S-Bahn-Unglück

Mein Junge starb in diesem Tunnel. Warum ist er noch immer nicht gesperrt?

Berlins traurigster Vater macht Bahn und Behörden schwere Vorwürfe.

ERIC RICHARD und ALEXANDER SCHMALZ
Lesezeit 3 Min
Ein verzweifelter Vater blickt auf die Todesstelle seines Sohnes. In diesem Tunnel wurde Nicolas B. (13) beim Spielen von einer S-Bahn erfass

Ein verzweifelter Vater blickt auf die Todesstelle seines Sohnes. In diesem Tunnel wurde Nicolas B. (13) beim Spielen von einer S-Bahn erfass

© Eric Richard Lizenz

Der 69-jährige Kreuzberger kann die Tränen nicht zurückhalten, als er auf eines der letzten Fotos seines Sohnes blickt. Nicolas B. sitzt mit seinem Handy nicht mal zehn Meter neben den Bahngleisen. Mit dem Telefon machte er immer Fotos und Videos von Zügen. Drei Wochen später wird der junge Eisenbahn-Fan nur wenige Hundert Meter weiter im S-Bahntunnel zwischen der Yorckstraße und dem Anhalter Bahnhof von einer S-Bahn erfasst.

„Ich weiß, dass Nicolas Mitschuld hat, aber er war doch noch ein Kind“, sagt Robert B. zum KURIER. Rückblick: Am 31. März 2014 um 14.30 Uhr kommt der 13-Jährige mit einem Klassenkameraden von der Schule, schmeißt seine Tasche in die Ecke und verschwindet wieder. „Wohin die beiden wollten, haben sie mir nicht verraten“, sagt der Rentner. Als Nicolas um 18 Uhr nicht zum Abendbrot kam, telefonierte ihm sein Vater hinterher. „Doch da ging keiner ran. Zwei Stunden später stand die Polizei vor der Tür.“ Die Schüler hatten sich durch eine Lücke in einem Bauzaun auf das Bahngelände geschlichen. Sein Freund verabschiedete sich gegen 16 Uhr, 20 Minuten später passierte das Unglück.

„Der Sog hat Nicolas in die fahrende S-Bahn gezogen. Ich habe ihm hundertmal erklärt, dass er nicht zu dicht an die Gleise darf“, erklärt der 69-Jährige. „Er liebte die Eisenbahn. Hätte ich gewusst, was die beiden vorhaben, hätte ich sie nie rausgelassen“, erklärt sein verzweifelter Vater und blickt starr auf die Modelleisenbahn, die noch immer unangerührt im Kinderzimmer des Jungen steht.

Das letzte Video auf Nicolas’ Handy wurde zehn Minuten vor dem Unglück aufgenommen. Es zeigt, wie die Jungen Münzen auf die Schienen legten – ein tödlicher Kinderstreich. Robert B. macht sich Vorwürfe. „Ich habe die letzten 13 Jahre alles für meinen Sohn aufgegeben“, so der einstige Weinhändler. Seine Mutter war alkoholkrank, verlor 2013 beide Beine, als eine Tram sie an den Schienen erfasste. Der Rentner ist aber auch wütend: „Der Bauzaun ist noch immer offen, jeder kann da einfach durchgehen. Spielplätze und Wohnblöcke sind in der Nähe und andauernd passieren Unfälle an Gleisanlagen.“ Seine Strafanzeige gegen unbekannt wurde auch noch nicht bearbeitet. Jetzt hat er verzweifelt an seinen Bezirk geschrieben – wartet auf baldige Antwort.

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