Rummelsburger Bucht

Hass-Brandstifter? Sechs Boote in Flammen

Sechs Boote einer umstrittenen Wasser-WG gehen in Flammen auf.

Marcus Böttcher
Lesezeit 4 Min
Diese Aufnahme aus den frühen Morgenstunden zeigt die brennenden „Lummerland“-Boote.

Diese Aufnahme aus den frühen Morgenstunden zeigt die brennenden „Lummerland“-Boote.

© Renee Aposkitis

Einen derartigen Knall hat Evelin Rücker noch nie gehört. „Es war kurz nach halb fünf Uhr morgens, nach der Explosion stand ich in meinem Bett.“ Die 56-Jährige lebt in einem sechsgeschossigen Rundbau in der Straße Am Fischzug mit Blick auf die Bucht. „Ich bin sofort hinaus auf den Balkon und sah die in Flammen stehenden Schiffe auf dem Wasser. Es glich einem Inferno“, so Rücker. „Die Boote brannten wie Fackeln und trieben einzeln ans Ufer, eine gespenstige Atmosphäre.“

Dutzende Feuerwehrleute vom Land aus und ein Boot der Wasserschutzpolizei kämpften bald gegen den Brand. Das einzige echte Löschboot der Feuerwehr, stationiert in Spandau, konnte nach KURIER-Informationen wegen einer geschlossenen Schleuse nicht eingreifen.

So sah die Insel aus Schiffen in der Rummelsburger Bucht im Sommer aus.

So sah die Insel aus Schiffen in der Rummelsburger Bucht im Sommer aus.

© Frank Herold

Das Feuer  hat „Lummerland“, das als Berlins erste Wagenburg auf dem Wasser galt, vollständig zerstört. Die Boote und Flöße, zum Teil mit viel handwerklichem Geschick gezimmerte Behausungen, lagen zusammengezurrt rund 100 Meter vom Ufer entfernt, sind verkohlt oder gesunken. Wie es zu dem Feuer in Sichtweite der schicken Townhäuser und Neubauten am Friedrichshainer und Lichtenberger Ufer kam, ist noch unklar. Verletzt wurde niemand.

Während sich im Sommer auf der „Insel“ Dutzende Berliner entspannten, feierten, grillten und sonnten, ist „Lummerland“ im Winter nur dünn besetzt. „In den kalten Monaten wohnten dort nur drei Menschen dauerhaft“, erklärt  Jan Ebel.

Auf einem Boot gab es eine Dusche, auf dem anderen einen Fernseher, auf dem dritten einen Grill. Ebel selbst lebt mit seiner Freundin Yasmina und dem gemeinsamen Sohn auf „Edgar“, einem der Hausboote auf dem Rummelsburger See, bezeichnet sich als Vertrauter der Aussteiger aus seiner Nachbarschaft. Ebel berichtet, dass sich in der Nacht des Brandes alle drei Bewohner an ihren Arbeitsplätzen befanden. „Sie sind in der Clubszene aktiv, zumeist hinter dem Tresen. Eine der dort Lebenden kam gerade aus der Nachtschicht und sah ihr Zuhause in Flammen aufgehen.“

Feuerwehrleute löschen ein bereits völlig verkohltes Boot vom Ufer aus.

Feuerwehrleute löschen ein bereits völlig verkohltes Boot vom Ufer aus.

© Privat

Die Brandursache ist derzeit noch unklar. „Etwas Schreckliches muss passiert sein. Wir können uns nicht erklären, warum das Feuer ausbrach“, so Jan Ebel. „Vielleicht ist es durch  ein defektes Elektrogerät entstanden.“ Die Polizei indes ermittelt wegen schwerer Brandstiftung, gab am Donnerstag keine weiteren detaillierten Erkenntnisse preis.

Verboten war die ungewöhnliche Wohngemeinschaft laut dem Wasser- und Schifffahrtsamt nicht. Lediglich die Sicherheit und Leichtigkeit des durchfahrenden Schiffsverkehrs durfte nicht beeinträchtigt werden, außerdem mussten  Schifffahrtszeichen zu Ankerverbot und Uferabstand eingehalten werden.

Aber: In der Bucht selbst waren dem „Lummerland“  nicht alle Nachbarn wohlgesonnen. Einige Investoren und  Bewohner von exklusiven Eigentumswohnungen störten sich angeblich am Anblick der  Bootssiedlung, wieder andere am angeblichen Lärm, wieder andere warfen den Wagenburglern vor, sie würden Müll und Fäkalien im Wasser entsorgen.

Jan Ebel, Vertrauter der „Lummerland“-Bewohner, lebt ebenfalls auf dem Wasser.

Jan Ebel, Vertrauter der „Lummerland“-Bewohner, lebt ebenfalls auf dem Wasser.

© Markus Wächter

Konfrontiert mit den Vorwürfen wird Jan Ebel wütend. „So ein Unsinn“, sagt er. Nicht ein Mal hätte die Wasserschutzpolizei wegen Ruhestörungen anrücken müssen. Zudem verweist er auf Trockenklos und Abwasserkanister auf den Booten, die in Jachthäfen entleert oder von Entsorgungsfirmen abgeholt werden würden. „Bei uns steht der Umweltschutz an erster Stelle.“

Wie es mit den Bewohnern nun weitergeht, ist unklar. In den kommenden Tagen wollen sie mit Flößen und intakten Booten hinauf aufs Wasser fahren, die verkohlten Reste ihrer Habseligkeiten einsammeln und gesunkene Schiffe bergen. „Viele haben alles verloren, stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.

Wo sie bleiben und wohnen werden, wird sich erst zeigen“, sagt Ebel. Kämpferisch fügt er hinzu: „Entschuldigung für die Ausdrucksweise: Aber wir müssen, und wir werden, aus abgebrannter Scheiße Bonbons machen.“

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