Hirnmasse ergießt sich aus der geöffneten Schädeldecke in den Swimmingpool. Der Kerl ist tot, doch die Männer treten weiter auf ihn ein. Ein Szenario aus einer Zombieapokalypse? Nein, Alltag in San Pedro, dem krassesten Knast der Welt.
Ausgerechnet hier hat Rusty Young vier Monate freiwillig gelebt und darüber das Buch „Marschpulver“ geschrieben.
Rusty ist 24, hat gerade sein Jura-Studium abgeschlossen und braucht eine Auszeit. Der Australier setzt sich in den Flieger nach La Paz, Bolivien. Bald darauf lebt er dort im berüchtigten Knast San Pedro in einer Zelle mit dem Drogenschmuggler Thomas McFadden.
Eigentlich wollte Rusty nur eine der illegalen Führungen über das Knastgelände erleben. „Ich betrat den seltsamsten Ort, den ich je gesehen habe“, sagt er über seine ersten Schritte hinter Gittern. Der britische Kokainschmuggler Thomas führt die Gruppe aus neun Touristen über das riesige Gelände, die Wärter machen gegen ein kleines Schmiergeld mit.
Thomas zeigt den Urlaubern den unglaublichen Alltag in San Pedro: Häftlinge müssen sich selbst eine Zelle auf dem Gelände kaufen und für ihre Verpflegung aufkommen. Drogenköche fabrizieren in ihren Zimmern das reinste Kokain der Welt. Frauen, Kinder und Haustiere der 2000 Häftlinge leben einfach mit im Knast. Wer sich keine Zelle leisten kann, verwahrlost auf den Straßen der Gefängnisstadt. Reiche Häftlinge thronen indes in eigenen Luxusappartements über dem Knast-Areal.
Nach etwa einer Stunde gehen die Touris wieder, doch Rusty folgt Thomas gebannt in dessen Zelle. „Ja, ich habe Drogen genommen mit Thomas. Gleich in dieser Nacht“, gibt Rusty gegenüber dem KURIER zu. Rusty übernachtet nach einer Koksorgie bei Thomas. Selbst, als er wieder nüchtern wird, will er nicht gehen. „Ich war hingerissen“, schreibt er. Das Gefängnis und Thomas’ unglaubliche Lebensgeschichte fesseln ihn an diesen unwirklichen Ort. Er besticht die Wachen erneut, um mit Thomas in San Pedro leben zu können. Vier Monate wird er hierbleiben. Thomas erzählt ihm in dieser Zeit sein tragisch-komisches Leben, das Rusty mit seinem Buch in 400 Seiten presst.
Als cleaner Drogenkurier kam Thomas in den Knast, viereinhalb Jahre später ist er stark kokainabhängig. „Manchmal wurde ich sogar krank vom vielen Feiern“, sagt er. Seine Zeit in San Pedro besteht aus wilden Partys, Drogen und Gewalt. Thomas hat viel zu erzählen, teils Urkomisches, teils Erschütterndes.
So halten Wärter die Trockenhaube für seine Haare für eine Bombe und ringen Thomas zu Boden. Oder er erzählt einem Journalisten, er sei jamaikanischer Terrorist, nur um in der Zeitung seine Lügengeschichte zu lesen. Doch San Pedro bleibt ein Gefängnis und der Alltag schmeckt nicht nach pazifistischem Eierkuchen.
Thomas sieht, wie drei Vergewaltiger bestialisch im Swimmingpool des Gefängnisses ermordet werden. „Hört auf damit“, schreit er, als sie einem den Schädel brechen. Der Mob will ihn daraufhin ebenfalls lynchen. Thomas entkommt den Henkern nur knapp und fällt daraufhin in eine tiefe Depression.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob auch Thomas es aus dem härtesten Knast der Welt schafft.
Auch Rusty begegnet der Gewalt im Knast – und zieht die Kamera. „Die brutalste Szene erlebte ich nach einem Diebstahl. Ein Drogensüchtiger hatte in einem anderen Abschnitt des Gefängnisses etwas geklaut, und sie erwischten ihn. Mehrere Männer schlugen ihn mit einem Stock halbtot.“
Zwischen all dem Hass, der Lynchjustiz und dem Leid der eingesperrten Kinder bleibt aber auch Platz für echtes Glück. „Ein Mann heiratete im Gefängnis seine Freundin, das war wirklich bewegend. Er bekam zwei Kinder mit ihr, die dann in San Pedro aufwuchsen.“
Zwischen dem Häftling Thomas und dem jungen Anwalt Rusty entsteht in San Pedro eine tiefe Freundschaft. Rusty vertritt Thomas sogar vor Gericht und interviewt ihn jeden Abend.
Nach Thomas’ Entlassung im Jahr 2000 verbringen die beiden jungen Männer ein ganzes Jahr miteinander. 2003 erscheint schließlich das Buch auf Englisch und wird zum Bestseller. Erst dieses Jahr wurde es ins Deutsche übersetzt.
Thomas kehrt nach der gemeinsamen Zeit in seine Heimatstadt Liverpool zurück, findet sich dort aber nicht mehr zurecht. „Mittlerweile lebt Thomas in seinem Geburtsland Tansania. Er betreibt dort eine Geflügelfarm mit über 2000 Hühnern“, erzählt uns Rusty.
Der Knast San Pedro erinnert an eine Kleinstadt. Es gibt dort Restaurants, Kirchen und Geschäfte.
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Thomas McFadden schmuggelte bereits als 15-Jähriger Kokain. Erst im Gefängnis San Pedro schlittert er aber selbst in die Drogensucht.
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Rusty Young lebte freiwillig im Knast, um Thomas Geschichte zu erzählen.
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Die Zelle von Thomas McFadden in San Pedro, dem härtesten Knast der Welt. Hier musste sich der Drogenschmuggler das Zimmer erst kaufen.
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Die Häftlinge dürfen Tiere mit in den Knast nehmen. Einige Vierbeiner werden dort drogenabhängig. Die Katze im Bild ist ein Crack-Junkie.
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In diesem kleinen Pool taufen die Insassen ihre Kinder – und lynchen Vergewaltiger.
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Rusty mit Kokainschmuggler Thomas McFadden.
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Das Buch „Marschpulver“ (riva Verlag, 16,99 Euro) erzählt seine Lebensgeschichte.
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Auch wenn es Thomas anfangs schwer gefallen sei, habe er dem Kokain endgültig abgeschworen. Zudem hat er geheiratet und zwei Kinder bekommen. „Seinen Sohn hat er nach mir benannt. Er heißt Rusty, so wie ich.“
Thomas ist in den letzten Jahren bodenständig geworden. Rusty verrückt geblieben. Acht Jahre lang hat der mittlerweile 40-Jährige in Kolumbien gelebt und Kindersoldaten interviewt.
Jetzt schreibt er auf den Philippinen sein zweites Buch über die Erlebnisse der kleinen Krieger. Doch Rusty und Thomas verbinden immer noch ihre Erlebnisse im Knast. „Wir reden alle zwei Wochen miteinander und sind einander immer noch sehr nah“, sagt Rusty. Bald können sie ihre ungewöhnliche Freundschaft auch im Kino sehen: Hollywood – besser gesagt Brad Pitts Produktionsfirma – hat sich bereits die Filmrechte am Buch gesichert. „Der britische Schauspieler Chiwetel Ejiofor („12 years a slave“) wird Thomas McFadden spielen“, verrät der Autor.
Und San Pedro? „Dort hat sich in all der Zeit nichts verändert. Ich war dieses Jahr im Mai mit einem Filmteam dort. Es ist eher schlimmer geworden. Mittlerweile leben 2500 Häftlinge dort – das sind 500 mehr als im Jahr 2000.“
Dazu kommen die Familienangehörigen und die teils crackabhängigen Junkie-Haustiere der Insassen. Erschreckend: Rund 2000 Kinder leben in Bolivien in Gefängnissen, um dort bei ihrer Familie zu sein.
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