Die Abendschau wird 60

Macht’s jut, Nachbarn!

Berlins berühmteste Nachrichtensendung feiert das Jubiläum mit neuem Studio.

Torsten Wahl
Lesezeit 5 Min
Hans-Werner Kock moderierte von 1962 bis 1991, saß vor der Kamera als die Mauer gebaut wurde und als sie fiel. Er verabschiedete sich immer mit „Macht’s jut, Nachbarn!“.

Hans-Werner Kock moderierte von 1962 bis 1991, saß vor der Kamera als die Mauer gebaut wurde und als sie fiel. Er verabschiedete sich immer mit „Macht’s jut, Nachbarn!“.

© rbb

Die meisten Jubilare schauen an ihrem 60. Geburtstag zurück. Die altehrwürdige „Abendschau“ aber blickt nach vorn und feiert ihren runden Jahrestag mit einer Premiere. Cathrin Böhme moderiert aus einem neuen Studio. Für Fans gibt es mit der DVD zum Jubiläum „60 Jahre Abendschau – Wir waren dabei“ jede Menge Erinnerungen in bewegten Bildern.  

Sie ist wie eine gute alte Freundin. Immer dabei, wenn etwas wichtig ist, und für viele fester Bestandteil der abendlichen Routine. Seit 60 Jahren erzählen die „Abendschau“ und ihre Moderatoren Berliner Geschichten – und haben dabei selbst Geschichte geschrieben.

Die Panorama-Wand des neuen Studios soll eine „emotionale Wucht“ entfalten

So wie Hans-Werner Kock mit seinem Abschiedsgruß „Macht’s jut, Nachbarn“. Fast dreißig Jahre lang war Kock das Gesicht der „Abendschau“. Heute hat der Komiker Kurt Krömer seinen freundlichen Spruch aufgegriffen. Selten liegen Vergangenheit und Zukunft so nah beieinander wie zum Jubiläum der „Abendschau“. Das Original, das sich immer wieder neu erfinden muss, feiert seinen 60. Geburtstag mit einer Premiere. 

Redaktionsleiterin Gabriele von Moltke führt die Besucher in das brandneue Studio, aus dem am Samstag zum ersten Mal gesendet wird. Der Blick fällt auf die riesigen LED-Bildwände: Berlin ist hier nicht mehr nur feste Kulisse, sondern kann jeden Tag neu in HD eingespielt werden. Die zentrale Panorama-Wand ist sechs Meter lang und gut zwei Meter hoch und soll eine ganz neue „emotionale Wucht“ entfalten, hofft von Moltke. Die Jubiläumssendung moderiert Cathrin Böhme. Sie steht nach fast zwanzig Jahren zum letzten Mal vor der „Abendschau“-Kamera – in Berlin kein TV-Job wie jeder andere. 

Cathrin Böhme moderiert die Jubiläumssendung aus dem neuen Studio. Dann verabschiedet sie sich hinter die Kamera.

Cathrin Böhme moderiert die Jubiläumssendung aus dem neuen Studio. Dann verabschiedet sie sich hinter die Kamera.

© rbb

Abendschau lieferte Bilder, die um die Welt gingen

Schon als am 1. September 1958 Harald Karas die allererste „Berliner Abendschau“ eröffnete, weckte er besondere Erwartungen. Und es war höchste Zeit für eine West-Berliner Nachrichtensendung. Vom Ostteil der Stadt, von Adlershof aus, sendete der Deutsche Fernsehfunk (DFF) schon längst in den Westen hinein. 

Die erste „Berliner Abendschau“ behandelte Themen wie die Erhöhung der Flugpreise ins Bundesgebiet und eine Polizei-Show am Olympiastadion. Schon von Beginn an setzte sich die Sendung aber auch mit den Entwicklungen im Ostteil auseinander. Über die noch offenen Grenzen fuhren Reporter ins Umland, etwa für die Reihe „Nur eine Stunde von Berlin“.

Der Mauerbau im August 1961 verschärfte die Lage dramatisch – und die „Abendschau“-Reporter lieferten zum ersten Mal Bilder, die um die ganze Welt gingen. Sie dokumentierten die Errichtung der Mauer, zeigten, wie sich Menschen aus Fenstern in den Westen abseilten, SFB-Kameramann Dieter Hoffmann filmte, wie der 19-jährige Grenzsoldat Conrad Schumann über den Stacheldraht sprang. Zwei Jahre später war die achtstündige Liveübertragung des Besuchs von Präsident John F. Kennedy im Juni 1963 eine große logistische Leistung. 

Tradition und Verlässlichkeit wurde stets groß geschrieben

Und natürlich waren die SFB-Reporter auch in der Nacht vom 9. November 1989 dabei. Neun TV-Teams waren im Einsatz, SFB-Reporter wie Ulli Zelle und Robin Lautenbach begrüßten an der Grenze die ersten DDR-Bürger. Aber nicht alle Beiträge der „Abendschau“ sind weltgeschichtlich bedeutsam wie die Bilder vom Mauerbau oder -fall, viele widmen sich vor allem den Entwicklungen in den Kiezen. 

Die Moderatoren

Harald Karas (1958-1984).

Harald Karas (1958-1984).

© rbb

Wolfgang Hanel (1963-1984)

Wolfgang Hanel (1963-1984)

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Evelyn Lazar (1971-1991).

Evelyn Lazar (1971-1991).

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Angelika Neumann (1986-1998).

Angelika Neumann (1986-1998).

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Gerhard Lenz (1970-1992).

Gerhard Lenz (1970-1992).

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Ulrike von Möllendorff (1991-1997).

Ulrike von Möllendorff (1991-1997).

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Friedrich Moll (1990-2007).

Friedrich Moll (1990-2007).

© rbb

So wie die „Abendschau“ einst den Durchhaltewillen der West-Berliner stärkte, so stellt sie heute einen festen Halt im Tagesablauf seiner älteren Freude dar, das Durchschnittsalter der Zuschauer liegt bei 68 Jahren. Tradition und Verlässlichkeit wurde hier stets groß geschrieben – und Moderatoren waren stets besonders lange im Dienst. Ob Harald Karas oder Alexander von Bentheim, ob Hans-Werner Kock, Wolfgang Hanel, Gerhard Lenz oder Arvid Wahl – die Männer der ersten Jahre saßen mehr als zwanzig Jahre vor der Kamera. Evelyn Lazar, die schon seit 1960 zum Team gehörte, moderierte als erste Frau von 1971 bis 1991 die Nachrichtensendung.

Bis heute lief die „Abendschau“ genau 19.638 Mal

Die Wiedervereinigung war auch für den „Frontstadt“-Sender ein Glücksfall: Denn ab 1992 war der SFB die ARD-Anstalt für ganz Berlin, bekam mehr als eine Million Gebührenzahler dazu. Schon 1990 hatte eine Umfrage ergeben, dass die „Abendschau“ von 23 Prozent der Ost-Berliner täglich gesehen wird. Während sich der SFB schwer damit tat, etwas vom eingestellten Adlershofer Fernsehen weiterzuführen, so übernahm er immerhin Gesichter des DFF: Raiko Thal, der heute das Gesundheitsmagazin „RBB Praxis“ moderiert und in den Nachrichten als Vertretung aushilft, kam 1992 zur „Spätabendschau“, Cathrin Böhme entwickelte sich ab 1997 zur prägenden Moderatorin und will künftig hinter der Kamera arbeiten. 

Ein „bewegtes Geschichtsbuch mit Bildern und Tönen“ nennt Regisseur Lutz Braune das „Abendschau“-Archiv, eine „digitale Chronik Berlin“ ist es für Reporter Ulli Zelle. Bis heute lief die „Abendschau“ genau 19.638 Mal. Durchschnittlich 240.000 Zuschauer schalten jeden Abend ein, mit 22 Prozent Marktanteil ein überragender Wert.

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