DDR-Vergnügungsareal

Expedition Plänterwald

Spreepark-Experte Christopher Flade enthüllt die letzten Geheimnisse.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
Ist noch heute das Wahrzeichen des Parks: das Riesenrad. Im Wind quietschte es  lange gespenstisch, doch inzwischen wurde es geölt.

Ist noch heute das Wahrzeichen des Parks: das Riesenrad. Im Wind quietschte es  lange gespenstisch, doch inzwischen wurde es geölt.

© imago/Travel-Stock-Image

Im Jahr 2001 schloss der Berliner Vergnügungspark im Plänterwald seine Pforten – siebzehn Jahre ist das her. Und doch sind noch nicht alle Geheimnisse des Geländes enthüllt. Der Spreepark bietet Stoff für viele Bücher – ein neues hat Christopher Flade (29), Event-Manager, Spreepark-Fan seit seiner Kindheit und Betreiber der größten Park-Fanseite www.berliner-spreepark.de nun veröffentlicht. „Rummel im Plänterwald“ (erscheint am 8. August im Büchner-Verlag) zeichnet die gesamte Geschichte des verfallenen Geländes nach. Gemeinsam mit seinen Kollegen Ludwig Neumann und Dr. Sacha Szabo recherchierte er seit 2003, nun trugen sie ihr Wissen noch einmal zusammen.

„Wir sichteten Zeitungsartikel, Prospekte, alte Flyer – und stiegen ins Bauaktenarchiv“, sagte er dem KURIER. Fakten werden vermischt mit Anekdoten, die Flade und seine Mitstreiter im Park und auch nach der späteren Schließung erlebten, als sie auf dem Gelände Führungen gaben. Nur wenige Fragen bleiben offen – für den Spreepark-Experten selbst eigentlich nur eine einzige: „Ich wüsste gern, warum man das Gelände so kaputt gemacht hat. Warum diese Entscheidungen in den Berliner Ämtern getroffen wurden. Man spürt ja, dass der Park nicht gewollt war – warum, lässt sich nicht nachvollziehen.“ Der Spreepark-Experte verriet dem KURIER zehn Geheimnisse und Anekdoten, die so nur die wenigsten kennen dürften. 

Park-Standort. Es war nicht von Anfang an klar, dass der Rummel im Plänterwald errichtet werden sollte. „Bereits Mitte der 50er-Jahre kam man auf die Idee, in Ost-Berlin einen Freizeitpark zu schaffen“, sagt Christopher Flade. Infrage kam auch ein Grundstück in der Nähe des Zentralviehhofes in Prenzlauer Berg, außerdem eines am Rummelsburger See. Flade kennt sich in der Park-Geschichte gut aus, „aber das habe auch ich erst bei der Recherche erfahren“.

Plänterwald. Warum hieß der Plänterwald Plänterwald? „Es wird von Plentern abgeleitet – das ist ein Fachwort aus der Forstwirtschaft“, sagt Flade. Ein „Plenterwald“ ist ein künstlich erzeugter Mischwald. Zu DDR-Zeiten wurde der Begriff von vielen aber abgewandelt. „Sie nutzten die Bezeichnung Plemperwald, weil sie hier ihr Geld verplemperten“, sagt Flade.

Viele denken, die alte Parkbahn sei verschwunden – in Wirklichkeit ist sie nur gut versteckt, um sie vor der Witterung zu schützen.

Viele denken, die alte Parkbahn sei verschwunden – in Wirklichkeit ist sie nur gut versteckt, um sie vor der Witterung zu schützen.

© imago

Clown-Probleme. Zu Spreepark-Zeiten waren die Clowns Hops und Hopsi die Park-Stars – doch morgens hatten sie am Einlass Probleme. „Anfang der 90er-Jahre beschloss man, Betriebsausweise einzuführen“, sagt Flade. Jemand von der Geschäftsführung ging mit einer Kamera durch den Park und fotografierte alle Angestellten, auch Hops und Hopsi. Das Problem: „Weil sie in Schminke und Kostüm geknipst wurden, aber in Zivil kamen, wurden sie von neuen Pförtnern nicht auf das Gelände gelassen.“

Geplatzte Träume. Vor der Schließung sollten große Bauvorhaben realisiert werden, die aber nie umgesetzt wurden. Flade: „Ab Mitte der 90er-Jahre wollte man vom Wald-Thema des Parks weg und Bereiche einrichten, die sich mit den Siegermächten befassten.“ Die Hut-Bahn „Chapeau Claque“ gehörte zum Frankreich-Teil, der nie fertig wurde, das englische Dorf, das später niederbrannte, zu Großbritannien. „Das Restaurant-Areal sollte zum Russland-Teil werden.“ Von den Plänen erfuhr Flade erst später von den Wittes.

Finanzielle Probleme. Ende der 90er-Jahre wurde im Park das Geld knapp – die Spreepark-Betreiber wandten deshalb einen Trick an. „Als kein Geld für neue Anschaffungen mehr da war, positionierte man alte Fahrgeschäfte anders, damit es so aussah, als gäbe es neue Attraktionen“, sagt Flade. Dann wurden sie in den Parkplänen und Flyern als „neu“ deklariert. „Damit schafften sie es immer wieder, in die Presse zu kommen – und diese Werbung war für den Park sehr wichtig.“

Pleiten, Pech und Pannen. Ab und zu gab es Stromausfälle, aber nur ein einziges Mal einen richtigen, andauernden Blackout. Der erwischte viele Besucher richtig kalt. „Unter anderem blieben die Boote der Kanalfahrt stehen, die Seilwinde funktionierte nicht mehr. Die Leute mussten daraus befreit werden. Außerdem blieb natürlich auch das Wahrzeichen, das Riesenrad, stehen, nach und nach wurden alle Passagiere rausgeholt.“

Viele der Dinos wurden im Laufe der Jahre zerstört – diesen entdeckten Flade und Kollegen später im Wasser der Kanalfahrt.

Viele der Dinos wurden im Laufe der Jahre zerstört – diesen entdeckten Flade und Kollegen später im Wasser der Kanalfahrt.

© Christopher Flade

Fahrgeschäfte. Auch manche Attraktion des Parks hat ihre kleinen Geschichten. Jahre nach der Wende gab es beispielsweise Zoff um das Kinderkarussell „Bummi“ – Eltern störten sich daran, dass zu den Fahrzeugen auch ein VoPo-Auto und ein Mini-Panzer gehörten, weil das Fahrgeschäft nie umgerüstet wurde. Auch um die Parkbahn rankt sich ein Geheimnis. „Sie stand nach der Schließung im Eingangsbereich. Jetzt ist sie weg – aber nicht wirklich, sondern nur gut versteckt. Der Zug steht im Tunnel unter der Wildwasserbahn, um ihn vor Witterung und Vandalen zu schützen.“ 

Überraschung mit Müll. Der Spreepark wurde nach der Schließung mehrfach zur Kulisse für Filmproduktionen. Bei einer davon, „Wer ist Hanna?“, kam es zu einem unglaublichen Zufall. „Eine Requisitenfirma wurde damit beauftragt, Mülleimer zu organisieren, die aussehen wie aus einem Freizeitpark“, sagt Flade. Am Drehtag rückte ein Transporter an. „Als Herr Witte, der damals vor Ort war, die Mülleimer sah, die abgeladen wurden, sagte er: Die können Sie gleich hierlassen, das sind unsere.“ Es waren die Eimer, die nach der Schließung vom Areal geklaut worden waren. Wie sie zu der Requisitenfirma kamen, ist unklar.

Dino-Fund. Auf vielen Fotos aus dem Park sind die Dinosaurier zu sehen, die sehr unter dem Vandalismus litten. „Viele haben keine Köpfe mehr, sind zerbrochen, weil darauf herumgetrampelt wurde.“ Kurz vor der Übergabe des Geländes an das Land Berlin gelang Flade und seinen Mitstreitern aber ein toller Fund: „Im Kanal der Kanalfahrt fanden wir einen erhaltenen Dino. Das Wasser hatte ihn vor Einbrechern versteckt, deshalb war er nicht zerstört.“ Eine Anekdote drehte sich auch um die Neandertaler, die im Dino-Areal standen. Sie waren so leicht, dass sich Besucher im betriebenen Freizeitpark einen Spaß daraus machten, sie zu entführen. „Regelmäßig mussten die Park-Mitarbeiter im Plänterwald danach suchen.“

Einbrecher. Als der Park schon geschlossen war, kamen immer wieder auch Einbrecher auf das Gelände, die bei den Führungen vom Wachschutz erwischt wurden. „Die meistgenutzte Ausrede war: Wie, der Park ist zu?“, sagt Flade. „In solchen Fällen fragten wir nach der Eintrittskarte – und dann wurden die Leute nach draußen begleitet.“ Es gab auch skurrile Vorfälle. „Beispielsweise sahen wir einen Vater, der seinen Doppelkinderwagen über den Zaun hob, weil er einen Spaziergang machen wollte. Das fanden wir relativ unverantwortlich, weil es wirklich viele kaputte Brücken, Löcher im Boden und auch Wachhunde im Park gab.“ Interessant auch: Viele Einbrecher machten sich einen Spaß daraus, die Hütchen-Autos der Bahn „Chapeau Claque“ nachts zu verschieben, oft standen sie jeden Morgen woanders. Der Wachschutz reagierte mit einem Trick: Die Sicherheitskräfte drehten die Autos um, damit sie von den nächsten Einbrechern nicht weiter-, sondern zurückgeschoben wurden.

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