Die Idee stammt aus den USA, wo man schon länger Geschäft mit dem angestauten Ärger macht. Vielleicht deshalb, weil der gesellschaftliche Druck, wie man zu sein hat, im angloamerikanischen Raum noch stärker ist.„Wir haben einem Idealbild zu entsprechen, das von Ich-weiß-nicht-wem – großteils sicher auch medial – vorgegeben wird: Wie wir auszusehen haben, uns zu verhalten haben, was man trägt, was man sagt. Auf keinen Fall darf man heute hässlich sein, noch viel weniger übergewichtig. Man hat auch nicht grantig, nicht unhöflich, nicht alt zu sein. Jung, sportlich, schlank, stets glücklich und vermögend – das ist okay“, erklärt Gerichtspsychologin Heidi Kastner wortreich das, was sie das „Gefälligkeitsdiktat“ nennt.
Das „Gefälligkeitsdiktat“, so Kastners These, beherrscht unseren Alltag und mittlerweile auch unsere Emotionen. Demnach haben wir verinnerlicht: Man darf nicht wütend sein. Wut ist etwas Schlechtes. Wer wütend ist, hat sich nicht im Griff.
Wer jetzt leise denkt „Sch..., ich bin aber doch ab und an ganz schön stinkig“, der darf an dieser Stelle aufatmen. Denn Wut ist laut Heidi Kastner nicht nur einfach okay, sondern ein wichtiges, mitunter richtig gutes Gefühl. Das ist allerdings kein Freibrief für Tobsuchtsanfälle.
Heidi Kastner: „Ich kann die Äußerung einer Emotion ja durchaus unterdrücken. Wut heißt ja nicht, dass ich sie automatisch in Form eines Anfalls auslebe. Es geht viel mehr darum, dass wir die Emotion überhaupt wahrnehmen. Und: Dass wir Wut nicht innerlich sanktionieren.“
Zu realisieren, dass man wütend ist, ist wichtig für unser inneres Gleichgewicht. Denn Wut ist eine Art Indikator, vergleichbar einer Warnleuchte im Auto. „Wenn ich in eine Situation gerate, die mich wütend macht, dann heißt das: Da stimmt etwas nicht, mit der Art, wie jemand mit mir umgeht, mit der gesamten Situation“, sagt die Psychologin. „Wenn ich das Gefühl dann sofort unterdrücke – ich bin ja ein Guter und deshalb nie wütend – nehme ich mir die Chance, auf lange Sicht etwas zu verändern.“
Als ganz banales, aber vielen gut bekanntes Beispiel zieht Heidi Kastner ein ganz normales Ehepaar heran. Er lässt ständig irgendwo irgendwas liegen, sie räumt ständig hinter ihm her – und nimmt es hin. Nach vielen Jahren lassen sich die zwei plötzlich scheiden. Und alle fragen sich, wieso, schließlich hätten die beiden ja nie gestritten. „Nach langer Zeit, in der sich Wut immer mehr aufstaut, kann das dann tatsächlich so sein, dass man plötzlich einen gewissen Punkt überschreitet“, so Kastner. Für den Partner ist das dann oft eine bitterböse Überraschung, aus scheinbar heiterem Himmel.
Also lieber frühzeitig kein „guter“ Mensch sein und damit möglicherweise die Ehe retten? „Ja!“, lautet die eindeutige Antwort der Expertin. Was Heidi Kastner selbst wütend macht? „Ignoranz, Dummheit und Ignoranz gepaart mit Präpotenz und so einem pseudoaltruistischen Anstrich.“ Sie lacht. Ihre Wut äußert sich nicht lautstark. „Ich explodiere nicht, ich werde ganz ruhig. Und wenn ich ganz, ganz, ganz leise und ruhig werde, dann ist Feuer am Dach!“
Den absichtlich und besonders laut ausgelebten Gram der sogenannten Wutbürger will Heidi Kastner hingegen nicht ernst nehmen. Etikettenschwindel, sagt sie. „Das ist eine prinzipiell falsche Zuschreibung. Wut ist definiert als eine persönliche Emotion, die ich in einer Sache bekomme, die mich direkt betrifft, die meinen Toleranzbereich überschreitet und kurzlebig auf diese eine Sache beschränkt ist. Die Wortschöpfung Wutbürger ist also nicht sehr klug. Viel passender wäre ,Volkszorn’. Das beschreibt viel eher, worum es geht.“
Wutbürger, das sind für Heidi Kastner eher Jammerer. „Der Bürger, der dasteht und sagt, das ist eine Sauerei, und das geht nicht, und was sich die da oben wieder erlauben ..!“. Da fehle die elementare Energie, die dem Volkszorn innewohne. „Die in Kairo am Tahrir-Platz gestanden sind, das waren keine Wutbürger. Das war Volkszorn.“
Wutbürgertum ist demnach für Kastner kein Ausweg aus der gefälligen Gesellschaft, in der wir leben. Der Mut zur Wut jedes Einzelnen schon eher. Denn letzten Endes, so meint die Expertin, sei ein Plädoyer für Wut auch ein Plädoyer für mehr Individualität und Akzeptanz – und damit für das eigentliche Wesen der Demokratie!
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