Drei Tage nach dem Tod von Benno Ohnesorg sprechen zwei junge Männer am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in Ost-Berlin vor: Michael Mohs und Jakobus Koch. Sie seien vom AStA der FU, Studentenvertreter, und wollten einen Offizier sprechen. Ihr Anliegen: Ohnesorg durch die DDR in seine Geburtsstadt Hannover zu überführen, „in demonstrativer, zugleich aber würdiger Form“ – ohne Grenzkontrollen, ohne Transit-Visa, ohne Transit-Gebühren.
Die SED-Spitze ist geneigt, dem Anliegen zuzustimmen, hoffend, unter den West-Berliner Studenten Verbündete im politischen Kampf zu finden. Der Tod Ohnesorgs ist für sie ein Beweis für den potenziell faschistischen Charakter der BRD.
Die Formalitäten werden noch verhandelt, da erfährt das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) am 7. Juni aus der westdeutschen Presse den Namen des Todesschützen: Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, bei der Stasi auch bekannt als Otto Bohl.
GM Bohl (Geheimer Mitarbeiter, ältere Bezeichnung für IM, Inoffizieller Mitarbeiter, Anm. d. Red.) berichtet seit 1955 über Stasi-Mitarbeiter, die sich in den Westen abgesetzt haben, über Fluchthelfer und Fluchttunnel sowie über Geheimdokumente des Bundeskriminalamtes.
Flugs funkt das MfS an Kurras: „Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall.“ Insgeheim rätselt die Stasi über den Fall, weil es Aussagen gibt, die gegen ein Unglück sprechen.
Die SED-Spitze billigt noch am 7. Juni die Überführung Ohnesorgs unter den gewünschten Bedingungen. Im Gegenzug soll der AStA „eine Liste aller Fahrzeuge und deren Besetzung“ übergeben. Bernhard Wilhelmer (72) war damals AStA-Vorsitzender und kann sich an die Studenten Mohs und Koch nicht erinnern.
Was er „auf jeden Fall“ wisse: Beide handelten „nicht im Auftrag des AStA“. Die West-Berliner Studenten hätten „großen Wert darauf gelegt, nicht in irgendeinen Zusammenhang mit den Staatsorganen der DDR zu geraten“; sie wollten nicht das Vorurteil stützen, von Ost-Berlin ferngesteuert zu sein. Der AStA habe die ganze Nacht lang über das SED-Angebot diskutiert. Er konnte es nicht ablehnen.
Benno Ohnesorg.
© Gedenkseiten.de
An der Trauerfeier für Ohnesorg an der FU in Dahlem am 8. Juni nehmen 10.000 Menschen teil. Anschließend begleiten sie den Leichnam bis Dreilinden. Dort passiert ein Trauerkonvoi von bis zu 200 Autos die Grenze. An der für andere Fahrzeuge gesperrten Autobahn nach Helmstedt erweisen Tausende Angehörige der Freien Deutschen Jugend (FDJ), des kommunistischen Jugendverbandes der DDR, dem Toten die Ehre.
Währenddessen prüft die Stasi, ob Kurras „im Auftrage einer feindlichen Dienststelle als Agent provocateur die Verbindung zum MfS aufnahm“ – ob er ein Doppelagent ist. Indizien finden sie nicht. In einem internen Vermerk heißt es, man habe seine „charakterliche Schwäche“ für Schusswaffen gekannt, aber unterschätzt.
Kurras’ Führungsoffizier schreibt am 9. Juni in dessen Akte: „Es ist zur Zeit noch schwer zu verstehen, wie dieser GM eine solche Handlung, auch wenn im Affekt oder durch Fahrlässigkeit hervorgerufen, begehen konnte (…).“
Der Kontakt wird noch am selben Tag „vorläufig abgebrochen“. Die Akte enthält keine weiteren Berichte von Kurras.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass das MfS Kurras einen Eskalations- oder Tötungsauftrag erteilte.
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