Den einen plagt ein hoher Blutdruck, der andere hat mit Diabetes, verkalkten Gelenken oder Krebs zu kämpfen. Gegen viele Krankheiten hilft die Pharmaindustrie. Und das wird genutzt. Laut Techniker Krankenkasse (TK) lag der Anteil der über 60-jährigen Berliner Versicherten, die innerhalb eines Quartals mindestens fünf verschiedene Medikamente schlucken, bei 41 Prozent. Kein spezifisches Phänomen der TK. Bei der Barmer bekamen 2015 rund 27 Prozent aller Berliner Versicherten fünf oder mehr Mittel verschrieben.
Wirkstoffe können zu Nierenschäden führen
Nur: Helfen viele Pillen wirklich viel? In Einzelfällen vielleicht schon. Allerdings verlieren Ärzte und Apotheker schnell einen Überblick über alle verordneten Pillen. Das kann gerade bei Senioren zu Problemen führen. Denn die sind besonders anfällig für gefährliche Nebenwirkungen. Alte Organe arbeiten nicht mehr so schnell, Wirkstoffe können nicht so gut aufgenommen beziehungsweise abgebaut werden. Mögliche Folgen: Schwindel, Gangunsicherheit, Sturzgefahr, Nierenschäden oder Magenblutungen.
Auch die selbst Patienten verlieren bei vielen Pillen schnell den Überblick. Markus Heckmann von der Barmer: „Durch eine falsche Dosierung, das Vergessen oder Verwechseln von Mitteln oder durch eine unabgestimmte Selbstmedikation kann es zu gefährlichen unerwünschten Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten kommen“. Von einem großen Teil der Patienten werden laut Heckmann Arzneimittel eingenommen, „für die bei inhaltlicher Prüfung keine Indikation mehr besteht“.
Dies passiert unter anderem dadurch, dass Versicherte mehrere Ärzte parallel aufsuchen und die Doktoren nicht darüber informieren. Die Lösung könnte ein Medikationsplan sein. Patienten, die drei oder mehr Medikamente nehmen, haben seit Oktober 2016 Anspruch auf einen solchen – allerdings gibt es diesen nur in Papierform. Oft wird das Schriftstück vergessen.
Kassenärzte sehen Medikationsplan kritisch
Ab dem kommenden Jahr soll der Medikationsplan nun Teil der elektronischen Gesundheitskarte werden. „Das wäre ein Meilenstein auf dem Weg zu einer größeren Arzneimitteltherapiesicherheit – ganz besonders für chronisch Kranke und ältere Patienten“, sagt Susanne Hertzer, TK-Chefin in Berlin und Brandenburg zum KURIER. Auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen setzt sich für einen elektronischen Medikationsplan ein. In Brandenburg gibt es zudem ein Pilotprojekt zur Arzneimitteltherapie-Sicherheit.
Dabei geht es im Kern um ein gemeinsames Medikationsmanagement zwischen Arzt, „agnes-zwei“ (nichtärztliche Fachkraft, die für betreuungsintensive Patienten zuständig ist), Apotheker und Patient. Die agnes-zwei-Fachkraft ist dabei das Bindeglied zwischen Patient und Arzt sowie Patient und Apotheker dar. Sie soll vor allem dazu beitragen, die tatsächliche Arzneimittelversorgung im Haus des Patienten zu ermitteln.
Und was sagen Ärzte? Die begrüßen die Einführung eines bundesweit einheitlichen Medikationsplan zwar, sehen das Ganze aber auch kritisch. Schließlich wäre er laut Juliana Gralak von der Kassenärztlichen Vereinigung mit einem „erheblichen bürokratischen und finanziellen Aufwand für die betroffenen Ärzte verbunden“. Die Sprecherin: „Die Zeit sollte besser dem direktem Arzt-Patienten-Kontakt zur Verfügung stehen“. Weniger Pillen dürften also vorerst nicht verschrieben werden.
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