Zahlen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) belegen: Auf der Trasse zum Hauptbahnhof sind doppelt so viele Fahrgäste unterwegs wie die Planer erwartet haben. „Die Straßenbahn ist ein Erfolgsmodell. Das Netz muss zügig ausgebaut werden“, so Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB .
Jeden Sonntagabend der gleiche Kampf: Vor dem Bahnhof stürmen Berliner, die aus dem Wochenende kommen, die Straßenbahn. Die meisten müssen die letzte Etappe ihrer Heimfahrt stehend zurücklegen – eingeklemmt zwischen anderen Fahrgästen, Koffern, Kinderwagen.
Spitzenplatz in der BVG-Statistik
Auch sonst sind die Züge voll. Die Strecke in der Invalidenstraße ist erst seit 2015 komplett. Doch was die Nutzerzahl anbelangt, hat sie es bereits auf einen Spitzenplatz in der BVG-Statistik geschafft. Auf der 2275 Meter langen Verbindung wurden im vergangenen Jahr erstmals Fahrgäste gezählt, berichtete BVG-Sprecher Markus Falkner.
Wo 2014 Bauarbeiter werkelten, fahren jetzt volle Bahnen.
© Thomas Lebie
„Demnach sind an einem durchschnittlichen Werktag auf den Linien M5, M8 und M10 insgesamt zirka 40.000 Fahrgäste unterwegs, rund die Hälfte davon auf der M10.“ Diese Linie führt über die Danziger Straße zur Warschauer Straße nach Friedrichshain. Sie ist auch als Partylinie bekannt, weil am Wochenende viele Nachtschwärmer mitfahren – tagsüber ist dort ebenfalls viel los.
40000 Fahrgäste: Diese Zahl ist doppelt so hoch wie der Prognosewert, der vor der Streckeneröffnung errechnet worden war. Damals gingen die Planer lediglich von rund 20 000 Straßenbahnnutzern pro Tag aus. Ihre Erwartungen wurden also weit übertroffen.
„Mit dieser Fahrgastzahl liegt der Streckenabschnitt ungefähr gleichauf mit dem am meisten genutzten Abschnitt im Netz, der M4 zwischen Thomas-Mann-Straße und S-Bahnhof Greifswalder Straße“, teilt BVG-Sprecher Falkner mit.
Die Haltestelle Hauptbahnhof mit ihrem futuristischen Dach bekam einen Architekturpreis.
© Sabeth Stickforth
In der Invalidenstraße sind die Straßenbahnen beliebter als die Busse, die dort vorher auf der Linie 245 unterwegs waren. Der Schienenbonus, wie Experten diese Fahrgastvermehrung nennen, hat gute Gründe. Straßenbahnen bieten mehr Plätze als Busse, und sie kommen trotz mancher Behinderungen an Ampeln meist schneller voran.
Kein Wunder, dass weltweit neue Strecken gebaut werden – nicht selten deshalb, um Innenstadtviertel wiederzubeleben. „Für Berlin kann man sagen: Die gefragten Boom-Stadtteile haben alle Straßenbahnanschluss“, sagte Jens Wieseke.
Die Strecke zum Hauptbahnhof kostete pro Kilometer zwölf Millionen Euro – für die neue U 5 werden pro Kilometer mehr als 260 Millionen fällig. „Relativ kleine Investitionen, große Wirkung“, folgerte Wieseke. Laut BVG ist die Fahrgastzahl von 2009 bis 2015 um zwölf Prozent gestiegen – auf 187 Millionen. „Für den Senat ist das Gebot der Stunde, das Straßenbahnnetz schnell zu erweitern“, forderte die IGEB.
BVG bereitet Genehmigungsverfahren für drei Strecken vor
Die Planungen sind kompliziert. Langwierige Untersuchungen stehen an, bevor überhaupt das Genehmigungsverfahren beginnen kann. Trotzdem ist man im Senat zuversichtlich, dass in knapp vier Jahren weitere Strecken eröffnet werden können – Ende 2020 oder 2021.
„Das ist ambitioniert, aber machbar“, hieß es. Die BVG bereitet Verfahren für drei Strecken vor: vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße, zum Ostkreuz sowie von Adlershof nach Schöneweide. Zum Teil bedeutet das: weniger Platz für Autos.
Angesichts des Ansturms auf der Strecke zum Hauptbahnhof werden kurzfristige Verbesserungen geplant. So prüft die BVG, ob die M5 statt wie bisher im 20-Minuten-Takt alle zehn Minuten verkehren könnte
Um auch auf der Linie M10 mehr Kapazität zu schaffen, wird die Endstelle in Friedrichshain für 40-Meter-Bahnen ausgebaut. Ende dieses Jahres könnte es so weit sein. So viel steht fest, sagte Jens Wieseke: „Die Straßenbahn darf nicht Opfer ihres eigenen Erfolgs werden.“
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