Wissen Sie, was eine Bucket-List ist? Meine Mutter hat eine. Eine „Löffelliste“. Da steht all das drauf, was sie noch tun will, bevor sie den Löffel abgibt. Da sie, 88-jährig, allein nicht mehr so kann, wie sie gerne möchte, begleite ich sie seit dem Tod meines Vaters auf ihren Reisen. Doch diesmal geht sie zu weit, finde ich.
„Was? Zum Nordkap willst du? Ausgerechnet! Ist es da nicht kalt? Wieso nicht Gran Canaria?“ So sehr sie bittet, ich bleibe stur: „Nein, tut mir leid. Da mache ich nicht mit!“ Und dann, ist ja klar, setzt sich meine Mutter durch.
Ein paar Wochen später stehen wir in Bergen am Anleger der Hurtigruten-Linie vor der vertäuten MS Nordkapp (deutsche Schreibweise: Nordkap), die uns an der zerklüfteten norwegischen Küste entlang führen wird, über Atlantik und Barentssee, durch Schären und Fjorde, bis rauf zum nördlichsten Punkt Europas.
„MS Nordkapp“-Kapitän Tor Simonsen hält Ausschau nach Hindernissen...
© Olaf Wunder
Um das Resümee vorwegzunehmen: Heute bin ich heilfroh, dass meine Mutter nicht lockergelassen hat. Wäre ich sonst je mit einem Hundeschlitten gefahren? Hurtigruten – das bedeutet „Schnelle Linie“. Vor 125 Jahren wurde sie gegründet, um die Menschen, die in abgeschiedenen Gebieten des Nordens vor allem vom Fischfang lebten, mit Post und all den Waren und Wirtschaftsgütern zu versorgen, die sie selbst nicht produzieren konnten. Gewaltige Distanzen galt es zu überwinden: Von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück sind es 2500 Seemeilen.
Heute verfügt die Reederei über elf Schiffe, von denen jeden Tag eins in Bergen ablegt. Immer noch werden Waren und Post befördert. Einheimische nutzen die Linie, um von einer Stadt zur nächsten zu kommen. Das Hauptgeschäft aber sind längst die Touristen, die alles darum geben, einmal im Leben die „schönste Seereise der Welt“ anzutreten.
In Mitteleuropa beginnt gerade der Frühling, auf der Barentssee bei Kirkenes schwimmen Eisschollen.
© Olaf Wunder
Meine Mutter hat sich Zeit ihres Lebens für andere aufgeopfert – für meinen Bruder und mich, für meinen Vater, der Jäger war und für den Urlaub nur eins bedeutete: in seinem Revier auf dem Hochsitz zu sein. Für ihre eigenen Wünsche war wenig Raum. Und so blieb ihr Traum, einmal Norwegen von der Wasserseite kennenzulernen, unerfüllt. Das ändern wir jetzt. Schade nur, dass sie inzwischen gehbehindert ist und an Landausflügen nur eingeschränkt teilnehmen kann.
Das Schiff hat Bergen noch nicht verlassen, da gibt es die ersten Schwierigkeiten: Mutter klopft an meine Tür, schaut mich an, als wäre das Schiff soeben gegen einen Eisberg gekracht. „Mein Kamm. Ich habe meinen Kamm vergessen!?“ Ich verdrehe die Augen. Wir wollen ans nördliche Ende des Kontinents, und sie hat Angst, dass der Pony nicht sitzt…
Trondheim entzückt Gäste mit seinen bunten Lagerhäusern am Fluss Nidelva.
© Olaf Wunder
Wir laufen die ersten Häfen an. Ålesund, die berühmte Stadt des Jugendstils mit den vielen wunderschönen Häusern, den Türmchen und Ornamenten begeistert mich. 1904 ist die Stadt, die bis dahin ganz aus Holz gebaut war, abgebrannt und wurde dann liebevoll wiederaufgebaut – mit großzügiger deutscher Hilfe, weshalb es bis heute ein Denkmal für Kaiser Wilhelm II. gibt.
Am Tag drei unserer Reise: Trondheim. Hier bewundere ich den herrlichen Nidaros-Dom, die Krönungskirche der norwegischen Könige. Bei bestem Wetter spaziere ich an den bunten Lagerhäusern am Fluß Nidelva vorbei. Nebenbei gelingt es mir, einen Kamm zu besorgen. Da wird Mutter aber bestimmt erleichtert sein, denke ich. Als ich zurück an Bord bin, steht sie mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck da und hält den vermissten Kamm in der Hand. „Der hatte sich im Koffer versteckt“, sagt sie.
Erster Höhepunkt der Reise
„Betreten Sie niemals ein Hurtigruten-Schiff, Sie wollen sonst nie mehr runter!“ So lautet ein Spruch, den ich Wochen vor der Reise gehört habe. Schon sehr bald merken wir, dass das keine Übertreibung ist. Die Kabinen: klasse. Die Ausstattung des Schiffes: 1 a. Das Essen in den drei Schiffsrestaurants: absolut spitze. Höhepunkt eines jeden Abends ist das Drei-Gänge-Menü. Die Qualität der Speisen reicht an ein Sterne-Restaurant heran. „Costal Kitchen“, norwegische Küsten-Küche, kredenzt Hurtigruten den Gästen. Alles regional und topfrisch.
Vierter Tag auf See. Der erste Höhepunkt der Reise. Das Schiff passiert den nördlichen Polarkreis. Damit niemand diesen Moment vergisst, hat sich einer aus der Besatzung als Meeresgott Njord verkleidet und nimmt als „Herrscher der Sieben Meere“ die Polartaufe vor: Wer gerade an der Reihe ist, hält vor Schreck die Luft an, sobald ihm das Eiswasser aus Njords Kelle den Nacken runterläuft. Alle anderen kringeln sich vor Lachen.
Husky-Welpen im Schnee. Die Aufnahme entstand in der Nähe von Kirkenes.
© Olaf Wunder
Es wird zunehmend winterlich. Wir nähern uns den Lofoten, einer geradezu märchenhaft schönen Inselwelt. Alle Passagiere zieht es an Deck. Auch meine Mutter. Doch der Unterschied: Während die anderen ausstaffiert sind, als wollten sie zu Fuß zum Nordpol, steht sie in dünnen Mokassins da. „Sag mal, das da ist aber jetzt nicht dein ,festes Schuhwerk’, oder?“ Doch, ist es. Und das bedeutet, dass ich in Tromsø erneut einen Einkaufsbummel machen muss.
Die achtgrößte Stadt Norwegens diente dem berühmten Abenteurer Roald Amundsen als Ausgangspunkt seiner Expeditionen. Ich interessiere mich allerdings notgedrungen mehr für die Sportgeschäfte. Abends beim Essen sind Frau Wunders neue Treckingschuhe mit den neogrünen Schnürsenkeln Thema Nummer eins an Bord. Fast alle amüsieren sich darüber, dass es da eine Mitreisende gibt, die mit Mokassins zum Nordkap wollte.
Ans Schiff gefesselt
Inzwischen ist in den Nächten auf dem Oberdeck immer eine Menge los: Heute sollen die Chancen auf Polarlicht besonders gut stehen, hat Kapitän Tor Simonsen (48) verlauten lassen. Schon haben die Passagiere ihre Kameras im Anschlag, suchen aufgeregt den Himmel ab. Wer träumt nicht davon, einmal im Leben Aurora borealis mit eigenen Augen zu sehen und zu fotografieren?
Sechster Tag. Unser Schiff erreicht Honningsvåg. Rund 30 Kilometer entfernt ist das Nordkap. Aber aus dem Busausflug dahin wird nichts, sodass Frau Wunder leider keine Chance hat, ihre Schuhe auszuprobieren. Wegen Lawinengefahr sind alle Straßen gesperrt. Wieder ist meine Mutter ans Schiff gefesselt, da ihr ein Stadtrundgang nicht möglich ist. Aber sie hat trotzdem ihren Spaß. Mal spaziert sie übers Promenadendeck, mal sitzt sie hinter den schützenden Scheiben des Panoramadecks und scannt die Landschaft mit den Augen. Alles sieht sie: Ob Wale am Schiff vorbeiziehen oder uns jemand an Land zuwinkt.
Ausbildung zum Hundeschlittenfahrer
„Das ist hier wirklich eine ganz andere Welt“, findet sie und ist begeistert.
Ankunft in Kirkenes. Die Hälfte der Reise ist geschafft. Am Abend wird das Schiff kehrtmachen und die Rückreise antreten. Vorher erlebe ich noch ein Abenteuer. Zehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt sitze ich auf einem hölzernen Schlitten und rausche, gezogen von acht Huskies, durch die einsame Schneelandschaft.
Der Fahrer heißt Shy. Er ist Australier, hat von seinem Beruf als Möbeltischler die Nase voll gehabt und sich in Norwegen zum Hundeschlittenfahrer ausbilden lassen. Shy ist eine coole Sau, immer lustige Sprüche auf den Lippen. Zum Abschied klatscht er mich ab: „Hey guy, take it easy!“ Wir lernen auf unserer Hurtigruten-Reise noch mehr Leute wie Shy kennen: Menschen, die aus vermeintlich lebenswerteren Gegenden der Welt kommen, aber im Polargebiet hängen geblieben sind.
Die Weltkugel zeigt an: Sie überqueren den nördlichen Polarkreis!
© Olaf Wunder
Abdullah beispielsweise. „Deutsch-Türke der dritten Generation“, so stellt er sich vor. „Aufgewachsen in Aachen.“ Der Liebe wegen sei er nach Norwegen gekommen – und er will nie wieder weg. Abdullah ist Reiseführer in der Region Vesterålen. Während der Bus allerlei Sehenswürdigkeiten ansteuert, erzählt er uns vom Alltag nördlich des Polarkreises. „Jeder weiß, dass das Überleben hier oben nur in der Gemeinschaft funktioniert. Deshalb sorgt sich jeder um seinen Nachbarn.“
Das geht so weit, dass niemand seine Haustür abschließt, nicht mal, wenn er in den Urlaub fährt. „Es könnte doch sein“, sagt Abdullah, „der Nachbar bekommt in der Zwischenzeit so viel Besuch, dass bei ihm der Platz für alle zum Schlafen nicht reicht.“ Er findet: „Wer die Liebenswürdigkeit der Menschen hier einmal länger erlebt hat, möchte nie wieder zurück in die Heimat.“
Tränen in den Augen
Deutsche können froh sein, dass die Menschen hier oben so gutmütig sind. Grund genug für abgrundtiefen Hass hätten sie: Während der Besatzungszeit beging die Wehrmacht furchtbare Verbrechen. Die Soldaten hinterließen bei ihrem Rückzug „verbrannte Erde“. Dass viele Hafenstädte, die wir anlaufen, über so gut wie keine historische Bausubstanz mehr verfügen, liegt daran.
Nach zwölf Tagen macht unser Schiff wieder in Bergen fest. Am Kai drehen wir uns noch einmal wehmütig um. „War richtig schön“, sagt meine Mutter mit Tränen in den Augen. Dann fasst sie mich am Handgelenk und sagt: „Na, wollen wir diese Reise nächstes Jahr wiederholen?“ Ich lache. „Na ja, die Schuhe hast du ja jetzt. Und vergiss nicht wieder den Kamm!“
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