Hausbesuch bei Jakob Pietrowski. Das Kinderzimmer – rund 20 Quadratmeter groß – teilt er sich mit seinem 12-jährigen Bruder Kevin. Ein Viertel des Zimmers nimmt das Schlagzeug ein. Zwei Gitarren hängen an den Wänden. Eine steht in einem Bodenhalter. Die Tür ist mit zentimeterdickem Styropor bedeckt. Hinter den Drums ist die Wand ebenfalls mit schalldämmendem Material bedeckt. Ein doppeltes Kinderbett, ein Schreibtisch mit PC, zwei Schränke. Eigentlich sieht das Zimmer eher wie ein Probenraum mit Bett und Computer aus – wären da nicht Spielzeug-Autos und –Figuren...
Papa Sebastian (36) ruft Jakob. Der kommt einigermaßen unwillig hinein. Händeschütteln ist nicht seine Sache. Reden? Das noch weniger! Die ersten Fotos werden gemacht. Er setzt sich unter die beiden Gitarren. Ohne einen freundlichen Zuruf „Lächel doch mal“ verzieht sich sein Gesicht nicht, er guckt relativ uninteressiert durch seine Brille.
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Der Papa sagt: „Wollen wir mal was spielen?“ Jakob geht hinters Schlagzeug. Sebastian Pietrowski und Kevin stöpseln ihre Gitarren ein. Es ist eine kleine Version der irischen Kelly-Family. Aber halt polnisch-deutsch. Vater und Mutter Eva (30) leben seit 20 Jahren in Berlin. Beide Söhne sind hier geboren. Ihre Gruppe heißt: Dzemik Blues.
Das erste Lied ist ein polnischer Blues-Song. Jakob hat die Brille abgenommen: „Die Bügel drücken unter den Kopfhörern.“ Es beginnt: Die Sticks (Schlagzeug-Stöcke) fliegen über die Tom-Toms, Snares und Crashes. Mit den Füßen bedient der Sechsjährige eine Doppel-Fußmaschine. Die meisten Drummer spielen mit einer einfachen Fuß-Maschine.
Aber Jakob hat’s halt drauf. Sein Gesicht entspannt sich, er lächelt. Freiwillig. Keiner muss ihn darum bitten. Er ist in seiner Welt. Die Sticks fliegen mit einer Genauigkeit auf die Trommeln und Becken, die unglaublich ist. Das zweite Lied: „Knocking on Heavens Door“. Jakobs Körper fliegt mit – immerhin muss er auf einem Erwachsenen-Schlagzeug spielen – eigentlich etwas zu groß für seine paar Zentimeter Körpergröße. Aber der „little drummer boy“ ist eben schon ein ganz Großer.
Zeit für ein Gespräch. Aber Reden... Hast du einen Lieblings-Künstler? „Hmmm?“. In welcher Klasse bist du? „Erste.“ Sein Bruder greift ein: „Nach den Sommer-Ferien kommt er in die zweite.“ Jakob, was sagen deine Schulfreunde dazu, dass du ein Drummer bist? „Cool!“. Was ist deine Lieblingsfach? „Mathe.“ Welchen Sport magst du? „Gymnastik.“ Fußball? „Ja, auch.“ Reden ist wirklich nicht seine Sache. Er darf wieder an die Drums. Ein neues Lied. Ein neuer Jakob. Die Sticks fliegen wieder wie wild.
Rückblick: Jakob fing mit vier Jahren am Schlagzeug an. Wie das ging, erzählt lieber Kevin. „Papa hatte für sich ein Schlagzeug gekauft. Aber Jakob setzte sich dran – und war innerhalb kürzester Zeit besser.“
Während Kevin von einem Freund der Familie an der Gitarre unterrichtet wird, geht Jakob ein Mal die Woche zum Musik-Lehrer Sandro Fusati. Vater Sebastian: „Jakob kann noch keine Noten lesen. Der Lehrer macht es vor und er spielt es einfach nach.“ Einen Rhythmus vom Led-Zeppelin-Drummer John Bonham habe er sogar innerhalb von zehn Minuten drauf gehabt, obwohl der richtig kompliziert ist. Super. Viele andere Schlagzeuger hätten jetzt wohl Knoten in Armen und Beinen.
Eine kleine Verschnaufpause. Jakob und Kevin balgen herum. Wie Kinder es halt tun. Und dann fängt der Sechsjährige an leise zu singen: „We are the Champions.“ Ein Mal pro Tag probt das Familien-Trio zu Hause in einem Mehrfamilienhaus. Sebastian Pietrowski: „Eine Stunde ist erlaubt – aber volle Pulle.“ Manchmal gehen sie auch in einen Probenraum. Und ab und zu geben sie Konzerte. Sebastian: „Das erste Mal, dass Jakob ein Konzert gespielt hat, war mit fünf Jahren.“ Drängt er seine Kinder zur Musik? „Nein, es macht ihnen Spaß und solange es ihnen Spaß macht, geht’s weiter.“ Jakob steht auf, will ein Solo zeigen. Jeder sieht: Es macht ihm Spaß.
Was sich Jakob für seine Berufs-Zukunft erträumt? „Drummer!“, sagt er. Doch das ist noch ein langer Weg. Ein Sponsor wäre wichtig. Eine gute Musikschule für beide Kinder ist nicht billig. Ein langer Weg – aber die Konzerte verkürzen die Zeit.
Ortswechsel: Der Club „Hangar 49“ in der Holzmarktstraße 15-18. Jakob steht mit seiner Familien-Band auf der Bühne. Rund 40 Leute sind gekommen, drücken sich in die Ecken. Vor der Bühne ist Leere, bis auf die Ecke vor den Drums. Jakobs Mutter Eva (30) und ein paar Freunde der Familie filmen den Kleinen – schwierig, schließlich ist er kaum hinter dem großen Schlagzeug auszumachen. Aber Jakob wirbelt wie ein Berserker. Die Sticks hämmern aufs Schlagzeug. Auch Kevin und der Papa liefern eine gute Performance ab. Ein satter Sound. Die Zuschauer staunen. Nach den Songs gibt es freundlichen Applaus.
Zum Schluss, nach gut einer halben Stunde, gehen Papa Pietrowski und Kevin von der Bühne – Zeit für das große Solo von Jakob. Der Kleine hämmert, als müsste er ein großes Stadion beschallen. Ob Charlie Watts von den Rolling Stones als Sechsjähriger auch so gut war? Das Publikum ist begeistert von Jakob.
Diesmal war es nur ein kleiner Club, in dem Jakob spielte. Wenn er größer ist, dann werden auch die Hallen größer werden. Viel größer. Da sind sich alle sicher. Jakob, hau drauf!
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