Quentin Tarantino (56)

„Ich werde auf meine alten Tage noch ganz sanft“

Ein Gespräch über früheste Erinnerungen an Hollywood und den Mord an Sharon Tate.

Mariam Schaghaghi
Lesezeit 5 Min
Der Regisseur Quentin Tarantino (56).

Der Regisseur Quentin Tarantino (56).

© picture alliance / dpa / EPA / Ian Gavan

Es könnte DER Film des Jahres werden: „Once upon a time in Hollywood“. Kultregisseur Quentin Tarantino (56) hat fünf Jahre daran gearbeitet. Er erzählt die Geschichte vom Cowboyfilm-Darsteller Rick (Leo DiCaprio) und seiner Freundschaft zu seinem Stuntdouble (Brad Pitt) – und erinnert an den Mord von Mitgliedern der „Manson Family“ an Roman Polanskis schwangerer Frau Sharon Tate (Margot Robbie). Wir trafen Tarantino in Berlin zu einem Gespräch.

KURIER: Quentin, Ihr Film spielt im Hollywood der späten 60er-Jahre. Wenn es Zeitmaschinen gäbe, in welche Zeit würden Sie zurückreisen, um Filme zu drehen?

Quentin Tarantino: Definitiv in die 70er! Die Ära war mit ihren Schauspielern für den Film einfach grandios. Wenn Sie aber fragen, wann ich am liebsten in Hollywood gelebt hätte, würde ich die frühen 60er wählen. Die Zeit von „Dino’s Lodge“ auf dem Sunset Boulevard, Dean Martins Club – eine unglaublich coole Zeit.

Sie sind ja in L.A. geboren. Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an die Traumfabrik?

Geprägt hat mich mein erster Besuch im Grauman’s Chinese Theatre, DEM Kino auf dem Hollywood Boulevard 1969. Wir lebten damals im Osten von L.A, und meine Mutter und mein Stiefvater nahmen mich mit, um „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ mit Paul Newman und Robert Redford zu sehen. Sie hatten mir so viel davon erzählt, ich konnte es kaum abwarten, dieses legendäre Theater endlich zu sehen.

Ihr neuer Film ist überraschend splatterfrei und wirkt wie eine nostalgische Liebeserklärung an das alte Hollywood. Sind Sie – nach der eigenen Hochzeit – etwa zum Romantiker geworden?

Ich bin auch romantisch! Oder ich werde auf meine alten Tage noch ganz sanft. Margot Robbie bezeichnet mich gern als großen Softie. Sagen wir so: Sie sehen hier eine andere Seite von mir.

Gab es bei einigen Szenen keine Lachkrämpfe am Set, zum Beispiel wenn DiCaprio singt und tanzt?

Gott bewahre, ich hätte in der Szene nie gelacht! Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich Leo wirklich dazu gebracht habe. Ich hätte diesen grandiosen Moment nie ruiniert, ich verjage ja auch keinen Schmetterling, nur um ihn zu berühren. Jedes Mal, wenn ich diese Szene sehe, kann ich mein Glück nicht fassen. Das war echt cool, witzig und auch mutig von Leo. Wir beide lachen viel, wir haben den gleichen Humor und längst unsere kleinen Insider-Witze, die nur wir kapieren.

Hat Hollywood in gewisser Weise seine Unschuld verloren, als Sharon Tate 1969 vom Charles-Manson-Clanermordet wurde?

Darüber habe ich viel sinniert. Joan Didion schrieb mal, dass die 60er offiziell mit den Manson-Morden endeten, und die ganze Welt scheint in dieses Zitat verliebt zu sein. Ganz so einfach ist es nicht. Während die Hippies von Frieden und Liebe sprachen, wurden in Vietnam Menschen abgeschlachtet. Die Polizeibrutalität geriet außer Kontrolle. Leute wanderten fünf Jahre in den Knast, nur weil sie einen Joint in der Tasche hatten. Rückblickend hat die Hippie-Bewegung viel Aufsehen erregt, aber die Gesellschaft nicht nachhaltig geprägt. Da ist auch viel schief gegangen.

Bei der Uraufführung in Cannes sagten Sie, dass Sie Polanski nicht über Ihr Vorhaben in Kenntnis gesetzt hätten. Seine Frau Emmanuelle Seigner protestierte kurz danach, wie man aus der Tragödie ihres Mannes Kapital schlagen könnte, auf dem sonst nur herumgetrampelt werde. Wie wichtig war dann, dass Sharon Tates Schwester Debra Ihnen ihren Segen gab?

Das bedeutete mir alles! Wenn man einen Film wie diesen dreht, wird der nicht jedem gefallen. Ich wusste, dass ich ein Risiko eingehe. Mir ist egal, was jeder einzelne, ob Kritiker oder nicht, von diesem Film hält. Aber wenn Debra Tate zufrieden ist, bin ich das auch. Ihre Meinung zählt.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

Die macht mir zum einen etwas Angst, aber gleichzeitig ist es wahnsinnig aufregend, nicht zu wissen, in welche Richtung sich eine ganze Branche entwickeln wird. Eine ähnliche Umbruchphase hat die Filmindustrie der 70er Jahre so spannend gemacht. Hollywood ist immer dann am besten, wenn Hollywood keine Ahnung hat, wie es weitergeht.

Könnten Sie sich vorstellen, mal mit Streaming-Anbietern zusammenzuarbeiten?

Wohl nicht für einen Film. Aber eine Serie könnte ich mir durchaus vorstellen.

Dieser ist Ihr neunter Film. Nach zehn soll Schluss sein. Ist das unverändert Ihr Plan? Es gibt schon Gerüchte über einen Star-Trek-Film und Kill Bill 3 als Nr. 10. Oder drehen Sie etwa mittendrin eine Netflix-Serie, die nicht mitzählt? Also ist das eine Abschiedsparty oder nicht?

Der Plan ist weiterhin, die zehn Filme zu drehen. Aber es steht noch nicht fest, was Nr. 10 sein wird. Vielleicht Star Trek. Ich hatte auch eine Idee zu KiIl Bill 3 und habe in den letzten Monaten intensiver darüber nachgedacht und Uma Thurmans Meinung dazu eingeholt – sie war sehr interessiert! Aber vielleicht wird’s was ganz anderes, was noch in mir schlummert. Ich könnte natürlich auch so tun, als zähle Star Trek nicht, weil ich natürlich zehn Originale meinte und Star Trek dann unmöglich mitzählt. Kurz gesagt: keine Ahnung!

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