Polit-Aktion

Aktivisten wollen tote Flüchtlinge in Berlin beerdigen

Darf man mit den Leichen aus dem Mittelmeer Politik machen? Aktivisten wollen Verstorbene in Berlin beerdigen.

Norbert Koch-Klaucke
Lesezeit 4 Min
Mit seinen Künstler-Aktivisten ließ Philipp Ruch unter anderem in Italien tote Flüchtlinge aus Gräbern holen, um sie in Berlin zu bestatten.

Mit seinen Künstler-Aktivisten ließ Philipp Ruch unter anderem in Italien tote Flüchtlinge aus Gräbern holen, um sie in Berlin zu bestatten.

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Hunderte Särge, aufgebahrt in einer Flughafenhalle in Lampedusa (Italien). Sie sind ein Zeichen der Anklage. In ihnen ruhen Menschen, die bei ihrer Flucht von Afrika nach Europa im Mittelmeer ertranken. Seit Jahresbeginn wagten insgesamt über 103.000 Flüchtlinge in klapprigen Booten die gefährliche Überfahrt. Nach UN-Schätzungen kamen über 1800 von ihnen dabei ums Leben. Wie viele Opfer es wirklich gibt, weiß keiner. Es gibt noch viele Leichen auf dem Grund des Mittelmeeres, die nicht geborgen wurden.

Jetzt kommen die Toten nach Berlin! Als Protest gegen die EU-Asylpolitik wollen Künstler-Aktivisten, die sich „Zentrum für Politische Schönheit“ nennen, mit einer spektakulären Aktion einige tote Flüchtlinge aus Italien in die Hauptstadt bringen, um sie hier zu bestatten. Nicht nur auf Friedhöfen. Auch vorm Kanzleramt.

Die schockierende Aktion sorgt für Unruhe und große Diskussionen in der Stadt. Für einige ist es schlicht pietätlos, Tote durch halb Europa zu karren, um sie für eine Politik-Kampagne zu instrumentalisieren. „Ich finde es verstörend, wie man im Kampf um Aufmerksamkeit buchstäblich über Leichen geht“, sagt der Berliner CDU-Generalsekretär Kai Wegner dem KURIER.

Pietätlos finden andere, dass die Politik vor dem Flüchtlingssterben die Augen verschließt und es ihr egal sei, was mit den Leichen passiert. „Ich finde es richtig, auf die Toten im Mittelmeer aufmerksam zu machen“, sagt daher die Flüchtlings-Expertin Canan Bayram (Grüne) dem KURIER.

Hinter der Aktion steckt der Berliner Philipp Ruch (34). Der studierte Philosoph versteht sich aufs Inszenieren. Als Regisseur arbeitete er nicht nur am Maxim-Gorki-Theater. Im November 2014 stahl er mit seiner Truppe einige der Kreuze am Reichstagufer, die an die Mauertoten erinnerten. Er ließ sie an die EU-Grenzen aufstellen, um auf das Asyl-Problem aufmerksam zu machen.

Ruch provoziert nun auch mit den toten Flüchtlingen. „Gemeinsam mit Angehörigen haben wir zehn menschenunwürdige Grabstätten geöffnet und die Toten exhumiert. Sie sind jetzt auf dem Weg nach Deutschland“, sagt er.

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Heute soll auf dem muslimischen Teil des Friedhofes in Gatow (Spandau) die erste Beerdigung stattfinden. Eine Frau aus Syrien, die im März im Mittelmeer ertrank. Ihr Mann und drei der Kinder überlebten, schafften es nach Deutschland. Symbolisch mitbestattet wird auch ein zweijähriges Kind der Frau, das noch immer vermisst wird. Zur Beerdigung haben die Aktivisten Kanzlerin Angela Merkel und Innenminister Thomas de Maizière eingeladen.

Allerdings gab es bei der Überführung aller Toten aus Italien Probleme. Ein Leichenwagen wurde in Bayern von der Polizei angehalten. Am Steuer saß ein italienischer Bestatter (53), in dessen Blut die Beamten Reste von Kokain fanden, bestätigte die Polizei. Da einer der Särge beschädigt war und der Verdacht aufkam, in ihnen würde Rauschgift liegen, wurde der Transport zum Flughafen München umgeleitet. Erst als die Särge dort geröntgt und keine Drogen festgestellt wurden, ging die Fahrt nach Berlin weiter.

Nach und nach wollen die Kunstaktivisten die toten Flüchtlinge in Berlin beerdigen. „Das ist nach dem Berliner Gesetzen statthaft“, sagte Regina Kneiding, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung.

Nicht erlaubt dürfte aber der „Marsch der Entschlossenen“, sein, auf dem die Aktivisten am Sonntag zum Kanzleramt ziehen wollen, um dort Tote abzuliefern. Auf dem Vorplatz soll eine Gedenkstätte für die „toten Einwanderer Europas“ errichtet werden. Die Polizei sieht das gelassen. „Mal sehen, ob alles so kommt, wie es angekündigt wird“, sagt ein Sprecher.

Laut Polizei haben sich 500 Teilnehmer für die Toten-Demo angesagt, die von einem Bagger angeführt werden soll. Wer 2500 Euro an die Aktivisten zahlt, darf das Fahrzeug persönlich steuern. Denn die Ruch-Truppe braucht Geld, um Überführung und Beerdigung der zehn Toten bezahlen zu können. Darum haben die Aktivisten im Internet eine sogenannte Crowdfunding-Kampagne gestartet. Neben der Baggerfahrt werden auch T-Shirts und Fotos mit bis zu 250 Euro pro Stück angeboten. Bis gestern 19.30 Uhr kamen 23.917 Euro zusammen.

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