Rente mit 40

29-Jähriger spart monatlich 1500 Euro

Oliver Noelting ist ein Frugalist. Im Alter will er von seinen Ersparnissen leben.

Palmer Anne-Kattrin
Lesezeit 5 Min
Oliver Noelting und seine Freundin Joana. Ob der ehrgeizige Lebensplan der beiden aufgeht?  

Oliver Noelting und seine Freundin Joana. Ob der ehrgeizige Lebensplan der beiden aufgeht?  

© Berliner Kurier

Schon als Schüler schüttelte Oliver Noelting oft mit dem Kopf, wenn ihm andere ihre Zukunftspläne darlegten. Irgendwann einen BMW zu fahren, anstatt einen Polo, den man sich vielleicht bereits im Studium leisten kann. Genug Geld zusammenzusparen, um sich ein Haus leisten zu können; dazu ein Garten mit drei Reihen Kopfsalat, schön wäre auch ein Pool. Und natürlich oft zu reisen. In den Süden, in tolle Hotels, in schöne Städte. Und Tag für Tag hart dafür zu arbeiten. 

Einengend empfand Noelting so ein vorgefasstes Leben. Regelmäßig den Rasen zu mähen, allmonatlich das Auto in die Waschanlage zu fahren, jahrelang den Kredit für das Haus abzustottern. Das entspricht so gar nicht seinem Lieblingsspruch aus „Forrest Gump“ mit Tom Hanks: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was kommt.“

Sie wollen nicht sinnlos Geld ausgeben

Außerdem fragte Noelting sich: Was passiert, wenn Menschen mit 67 oder früher in Rente gehen? Ob sie dann wirklich noch den Lebensabend genießen können? Oder ob sie vor lauter Arbeit und Sich-etwas-Anschaffen ausgelaugt sind? 

Oliver Noelting ist 29 Jahre alt. Er ist schlaksig, hat dunkle Haare und trägt einen Bart. Er lebt mit seiner Freundin Joana in einer kleinen, preiswerten Mietwohnung in Hannover. Die Möbel haben sie geschenkt bekommen oder sich Second Hand gekauft. Sie sparen, wo sie können, um später ein sorgenfreies Leben zu genießen.

Kostet auch nichts, schont die Umwelt: Er ist stets mit dem Rad unterwegs.  

Kostet auch nichts, schont die Umwelt: Er ist stets mit dem Rad unterwegs.  

© Berliner Kurier

Erst seit einem halben Jahr sind Oliver und Joana wieder in Deutschland. Vorher wohnten sie in England. Sie teilten sich dort ein WG-Zimmer, um nicht sinnlos Geld auszugeben und um etwas zurückzulegen zu können. Ihr Credo seit Jahren lautet: „Mit 40 gehen wir in Rente!“ 

1500 Euro spart er monatlich

Bei ihrer Lebensplanung ziehen sie an einem Strang. Noelting sagt: „Statt immer mehr zu konsumieren und mit steigendem Gehalt meinen Lebensstil aufzublähen, lebe ich einfach mein genügsames und zufriedenes Leben weiter.“

Frugalist nennt Oliver Noelting sich. Frugal bedeutet „einfach, bescheiden, mäßig“. Er führt ein, wie er sagt, „abgespecktes Leben“.

Sein Geld verdient er als Software-Entwickler. Als Angestellter arbeitet er 24 Stunden pro Woche in einer kleinen Software-Agentur und ist zusätzlich als Programmierer selbstständig. Mit seinem Job verdient er monatlich zirka 2500 Euro netto.  „Ich mag meinen Beruf, aber der Gedanke, immer darauf angewiesen zu sein, hat mich lange umgetrieben. Die Vorstellung hat mir nicht sehr gut gefallen“, sagt er. 

Zurzeit gebe er monatlich 800 Euro aus und spare 1500 Euro, um sich im Erfolgsfall ein Vermögen anzuhäufen, mit dem er bis an sein Lebensende auskommen kann, ohne auf einen Job angewiesen zu sein. 

Das gesparte Geld investiert er

Natürlich wisse er, dass etwas dazwischen kommen könne, dass es keine Garantie gebe, räumt er ein. Doch bislang habe er 100.000 Euro auf der hohen Kante. Bis 40 könnten es 400.000 Euro sein. 

„Die Differenz, also das, was ich am Ende des Monats übrig habe, investiere ich kontinuierlich“, sagt er. „So kann das angesparte Geld in den 12 Jahren hoffentlich schon eine kleine Rendite erwirtschaften.“ 

Wie hoch diese sei, das stehe allerdings in den Sternen. Gerade am Aktienmarkt geht es ja häufig drunter und drüber. „Wenn es nicht klappt, arbeite ich eben weiter“, sagt er. 

Kostet nichts, macht Spaß: Skateboarden ist eines von Noeltings Hobbys.

Kostet nichts, macht Spaß: Skateboarden ist eines von Noeltings Hobbys.

© Berliner Kurier

Im Alter von 40 Jahren nicht mehr arbeiten. Geht das wirklich? Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, im Jahr 2017 veröffentlicht, ergab: Jeder zehnte Haushalt in Deutschland könnte etwa 13 Jahre mit seinen Ersparnissen auskommen – vorausgesetzt, der Lebensstandard verändert sich nicht. Fünf Prozent der Haushalte könnten sogar zwei Jahrzehnte lang von ihrem Vermögen leben. 

Jeder Kaffee und jedes Bier wird notiert

Demgegenüber stehen allerdings 30 Prozent der Haushalte, bei denen nach wenigen Wochen oder Monaten die Reserven verbraucht wären. Dazu zählen vor allem Alleinerziehende und deren Kinder.

Oliver Noelting befiel während des Studiums eine „Sinnkrise“. Bis ihm ein Kumpel auf einer WG-Party von einem Kerl aus Amerika erzählte, der sich „Mr. Money Mustache“ nennt. Der hatte trotz eines guten ITler-Gehalts einigermaßen bescheiden gelebt und etwas mehr als die Hälfte seines Einkommens gespart. So konnte er schon mit 30 Jahren kündigen und das machen, worauf er Lust hatte. Er dokumentierte alles auf einem Blog. Bis heute. Der Mann hat eine Riesen-Follower-Gemeinde. 

„Es klag ziemlich abgedreht“, sagt Noelting. Aber genau das sei die Lösung für ihn gewesen. Er rechnete nach, was er beiseitelegen kann. Und fing an, ein Haushaltsbuch zu führen, seine Einnahmen und Ausgaben aufzuschreiben. Jeder Kaffee zum Mitnehmen wird seitdem notiert, jedes Bier, das er in einer Kneipe trinkt. 

Die Sehnsucht nach Minimalismus

Zudem besorgte er sich Bücher über Geldanlagen. „Schließlich sollten meine Ersparnisse für mich arbeiten, sodass die Erträge meines Vermögens eines Tages meine Ausgaben deckten.“ Und er gelangte zu der Erkenntnis, dass man für die schönsten Dinge des Lebens fast kein Geld braucht: skaten gehen, spazieren gehen, Sport treiben, Freunde treffen und neugierig auf alles sein. „Ich brauche kein Auto oder Shopping-Ausflüge.“ Auch im Alter werde er bescheiden leben. Wie, das sehe er dann. 

Seit 2015 dokumentiert Noelting sein sparsames Leben auf seiner Homepage, zum Beispiel was er einkauft, um gerade mal 100 Euro im Monat fürs Essen auszugeben. Und dass er im Urlaub am liebsten mit seiner Freundin – sie arbeitet in einer Werbeagentur – zeltet. Auch er hat viele Follower. Er trifft wohl eine Sehnsucht.

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