Ausschreitungen in Chemnitz

Wer brüllt, verliert

Wie gehen wir um den Demonstranten, ihrer Wut, aber auch mit der Gewalt?

Jochen Arntz
Lesezeit 4 Min
Wut auf der Straße in Chemnitz. Soll dieses Niedergebrüll folgenlos zu unserem Leben in einem vereinten Deutschland gehören? 

Wut auf der Straße in Chemnitz. Soll dieses Niedergebrüll folgenlos zu unserem Leben in einem vereinten Deutschland gehören? 

© Getty Images

Wer im Herbst 1989 und im Frühjahr 1990 als Westdeutscher in Sachsen unterwegs war, in Dresden, Leipzig und auch in Chemnitz, wer dort die Demonstrationen auf den Plätzen beobachtete, der staunte. Über diese riesigen Transparente, die Helmut Kohl und den Westen bedingungslos feierten, über die Sprechchöre, die eine schnelle deutsche Einheit nach dem Muster der westdeutschen Bundesrepublik forderten.

Dem Kanzler aus Bonn, der ja auch für ein offenes Europa ohne Grenzen stand, wurde zugetraut, eine grenzenlose Gesellschaft im Osten zu etablieren. Und natürlich die D-Mark auch nach Dresden, Leipzig und Chemnitz zu bringen. Kohl wurde gefeiert, mit sehr, sehr offenen Armen empfangen, zumindest am Anfang, später ließ das nach. Später kam die Abrechnung. 

Man kann nicht anders, als sich zu schämen 

Als in Halle 1991 Eier auf Kohl flogen, da ging der Kanzler selbst auf die Leute los. Wütend, unberechenbar. Es war jenseits seiner Vorstellungskraft, dass ihn Deutsche in Ostdeutschland hassen würden. Aber so war es. Immerhin, er hatte es auch anders erlebt. 

Bei Angela Merkel war das nie so. Sie wurde von Anfang an gehasst, eine ostdeutsche Kanzlerin wurde von ostdeutschen Demonstranten von Beginn an niedergebrüllt. Und nichts sollte sich in all den Jahren daran ändern. Es wurde nur immer schlimmer.

Wer sich noch einmal die Bilder und Videos von ihren Besuchen in Heidenau und Dresden ansieht, wer diese brutalen, vulgären Beschimpfungen auf der Tonspur hört, der kann eigentlich nicht anders, als sich schämen für den Umgang, der in diesem Land gepflegt wird. Egal, was er von der Politikerin Angela Merkel hält. 

Es geht nicht um Lösungen, sondern um die Manifestation von Hass

Wer das hört, der kann nicht glauben, dass dieses Gebrüll und Niedergebrüll folgenlos zu unserem Leben in einem vereinten Deutschland gehören soll. Und wer sich dieses Gebrüll genau anhört, der erkennt schnell, dass hier jeder in Gefahr ist, angegriffen zu werden, der nicht in das Gebrüll einstimmt. Leise Menschen, nachdenkliche Menschen, ausländische Menschen, inländische Menschen. Jeder.

Wut auf der Straße. Helmut Kohl 1991 in Halle. 

Wut auf der Straße. Helmut Kohl 1991 in Halle. 

© HANSI KRAUSS

Und dieses Gebrüll ebbt auch nicht ab, wenn man sagt, dass Fehler gemacht worden sind in der Flüchtlingspolitik – und dass die Tötung eines jungen Mannes durch Tatverdächtige aus Syrien und dem Irak ein Verbrechen ist, das aufgeklärt und gesühnt werden muss.

Es wird nur noch lauter, weil es diesem Gebrüll nicht darum geht, Lösungen zu finden, die Terror und auch Überforderung in diesem Land verhindern. Es geht um die Manifestation von Hass. Zumindest ist das der Eindruck, der sich in diesen Tagen aufdrängt. Ein Eindruck, der einen auch daran zweifeln lässt, dass gut gemeinte Konzerte gegen Rechts und Lichterketten der Solidarität dieses Land besser machen werden. 

Straftaten bleiben Straftaten – egal aus welchen Motiven

Warum ist es wichtig, diesen bitteren Eindruck festzuhalten? Weil in diesen Tagen, in denen die rechte Gewalt auf die Straße getragen wird, immer wieder die Forderung kommt, man müsse mit den Menschen reden, sie ernst nehmen, ihre Motive verstehen.

Aber vielleicht sollte man es da einmal mit den einfachen Weisheiten der AfD halten: Reden wir nicht über die Motive von Straftätern, sondern über ihre Taten. Das fordern die Populisten ja immer. Also: Reden wir über die Straftaten. Über das Bedrohen und Verletzen anderer Menschen, über das Zeigen des Hitlergrußes, über die Störung der öffentlichen Ordnung, über Selbstjustiz.

Ahnden wir diese Straftaten. Und geben wir denen, die sich noch nicht strafbar gemacht haben, nicht das Gefühl, es könnte sich lohnen mitzumachen. Geben wir ihnen nicht das Gefühl, sie hätten das Recht dazu, sich über das Gesetz zu stellen. Aus irgendwelchen Motiven.

Reden wir mit denen, die nicht brüllen

Und dann reden wir über das Gebrüll: Fragen wir uns, ob wir es zulassen wollen, dass Politikerpuppen bei Demonstrationen an selbstgebastelten Galgen in die Menge gehalten werden. Fragen wir uns, ob wir es zulassen wollen, dass es morgen unseren Nachbarn trifft, dass hier jeder bedroht und drangsaliert wird, aus welchem Land auch immer er stammt.

Erst, wenn wir diese Dinge geklärt haben: Keine Straftaten, kein Gebrüll, keine Selbstjustiz – erst dann können wir reden. Und zwar mit denen, die nicht brüllen. Hoffen wir, dass es davon noch einige gibt.

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