Es sind nur zwei Flugstunden – und doch ist die Entfernung gefühlt größer: Lettland, das kleine Land inmitten des Baltikums, ist für viele von uns ein unbeschriebenes Blatt. Doch wer dabei an graue Sowjet-Überreste denkt, den überrascht vor allem die Hauptstadt Riga mit ihrer Farbenpracht.
Das Städtchen, das mit rund einer Million Einwohner knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung beheimatet, hat sich ordentlich gemausert. Das merkt man schon bei der Fahrt vom Flughafen über den Fluß Daugava, an dessen Unterlauf sich die Hauptstadt anschmiegt. Vor allem bei Nacht bieten die Brücken dem Besucher herrliche An- und Aussichten.
Bei Tageslicht offenbart Riga eine Gratwanderung zwischen mittelalterlicher Baukunst, Jugendstil und Moderne: So ist etwa die neue Nationalbibliothek eine gewagte Konstruktion – mit ihrem riesigen, schrägen Glasdach, das irgendwie an eine Skisprungschanze erinnert.
Nur zweimal um die Ecke – und einmal über die Daugava – liegt das Museum of Contemporary Art, ein an Loos erinnernder Kastenbau. Dahinter schließt nahtlos die Altstadt an, deren oft mehrere Hundert Jahre alte Bauten in frischem Farbenglanz erstrahlen (nicht zuletzt dank EU-Geldern seit dem Beitritt 2004).
Ortskundige wissen über die Gassen hinter dem Rathausplatz so einiges zu erzählen: Da gibt’s etwa die „laute Gasse“, sie ist kaum zwei Meter breit, gesäumt von kleinen Bars und Vinotheken. Ihren Namen verdankt sie dem Umstand, dass hier um die Jahrhundertwende (18./19. Jahrhundert) Freudenmädchen lautstark um ihre Freier – meist Seemänner – buhlten. Denn Riga ist Hansestadt, am vordersten Zipfel des Rigaer Meerbusens, einer Riesenbucht der Ostsee quasi. Wenn der Wind günstig ist, atmet die Stadt daher auch Meer. Doch auch bei Windstille beflügeln allerlei angenehme Gerüche die Nase: Lettland ist auch ein Land des kulinarischen Genusses. Statt Haute Cuisine gibt’s hier Bodenständiges. Käse, Wurst und das gefühlt beste Brot der Welt kitzeln den Gaumen.
Wer die Produkte direkt vom Erzeuger kaufen will, hat es leicht: Einfach aus der Stadt rausfahren und in irgendein Dorf abbiegen. Ab-Hof-Verkauf ist nicht selten.
Wenn man denn schon auf dem Land ist: Unbedingt in den Wald! Was in Lettland nicht ans Meer grenzt, ist von Bäumen bewachsen. Herrliche Stille und teils schon gut ausgebaute Radwege laden ein, die Seele so richtig aufzutanken.
Lisa Steiner
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