RB Leipzig

Normaler Gegner für Union oder Hass-Konstrukt?

Zuhause wird RBL geliebt, woanders aber verdammt. Wieso eigentlich?

Andreas Baingo
Lesezeit 5 Min
Unions Michael Parensen hilft Leipzigs Yussuf Poulsen auf. Das Foto stammt von der Zweitliga-Saison 2015/2016

Unions Michael Parensen hilft Leipzigs Yussuf Poulsen auf. Das Foto stammt von der Zweitliga-Saison 2015/2016

© imago/Picture Point

Fußball-Fan war Goethe natürlich nicht, denn der Sport allgemein und speziell die Treterei mit dem Fuß gegen einen Ball hatte vor 250 Jahren ihren Siegeszug noch gar nicht begonnen. Trotzdem wäre interessant gewesen, was der Deutschen größter Dichter gemeint hätte zu all den Turbulenzen, die der Fußball gerade in der Stadt seiner frühen Jugend angerichtet hat und zu den Vereinen VfB, Rotation, Chemie, 1.FC Lokomotive und seit ein paar Jahren nun auch und gerade RB. Vielleicht hätte er bei dem ganzen Wirrwarr sogar Käthchen vergeben, die einen anderen nahm, sein Hass wäre mit den Jahren Vernunft gewichen und der andere wäre ein normaler oder bei der später eigenen Größe gar kein Gegner mehr.

Was würde Goethe dazu sagen?

Ist Red Bull – in der offiziellen Lesart der deutschen Fußball-Bundesliga RasenBallsport – nun ein normaler Gegner oder doch ein Hass-Konstrukt?

Red Bull ist, um es auf den kürzest möglichen Nenner zu bringen, beides. Denn Erfolg haben sie mit ihrer Masche, einen kleinen Verein zu ködern, ihm den Ligaplatz abzukaufen, selbst wenn es in der fünftklassigen Oberliga ist, um gleich mal ein paar Stufen höher anzufangen mit dem Sturm hin zur Spitze in Deutschland.

Na gut, nicht gleich der erste Versuch hat geklappt. Der FC St. Pauli hat dankend abgelehnt, die Löwen von 1860 München auch und Fortuna Düsseldorf erst recht. Aber in Leipzig hat es geklappt, beim SSV Markranstädt. Ausgerechnet an der Pleiße, wo am 28. Januar 1900 der Deutsche Fußball-Bund gegründet wurde, wo es 1903 mit dem VfB Leipzig den ersten deutschen Meister gab, wo zu DDR-Zeiten ein Hin- und Hergeschiebe der besten Spieler stattfand und die vermeintlich miesen, die von Chemie, 1964 als „Rest von Leipzig“ trotzigerweise Meister wurden und die vom 1. FC Lok, die angeblich guten also, diesen Titel nie gewannen.

Warum gerade an dieser traditionsreichen Stelle?

Warum gerade an dieser traditionsreichen Stelle? Weil hier der Fußball so zerstritten war und ist wie in keiner anderen Stadt dieser Republik. Weil sie sich spinnefeind sind und keiner dem anderen über den Weg traut. Im schlimmsten Fall nicht einmal sich selbst. Wie bei Chemie, dem Verein, der immer so anders sein wollte, den es plötzlich aber gleich doppelt gab, weil die einen mit den anderen nicht konnten und die anderen mit den einen nicht wollten.
Nicht einmal zum 50. Jubiläum ihres Meistertitels. Als nämlich die von Chemie, die auch mal FC Sachsen hießen, und die der BSG Chemie, die sie aus lauter Sehnsucht nach vergangenen Zeiten kurz mal neu gründeten, es zu keiner gemeinsamen Feier kommen lassen wollten, weil sie partout nicht miteinander redeten, sprach die Frau des ehemaligen Torjägers Bernd Bauchspieß ein Machtwort: „Wollt ihr noch mal 50 Jahre warten, um vielleicht dann gemeinsam zu feiern? Dann seid ihr alle tot. Oder habt ihr vergessen, wie alt ihr seid? Dabei benehmt ihr euch wie kleine Kinder.“

Augenzeugen berichten, dass es bei der Feier unter den alten Männern schließlich zu Tränen gekommen sei.

Nur war es da, die Feier fand 2014 statt, längst zu spät. Das RB-Imperium hatte zwar auch bei Chemie angeklopft, bekam in Leutzsch aber die kalte Schulter gezeigt, ankerte dennoch schon in der Messestadt. Der Marsch durch die Ligen stoppte hier und da trotzdem, allein drei Jahre hielt sich das RB-Konstrukt in der Regionalliga auf, später zwei Spielzeiten, die erste eben ab 2014, in der 2. Bundesliga. Aber sonst? Sportlich ist es, man mag die Weiß-Roten mögen oder nicht, eine einzige Erfolgsgeschichte: 2016/17 Vizemeister und Teilnehmer an der Champions League, eine Saison später Platz 6 und Europa League, zuletzt Rang 3, Pokalfinale und erneut die Qualifikation für Europas Königsklasse.

Dafür werden sie von den Leipzigern, die gierig sind nach Erfolg, geliebt. Woanders dagegen zumeist abgrundtief gehasst. Aber warum? Weil sie die Tradition biegen und nicht in der tiefsten Liga starten? Weil sie sich einen Verein ködern? Weil sie Geld annehmen von einem stinkreichen Ösi-Milliardär, der seine Kohle mit einem Brausegetränk macht?

Das kann man verteufeln. Man kann es aber auch gutheißen. Je nachdem, auf wessen Seite man steht. Schon die alten Römer sagten „Pecunia non olet“, dass Geld ja nicht stinke. Es sei denn, es kommt aus dem Drogenhandel, der Prostitution, dem Menschenhandel allgemein oder aus Waffenschiebereien. Aber sonst? Ist es eigentlich nicht schnuppe, wo einer seine Millionen reinbuttert, wenn er nur genug davon hat?

Es ist nichts dagegen einzuwenden, Prinzipien zu haben. Das Prinzip vom romantischen Fußball zum Beispiel. Nur: Ist das noch zeitgemäß? Hat ein Fußball-Purist bei Saisonetats im längst dreistelligen Millionen-Euro-Bereich auch nur den Hauch einer Chance, dass sein Lieblingsverein, kann der da nicht mithalten, auch nur in die Nähe eines Titelgewinns kommt? Die Zeit von „Elf Freunde müsst ihr sein“ ist doch auch schon lange vorbei. Und ehrlich, so richtig zurückhaben möchte die vielleicht niemand.

Also was nun, normaler Gegner oder Hass-Konstrukt? Für immer mehr Anhänger des runden Leders wird RB zum normalen Gegner. Auch weil die Leipziger viel für den Nachwuchs getan haben und weiterhin tun, weil sie eine Philosophie haben, die nicht jeder attraktiv finden muss, die aber erfolgreich zu sein scheint. Weil sie Spieler und Trainer ausbilden, die, weil sie ihre Sache verstehen, immer öfter auch woanders anheuern und dort willkommen sind. Nicht überall, klare Sache, dafür hat man ja auch Prinzipien.

Aber was bringt Hass? Im Leben nichts und im Sport wahrscheinlich gar nichts. Am besten, manche 90 Minuten bleiben, was sie schon immer waren: die „schönste Nebensache der Welt“. Die möge – Romantiker vor, noch ein Tor – mindestens 1:0 gewinnen.
Damit ist ja nun glaseisernklar, wer am Sonntag drei Punkte holt ...

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