Wie eine Elfe schwebte sie in schwindelerregender Höhe. Ihre Akrobatik verzauberte Zuschauer in ganz Europa. Heute Abend wäre Kunstartistin Tetiana Korenieva im Roncalli Weihnachtscircus im Tempodrom in Berlin aufgetreten. Doch bei einer Zirkus-Show in Dänemark riss ein Stahlseil. Acht Meter freier Fall, Aufprall auf dem Kopf. Es grenzt an ein Wunder, dass die 24-Jährige den Sturz überlebt hat. Sie kann sich kaum bewegen, sie kann momentan schwer sprechen.
Seit Monaten kämpft sie sich zurück ins Leben – mit all ihrem Mut und Ehrgeiz. Doch der Kampf wird unfair ausgetragen. Tetiana Korenieva, die von ihrem Lebensgefährten liebevoll „Tanya“ genannt wird, muss die aufwendige Therapie und teuren Medikamente aus eigener Tasche bezahlen. Die Krankenkasse übernimmt nichts mehr.
„Das ist in der Branche nicht unüblich“, sagt ihr Partner Sebastian Hofmann, der sich schützend vor sie stellt. Der für sie spricht, um sie nicht zu sehr anzustrengen.
Tanya ist ukrainische Staatsbürgerin. Bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber, dem Circus Arena aus Dänemark, hatte sie einen befristetes Arbeitsvisum. So geht es fast allen Künstlern in Europa, sagt der 34-Jährige. Wenn der Vertrag endet, verfällt auch der Versicherungsschutz bei der Krankenkasse. Tanyas Vertrag beim Circus Arena lief bis zum 10. Oktober 2018. Also zweieinhalb Monate nach dem Unfall.
Plötzlich riss das Seil, das die 24-Jährige sichern sollte
Es war der 1. August, der alles veränderte. Die erfahrene Kunstartistin trat im dänischen Hornbaek auf. Viereinhalb Jahre war sie bereits als professionelle Artistin durch Frankreich, die Türkei, Deutschland und Österreich getourt. Doch an diesem Abend halfen ihr weder die Erfahrung noch ihr Können.
„Tanya“ Korenieva lächelt trotz ihrer Schmerzen. Fünf ihrer sieben Halswirbel sind gebrochen.
© gofoundme.com
Als sie an Stoffbahnen hoch oben unter der Kuppel des Circus Arena hing, begann sie ihre Show mit einem Kopfüber-Trick, berichtet Hofmann. Sie drehte sich in den Tüchern um die eigene Achse, zeigte Kunststücke. Dann riss das Seil, das die 24-Jährige sichern sollte.
Per Rettungshubschrauber kam sie in eine Klinik, wo sie sofort operiert werden musste. Fast alle Knochen in ihrer Halswirbelsäule und ihr linkes Becken waren gebrochen. Auf der ganzen linken Körperseite sind die Nerven geschädigt.
Durch eine Online-Spendensammlung sollen die Therapien finanziert werden
Bis zum 1. Oktober übernahm die dänische Krankenkasse die Kosten. „Circus Arena hat dann auch noch falsche Informationen herausgegeben“, sagt Hofmann. Zeitungen berichten, dass sich die Star-Artistin lediglich den linken Arm gebrochen hat. Mit Hilfe eines dänischen Anwalts klagt Tanya gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber.
Ihr Partner wirft dem Circus Arena vor: „Das Seil hätte niemals zum Einsatz kommen dürfen. Es hätte kontrolliert werden müssen.“ Derzeit liegt es als Beweismittel bei der Staatsanwaltschaft in Dänemark. Die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen, hieß es. Bis heute hat sich niemand von Circus Arena bei Tanya gemeldet – obwohl sie es auf ihrer Internetseite anders darstellen.
Für die 24-Jährige läuft die Zeit davon. Sie kann nicht darauf warten, bis die Schuldfrage vor Gericht geklärt ist. Sie braucht jetzt Unterstützung. Ihr Freund hat deshalb eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Er hat durchgerechnet, dass sie mindestens 70.000 Euro bräuchte, um die nötigsten Therapien zu bezahlen. Bei der Online-Spendensammlung bei „GoFundMe“ ist bereits mehr als die Hälfte eingegangen.
„Es bricht ihr das Herz, nicht mehr auftreten zu können“
„Das Geld ist auch schon wieder weg“, so Hofmann. Tanya musste sich in Hamburg einer zweiten Operation unterziehen. Das sei ein Schock für sie gewesen. Dänische Ärzte hatten ihr Hoffnung gegeben. Sie meinten, dass die Halswirbel mit Hilfe einer Halskrause zusammenwachsen würden.
„Das war wohl sehr optimistisch“, meint Hofmann. Mittlerweile sind an fünf der sieben Halswirbel Titan-Implantate verbaut. Seitdem ist klar, dass sie nie wieder turnen wird. „Ich glaube, es bricht ihr das Herz, nicht mehr auftreten zu können“, so der 34-Jährige. Sie kann ihren Hals nicht mehr bewegen. Er wird für immer steif bleiben. Tanya kann nur geradeaus gucken – den Kopf weder drehen noch nicken. Sie spürt den Hinterkopf nicht mehr, weil Nerven zerstört wurden.
Hofmann: „Wir denken jetzt von Woche zu Woche. Jeder kleine Erfolg gibt es uns Hoffnung.“ Früher schlief sie auf dem Bauch. Das wird sie nie mehr können. Seit ein paar Tagen kann sie auf der linken Seite liegen. Das macht Mut und gibt Kraft für neue Herausforderungen in der Vollzeit-Reha. Es geht voran, langsam aber stetig.
Um weitere Erfolge zu erzielen, müssen jedoch ihre Therapien finanziert werden. Hofmann: „Es wäre ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk, wenn wir die 70.000 Euro zusammenbekommen.“
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