Renée Zellweger als Judy Garland

Die letzten Monate einer Legende

Sie war schon als Kind weltberühmt. Doch das hatte auch seine Kehrseite.

Mariam Schaghaghi
Lesezeit 7 Min
Schauspielerin Zellweger als Judy. Für die Rolle nahm sie monatelang Gesangsunterricht.  

Schauspielerin Zellweger als Judy. Für die Rolle nahm sie monatelang Gesangsunterricht.  

© dpa

Es könnte zu einer ihrer besten Rollen werden! Seit dieser Woche ist Renée Zellweger in „Judy“ (Kinostart 2. Januar) zu sehen. Der Hollywoodstar spielt die Legende Judy Garland ein halbes Jahr vor deren Tod.

Damals war die Garland abgestürzt, von Misserfolg verfolgt, verzweifelt und pleite. Ihre zwei jüngeren Kinder muss sie beim Ex unterbringen. „Judy“ ist ebenso ein furioses Comeback von Renée Zellweger. Wir trafen sie.

KURIER: Wie viel „Größenwahn“ war dabei, die Garland zu spielen?

Renée Zellweger: Kurz vor Drehbeginn wäre ich am liebsten weggerannt, weil mir diese Schuhe doch etwas groß erschienen. Denn für mich und meine Familie war Judy Garland auch immer Kult.

Filmszene: Gebrochen vom Leben versucht Judy Garland ein Comeback. Es gelingt ihr. Vorerst.  

Filmszene: Gebrochen vom Leben versucht Judy Garland ein Comeback. Es gelingt ihr. Vorerst.  

© eOne Germany

Ich erinnere mich genau, dass sich unsere ganze Familie immer geschlossen vor dem Fernseher versammelt hat, wenn „Der Zauberer von Oz“ im TV kam. Wir waren als Kinder immer so beseelt, dass mein Bruder und ich tagelang über nichts anders sprachen.

Warum sind Sie nicht weggerannt?

Vielleicht, weil diese Rolle sich für mich nicht wie eine Filmrolle angefühlt hat. Sondern wie eine persönliche Erfahrung: Ich habe keine Figur recherchiert, sondern ein Leben erkundet. Judy stand so lange in der Öffentlichkeit und hat Filmgeschichte hinterlassen. Ich wollte mal die Person dahinter kennenlernen. Sie war schon als Teenie eine Ikone. Bevor es Internet gab, musste man wirklich etwas leisten, um den Status zu erlangen!

Judy Garland war oft so einsam, dass sie auch mal mit Fans nach Hause ging und ein Omelett bei ihnen aß. Haben Sie Gemeinsamkeiten zwischen sich selbst und Judy festgestellt?

Die Schlaflosigkeit haben wir auf jeden Fall gemeinsam. Wobei ich eigentlich nur eine Nachteule bin, die zu später Stunde sehr kreativ ist und gerne arbeitet. Oft liege ich im Bett und denke, dass ich so viel Cooleres mit meiner Zeit anfangen könnte! Und dann fange ich beispielsweise an zu schreiben.

Wie lang mussten Sie trainieren, um wie Judy Garland singen zu können?

Etwa ein Jahr lang. Zuerst habe ich ihre Stimme analysiert, um zu verstehen, wie sie mit ihr gearbeitet hat. Es ging um Nuancen, wie sie bestimmte Passagen betont, wie viel Kraft sie in eine bestimmte Note gibt, dass sie Konsonanten mehr betonte als Vokale.

Renée Zellweger nahm lange eine Auszeit. Mit „Judy“ kehrt sie oscarverdächtig zurück  

Renée Zellweger nahm lange eine Auszeit. Mit „Judy“ kehrt sie oscarverdächtig zurück  

© Michael Tran

Was ich natürlich nicht kopieren konnte, ist ihr Talent. Sie hatte eine gottgegebene Stimme, absolut magisch und einzigartig. Die kann man nicht kopieren. Wir werden in einer Million Jahren nicht mehr so eine Stimme hören!

Was ging in Ihnen vor, als Sie „Somewhere over the Rainbow“ wagten?

Ich war vorher extrem nervös. Um meine Nervosität in den Griff zu bekommen, habe ich mich nur noch auf einen Tag nach dem anderen konzentriert, um nicht durchzudrehen. Wenn solche Szenen dann auf dem Drehplan standen, habe ich einfach mein Bestes gegeben. Ich hoffte, dass es irgendwie klappen wird. Gebetet habe ich aber auch ein bisschen!

Für einen Golden Globe wurden Sie schon nominiert, nun wartet eine mögliche Oscarnominierung …

... Ich bin vor allem erst mal glücklich, dass ich diese Erfahrung machen konnte, „Judy“ zu drehen. Mich macht es wirklich glücklich zu sehen, dass der Film die Menschen bewegt und sie rührt. Das gibt mir einen richtigen Kick! Während des Drehs vergisst man beinahe, dass der Film mal von einem großen Publikum gesehen wird. Umso wundervoller ist es dann, die begeisterten Reaktionen der Menschen wahrzunehmen.

Judy Garland war fünfmal verheiratet. Sie war medikamentenabhängig ...

Mich hat es sehr fasziniert, wie sie sich bei so einem turbulenten und oft schwierigen Leben selbst finden konnte. Ich konnte mit ihr mitfühlen – welchen Preis sie für ihren Erfolg im Scheinwerferlicht gezahlt hat.

Judy Garland (damals 16) als Dorothy in dem Klassiker „Der Zauber von Oz“ 1939. 

Judy Garland (damals 16) als Dorothy in dem Klassiker „Der Zauber von Oz“ 1939. 

© imago images / Prod.DB

Wie schwer sie es zu Ende ihres Lebens hatte, als sie ihre Wohnung verlor und ihre Kinder bei ihrem Ex in den USA lassen musste, um in London Geld zu verdienen. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt die Kraft hatte, um auf die Bühne zu gehen.

Glauben Sie, man hätte sie retten können? Sie ist mit 47 Jahren gestorben.

Ich habe viel darüber nachgedacht: Sie war noch so unglaublich jung, als dieser ganze Trubel um ihre Person losging. 

Als Kinderstar wurde sie ausgenutzt und bevormundet. Aber haben die Schwierigkeiten, die sie überwinden musste, sie nicht auch zu der Person und der Künstlerin gemacht, die sie wurde? Bewegt ihre Kunst die Menschen deswegen heute noch?

Marilyn Monroe brach ebenfalls unter der Last ihres Erfolgs zusammen.

Ja, das kommt einem natürlich in den Sinn. Man muss zugeben, dass so ein Schicksal in Hollywood nicht unüblich ist.

Wie haben Sie es geschafft?

Ich denke, dass meine Auszeit mir geholfen hat, eine neue Perspektive auf mein Leben zu finden. Ich brauchte eine Pause vom Showbusiness. Wenn ich ehrlich bin, dann hat mich das alles sehr belastet.

Judy Garland als junge Frau. Sie starb mit 47 Jahren an der Überdosis eines Schlafmittels. 

Judy Garland als junge Frau. Sie starb mit 47 Jahren an der Überdosis eines Schlafmittels. 

© imago/Hollywood Photo Archive

Ich habe es damals gar nicht so wahrgenommen, aber meine Familie und Freunde haben es gemerkt und mit mir darüber geredet. Rückblickend ist mir klar, dass es mir damals gar nicht gut ging.

Sie haben sich sechs Jahre zurückgezogen. Wie schlecht ging es Ihnen?

Aus der Distanz wurde mir klar, wie wenig authentisch mein Leben geworden war. Alles war wahnsinnig oberflächlich. Ich hatte kaum noch tiefer gehende Gespräche. Alle wichtigen Lebensentscheidungen traf ich um den Job herum. Die Prioritäten haben nicht mehr gestimmt, und das ist mir nicht mal aufgefallen. So konnte ich nicht glücklich werden.

Wie empfinden Sie Ihr Comeback?

(Lacht) Comeback? Aus meinem Leben war ich ja nie weg. Im Gegenteil. Nur die Öffentlichkeit hat mich weniger wahrgenommen.

Haben Sie Ihre Rolle als Judy Garland abends ablegen können?

Das ging nicht so einfach. Abends habe ich mir oft noch YouTube-Videos von ihr angesehen oder ihren Akzent geprobt. 

Ich wollte sie möglichst lange am Tag bei mir haben, um sie richtig gut spielen zu können.

Kapseln Sie sich für jeden Dreh von Ihrem eigentlichen Leben ab? Wie sieht dann Ihr Alltag aus?

Mein Freund und ich haben das für uns geklärt: Wir holen jede Feier, jedes verpasste Essen nach.

Wenn Geburtstage anliegen, arrangiere ich alles frühmorgens, bestelle Blumen oder eine kleine Überraschung, damit ich mich dann auf den Dreh konzentrieren kann.

Maggie Smith, Judy Dench oder Helen Mirren stehen alle im Alter von 75plus noch mit größten Vergnügen vor der Kamera. Wünschen Sie sich das ebenfalls?

So weit in die Zukunft plane ich nicht. Ich würde aber gern mal das Vergnügen haben, diese tollen Kolleginnen zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen. Ich könnte viel von ihnen lernen.

Haben Sie sich mit einigen Kollegen im Laufe Ihrer Karriere angefreundet?

Es ist ein paar Mal passiert, dass ich Freundschaften mit Menschen schließen konnte, die ich zuvor für ihre Arbeit bewundert habe. Man muss aber aufpassen: Ich mache mir trotzdem nicht vor, dass jemand ein toller Mensch ist, nur weil er großartige Arbeit als Schauspieler abliefert. 

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