Blauer Himmel und weiße Wölkchen spiegeln sich in der müde dahinfließenden Spree. Am Ufer vom Treptower Park spazieren Eis schleckende Pärchen, ein Gitarrenspieler klampft Bob-Dylan-Songs, auf den großen Wiesen spielen Kinder Fußball. Unbeachtet steht da ein älterer Mann. Er schaut auf den Fluss. Graue Haare, Anzug, Krawatte. Er kann nur mühsam die Tränen unterdrücken, streckt einen Arm aus und sagt leise: „Da vorn, da ist es passiert!“
Dr. Klaus Günterberg (67), Gynäkologe, zeigt auf die Stelle, wo am 5. Juli 1951 der Ausflugsdampfer „Heimatland“ mit rund 120 Ferienkindern an Bord explodierte und in in Flammen aufging. Zwischen 30 und 49 Tote – die Zahl der Opfer ist umstritten – forderte die Tragödie, die vor 60 Jahren ganz Deutschland erschütterte. Der kleine Klaus (7) überlebte sie schwer verletzt. Erinnerungen an einen Tag, der viele Leben kostete und viele veränderte.
5. Juli 1951, ein Donnerstag. Der Himmel ist bedeckt, die Luft warm. Aber es herrscht Kalter Krieg. Eine unsichtbare Grenze teilt Berlin in Ost (seit 1949 DDR, russischer Sektor) und West (mit den Sektoren der Amerikaner, Franzosen, Engländer).
Ein Sommerausflug auf der Spree – für viele Kinder endete er am 5. Juli 1951 tödlich.
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Der Dampfer „Heimatland“ explodierte und brannte aus.
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Beisetzung der Opfer auf dem „Friedhof der Sozialisten“ in Friedrichsfelde in Anwesenheit von Bürgermeister Friedrich Ebert. Ein Gedenkstein nennt 30 Namen, ohne das Schiffsunglück zu erwähnen.
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Klaus Günterberg nahm als 7-Jähriger an dem verhängnisvollen Ausflug auf der Spree teil. Er erlitt schwere Verbrennungen, lag sieben Monate im Krankenhaus und bekam sieben Jahre lang eine medizinische Reha.
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Klaus Günterberg
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Im Ostteil beginnen die staatlich organisierten „Ferienspiele“. Gegen kleines Entgelt können Familien ihre Kinder zu Ausflügen schicken. Für die „Ferienspiele“ hat der Magistrat alle Dampfer gemietet. Am 5. Juli will die Flotte Richtung Müggelsee.
„Wir sammelten uns an den Schulen, dann ging’s mit Lehrern und Ferienhelfern per S-Bahn zum Treptower Park“, erinnert sich Klaus Günterberg. „Ich trug kurze Hose, Kniestrümpfe. Meine Mutter hatte mir eine Brotetasche umgehängt.“
Am Anleger steigen gegen 9 Uhr Hunderte Kinder auf die Dampfer. „Viele, die schon tags zuvor mit der ,Heimatland’ gefahren waren, wollten nichtwieder auf dieses Schiff“, erzählt Klaus Günterberg. „Sie sagten, es hätte nach Sprit gestunken; die durften nun auf ein anderen Boot. Uns wies man die ,Heimatland’ zu.“
Uns – das waren die Schulen Greifenhagener und Wehlauer Straße (heute Eugen-Schönhaar-Straße) aus dem Bezirk Prenzlauer Berg.
Etwa 9.30 Uhr legt die Flotte ab, zuletzt die „Heimatland“.
Eigner und Kapitän des 17 Meter-Bootes ist Erich Weise. Er hat es Monate zuvor auf Kredit gekauft. Tage vor dem Unglück ging der Dieselmotor kaputt, ein neuer war nicht aufzutreiben. Von der DSU (die staatliche „Deutsche Schiffs- und Umschlagzentrale“), der Weise unterstellt war, bekam er Auftrag und Sprit, aber kein Ersatzteil.
Der Chef der DSU, so recherchierten die TV-Autoren Karin und Till Ludwig für ihre rbb-Reportage „Tod auf der Spree“, hatte Weise angewiesen, dann eben einen Benzinmotor zu besorgen und einzubauen. Walter Krüger, ein West-Schlosser mit Ost-Werkstatt, half ihm. Die DSU machte Druck: Die „Ferienspiele“ liefen, die Boote waren gechartert – ein Schiffsausfallwäre blamabel gewesen.
Am3. Juli war Probefahrt – sie glückte. Tags darauf wäre eine offizielle Abnahme des Schiffes Vorschrift gewesen, aber dafür war keine Zeit. Die DSU gab den Fahrbefehl, die „Heimatland“ musste vollbesetzt auslaufen. Bei diesem Ausflug stotterte der Motor. „Das legt sich wieder“, sagte Weise den Kindern, die sich wegen des Gestanks die Nase zu hielten.
Jetzt, am Morgen des 5. Juli, ist die „Heimatland“ wieder ausgelaufen. „Ich saß, wie die meisten, unter Deck“, erinnert sich Klaus Günterberg. „Da hatte man uns besser unter Kontrolle. Man schloss auch die Türen ab, damit es kein Herumgerenne gab.“
Nach 300 Metern ein Knall.
„Mittig des Schiffes, wo ein Mann im Führerhaus stand – da schossen Flammen heraus. Ich weiß nicht, wer der Mann war, aber er muss als Erster verbrannt sein.“
Klaus reißt die Hände hoch.
„So blieb mein Gesicht fast unversehrt, aber die Haut an beiden Händen verbrannte. Es brach Panik aus, wir wollten raus. Aber die Türen waren zu.“
Eine zweite Explosion.
„Ausgelaufenes, brennendes Benzin, wie eine Feuerwand. Sie verbrannte mir den Rücken.“ Endlich kann ein Lehrer eine Tür öffnen.
„An Deck waren schon viele Kinder verbrannt, andere sprangen in die Spree, einige brennend. Es war entsetzlich!“
Die Opfer – verbrannt, ertrunken, Herzschlag durch Schock.
Die ebenfalls mit 120 Kindern besetzte „Elfriede“ kommt zu Hilfe. Über einen Steg gelangen viele Kinder in Sicherheit.
Klaus, der wie die meisten Kinder noch nicht schwimmen kann, wird von einem Angler aus der Spree gerettet.
„Ich hatte mich durch Paddel-Bewegungen, die mir meine Schwester beigebracht hatte, über Wasser gehalten, bis er mich ins Boot zog.“
Die „Heimatland“ brennt lichterloh, kleine Körper zappeln in der Spree, klammern sich aneinander, schreien, andere treiben leblos dahin oder gehen unter.
Das Unglück löst einen politischen Streit aus. Der Westen klagt, Volkspolizei habe die Spree abgeriegelt und West-Schiffe abgewiesen; der Osten klagt, West-Kliniken hätten die Aufnahme von Opfern wegen fehlender West-Krankenversicherungen abgelehnt.
Fakt ist: 63 Verletzte kommen in Ost-Krankenhäuser. Auch Klaus, für 7Monate. „Ich wurde mehrfach operiert, bekam Haut-Transplantationen.“ Es folgen sieben Jahre medizinische Reha.
Ost-Berlin beklagt 30 Tote – 28 Kinder (6 bis 13 Jahre) und 2 Erwachsene (42 und 49 Jahre) – und errichtet auf dem „Friedhof der Sozialisten“ in Friedrichsfelde einen Gedenkstein, ohne auf ihm das Unglück zu erwähnen.
West-Berlin zählt „bis zu 49 Tote“.
Der Schuldige ist schnell gefunden und abgeurteilt: „Heimatland“- Kapitän Weise wird nach nur elf Stunden Prozess wegen „Transportgefährdung“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, sein Helfer, Schlosser Krüger, zu fünf Jahren. Proteste aus dem Westen, die DSU habe eine Mitschuld, verhallen.
Noch Monate später erliegen Kinder ihren Verbrennungen. Die Überlebenden werden vom Magistrat beschenkt. Klaus Günterberg bekommt ein Fahrrad.
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