR so manches Mal den Allerwertesten rettete: Als Antwort auf ein Adenauer-Embargo für OP-Nadeln entwarf Fischer kurzerhand eine vollautomatische Angelhakenproduktionsmaschine. Die Frauen, die die Haken zuvor hergestellt hatten, wurden auf OP-Nadeln umgeschult, schon tat’s gar nicht mehr weh. „Diese Begegnungen mit den Gestaltern sind Geschenke“, sagt Höhne. In seinen Büchern und mit Ausstellungen und Vorträgen setzt er ihnen kleine Denkmale.

Stapelbar und in der Gastronomie zu Hause. Margarethe Jahny entwarf das Mitropa-Set. 

Stapelbar und in der Gastronomie zu Hause. Margarethe Jahny entwarf das Mitropa-Set. 

© Bernd Friedel

Gleich neben der Tür in Günter Höhnes Arbeitszimmer steht ein Tonbandgerät. Das KB 100 – vom ehemaligen Bauhäusler Albert Buske gestaltet, erhielt es zur Leipziger Frühjahrsmesse 1958 als eines der ersten ostdeutschen Industrieprodukte die Auszeichnung „Gute Form“. Als Höhne das Teil in Betrieb nimmt, ertönt ein Schlager: „Küsse unterm Regenbogen“.

Einer wollte ihm eine DDR-Seltersflasche anbieten

Unterm Regenbogen vom Glück geküsst fühlten sich Höhnes so manches Mal, als sie auf Trödelmärkten Schätze hoben. Den Hellerau-Stuhl, der unter einer tropfenden Dachkante eines verlassenen Bahnhofs Jahre aushielt, bis Höhnes ihn retteten. Heute geht er bei Ebay-Versteigerungen nicht unter 1500 Euro weg. Oder das originalverpackte Topf-Set der Designerin Margarethe Jahny, die auch das Mitropa-Geschirr gestaltete.

So manch einer mache sich heute Hoffnung, einen bei Sammlern begehrten Schatz in der Schrankwand zu haben, weiß Höhne. Einer wollte ihm eine DDR-Seltersflasche anbieten. Da winkte Höhne amüsiert ab.  

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