„Von uns ist ja nichts geblieben.“ So lautet die Meinung vieler Ostdeutscher, 10.323 Tage nach dem Fall der Mauer. Man kann dieses Gefühl verstehen. Die Grundlage dafür wurde bereits zur Währungsunion am 1. Juli 1990 gelegt. In den Tagen davor waren sämtliche Ost-Waren aus den Läden des Landes verschwunden. Es herrschte gähnende Leere. Am anderen Morgen füllte die bunte Warenvielfalt des Westens die Regale. Es war nur ein Vorgeschmack auf die große Umwälzung, die dann nach dem 3. Oktober 1990 folgen sollte.
Vertrautes von einst
Nein, es ist nicht nur der Grüne Pfeil oder das Sandmännchen, die vom Osten überlebt haben. Dutzende Marken, Waren, Filme, ostdeutsche Künstler und Persönlichkeiten sind bundesweit präsent. Angefangen bei Angela Merkel, der Kanzlerin. Auch in Ärztehäusern, der Jugendweihe, dem Recht auf einen Kitaplatz finden Ostdeutsche einst vertraute Modelle wieder.
Manche fragten sich bereits damals, ob es denn sein müsse, alles auszuräumen und damit auch Millionen Menschen das bisher Vertraute zu nehmen, und sei es auch „nur“ die Hautcreme, der Badezusatz, die Schokolade, die Limo, die Tempo-Linsen. Solche Gedanken gingen allerdings im Jubel all jener unter, die die D-Mark als Symbol für grenzenlosen Konsum, Reisen und Freiheit schlechthin feierten.
Der Osten ist in Deutschland präsenter denn je
Heute gehören viele von denen, die damals am lautesten feierten, zu jenen, die am heftigsten beklagen, dass von ihrer einstigen Welt nichts geblieben sei. Befeuert wird dies durch die Äußerungen bestimmter Politiker, die nach dem Ende der DDR sagten, dass der Osten nichts Erhaltenswertes in die deutsche Einheit eingebracht habe – außer dem Grünen Pfeil im Straßenverkehr, vielleicht noch dem Sandmännchen und dem Ampelmännchen.
Das Ost-Ampelmännchen wurde 1961 von Karl Peglau entwickelt. Es gilt als ausdrucksstark und sympathisch. Inzwischen gibt es auch Ampelfrauen. Seit 2005 wird das Ampelmännchen auch im Westen Berlins und in anderen bundesdeutschen Städten eingesetzt.
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Doch wer genau hinschaut, der sieht: Der Osten ist heute in Gesamtdeutschland präsenter, als er es je gewesen ist. Das beginnt bei den Waren. Viele Marken, die lange Zeit nur in Ostprodukt-Läden zu bekommen waren, haben längst den gesamtdeutschen Markt erobert: Rotkäppchen-Sekt, Biere wie Wernesgrüner und Radeberger, Halloren-Kugeln, Bambina-Schokolade, Kathi-Backmischungen, Thüringer Rostbratwürste, Spreewaldgurken, Vita Cola. Die Produkte waren und sind beliebt. Allerdings wurden die meisten Ost-Betriebe von West-Konzernen aufgekauft. Sie sind heute lediglich Filialen. Die Gewinne fließen zumeist in den Westen. Das ändert allerdings nichts daran, dass vertraute Marken überlebt haben.
2000 Wörter aus der DDR
Der einst volkseigene Hersteller des Bautz’ner Senfs ist zum Beispiel seit 1992 Teil einer bayerischen Firma. In Gesamtdeutschland liegt der Marktanteil des Senfs bei 23 Prozent. Damit wurde ein einst reines ostdeutsches Produkt zum gesamtdeutschen Marktführer. Die Produktionsstätte der beliebten Florena-Creme im sächsischen Waldheim wiederum ist eine Tochter des Hamburger Nivea-Herstellers Beiersdorf. Die große Nachfrage der Ostdeutschen sorgt dafür, dass sich Florena bis heute gegen den Konkurrenten behauptet.
Die Florena-Creme wird oft die Nivea des Ostens genannt. Doch die Marke Florena gibt es bereits seit 1920, die Creme seit 1955.
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Was aber blieb über die Warenwelt hinaus? Zum Beispiel von der Sprache des Ostens? Bereits 1970 hatte die DDR-Führung unter Walter Ulbricht die Teilung des Deutschen in zwei Nationalsprachen verkündet. Das war Unsinn. Sprachwissenschaftler schätzen, dass es 2000 Wörter gab, die nur in der DDR genutzt wurden. Dazu gehörten aus dem Russischen stammende Wörter wie Subbotnik, Soljanka und Datsche, sowie andersgeartete Bezeichnungen: Goldbroiler statt Hähnchen, Kaufhalle statt Supermarkt, Stomatologe statt Dentist, Kaskadeur statt Stuntman, Kollektiv statt Team, Nicki statt T-Shirt.
Sprache im Osten mehr am Gemeinschaftlichen orientiert
Durch Anpassungen in der Lebens- und Berufswelt sowie die rasante technische Entwicklung gibt es heute in der Sprache zwischen Ost und West mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Manches löst allerdings noch immer Missverständnisse aus, wie etwa das schon legendäre „Jägerschnitzel“ – im Osten eine panierte Jagdwurstscheibe, im Westen ein Schnitzel mit Pilzen.
Vereint Ost und West jedes Jahr zu Weihnachten vor dem Fernseher: der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, gedreht 1973 von der Defa gemeinsam mit dem tschechischen Studio Barrandov.
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Sprache ist generell nichts Statisches. Auch die Sprache im Westen wandelt sich. Hinzu kommt der Unterschied zwischen Regionen und Generationen. Man kann oft nicht definieren, was an Sprache rein „westlich“ oder rein „östlich“ ist. Relativ schnell erkennt man, dass heute auch im Osten genutzte Wendungen wie „ein Stück weit“ und „außen vor bleiben“ aus westlichen Manager-Etagen ostwärts gewandert sind. Auf der anderen Seite stellten Forscher fest, dass im Osten in der Sprache oft noch die einstige Sozialisation erkennbar ist – am Gemeinschaftlichen orientiert statt am Individuellen.
Einige Wörter haben sich durchgesetzt
Ostdeutsche sagen öfter „wir“ oder „man“ statt „ich“. Das heißt nicht, dass viele nicht inzwischen auch gelernt hätten, ihr Ich in den Vordergrund zu stellen. Öfter zu hören sind auch feine Begriffs-Unterschiede zwischen Ost und West, darunter etwa: Plaste statt Plastik, Zellstofftaschentuch statt Tempo, Büchse Bier statt Dose Bier, Campingbeutel statt Rucksack, Rentner statt Senioren, Eingabe statt Beschwerde. Auch Begriffe aus der DDR-Jugendsprache hört man noch immer, darunter das legendäre „urst“.
Unsterblich: Der berühmteste Spitzbart aus dem Osten ist inzwischen das Sandmännchen, das seit 1959 täglich läuft.
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Einige Eigenheiten der DDR-Sprache haben sich sogar bundesweit durchgesetzt, unter anderem die einst belächelte „Sättigungsbeilage“. Sie ist laut Wikipedia in die Gastronomie ganz Deutschlands eingezogen. Bundesweit verbreitet haben sich auch Begriffe wie: Exponat (für Ausstellungsstück), Fakt (für Tatsache) sowie Wendungen wie: etwas „abnicken“, etwas „andenken“, auf etwas „orientieren“, „die Zielstellung ist“, „es steht die Frage“.
Ost-Gewächse sind populär
Auch Kulturelles lebt weiter, und zwar in den nachwachsenden Generationen im Osten. „Es gibt keinen gesamtdeutschen Erinnerungsschatz, auch in meiner Generation noch nicht“, schrieb die Journalistin Bettina Malter, 1984 in Marzahn geboren, im Zeit-Magazin. „Meine Kindheitshelden heißen: Pittiplatsch, Moppi und Schnatterinchen.“ In vielen Ost-Familien werden bis heute andere Lieder gesungen als im Westen. Besonders augenfällig ist das bei den Weihnachtsliedern, die einst jedes Kind im Kindergarten und der Schule lernte. „Sind die Lichter angezündet“, „Oh, es riecht gut“, „Vorfreude, schönste Freude“, „So viel Heimlichkeit“ – all diese Lieder entstanden in der DDR, sind von Nord bis Süd bekannt. Viele Menschen im Westen werden noch nie von ihnen gehört haben.
Der Osten ist heute auch in den Medien gesamtdeutsch präsenter, als er es je war. Dass einmal der „Polizeiruf 110“ in der ARD ausgestrahlt wird, hätte sich vor drei Jahrzehnten noch niemand vorzustellen gewagt. Das Fernseh-„Sandmännchen“ wird schon seit langem in Ost und West gleichermaßen gesehen. Der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, den die Defa 1973 mit den Tschechoslowaken drehte, zieht jedes Jahr neu die ganze Nation zu Weihnachten vor den Fernseher. Bundesweit bekannt sind auch im Osten geborene Schauspieler wie Katrin Sass, Charly Hübner, Karoline Herfurth, Josefine Preuß, Matthias Schweighöfer, Nadja Uhl, Nora Tschirner, Jan Josef Liefers, Anna Maria Mühe und Corinna Harfouch. Bands wie Die Prinzen, Rammstein und Tokio Hotel sind Ost-Gewächse.
„Heute bauen wir mühsam Ärztehäuser, als wäre das eine neue Erfindung.“
Auch gesellschaftliche Strukturen haben sich teilweise erhalten. Zum Beispiel nutzten einige ostdeutsche Bundesländer die Freiräume des Bildungsföderalismus, um beim Umbau des Bildungssystems auf bestehende Schulstrukturen aufzubauen und Fehler des Westens zu vermeiden – unter anderem die Dreiteilung des Schulsystems mit der Einführung der Hauptschule. Sachsen zum Beispiel ließ seine Schüler in der Mittelschule länger gemeinsam lernen. Es legte auch weiter großen Wert auf technische und naturwissenschaftliche Fächer, wie es in der DDR war. Das Ergebnis: Sachsen wurde 2008 nationaler Pisa-Sieger, gehörte auch international zur Spitze.
Das Abitur nach zwölf Jahren, das Recht auf einen Kitaplatz – was in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren neu „erfunden“ wurde, gab es bereits im Osten. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Markus Meckel erwähnte erst jüngst in der Super Illu die einstigen Polikliniken im Osten und sagte: „Heute bauen wir mühsam Ärztehäuser, als wäre das eine neue Erfindung.“
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