Besonders bemerkenswert aber: Über 900 der neuen Lehrkräfte, die nun eingestellt wurden, haben gar kein Fach der Berliner Schule studiert und kommen nicht einmal für den Quereinstieg in Frage. Immerhin 34 Prozent aller Neueinstellungen sind dies. Das alles geht aus Zahlen von Personalräten und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurden, die Bildungsverwaltung dementierte sie nicht.
In der Amtssprache wird jene letzte Gruppe, die weitgehend ohne pädagogische Ausbildung ist, „LovL“ genannt. Das steht für „Lehrer ohne volle Lehrbefähigung“. Erstmals greift die Bildungsverwaltung massiv auf solches Personal zurück, das noch nicht einmal für den Quereinstieg qualifiziert ist. „Es gibt Dürreschäden auch an Berliner Schulen“, sagte GEW-Landeschef Tom Erdmann am Mittwoch mit Blick auf den Fachkräftemangel.
Tatsächlich ließ die Bildungsverwaltung diese „LovL“ bisher nur in Ausnahmefällen als reguläre Lehrer zu – jetzt erst schwenkte sie um. Damit geht die Gehaltsschere in Berliner Lehrerzimmern weiter auf. Denn diese „LovL“ verdienen deutlich weniger als reguläre Lehrer und auch als fertige ausgebildete Quereinsteiger, 800 Verträge mit den „LovL“-Lehrern sind nach GEW-Angaben zudem nur befristet.
Jahrelang in Willkommensklassen unterrichtet
„Wir erkennen an, dass Bildungssenatorin Sandra Scheeres es trotz gravierenden Fachkräftemangels geschafft hat, alle offenen Stellen zu besetzen“, sagte GEW-Landeschef Erdmann. „Allerdings muss sich die Senatorin dafür einiger Tricks bedienen.“ Erdmann fragt sich auch, auf welcher rechtlichen Grundlage diese „LovL“ überhaupt eingestellt werden.
Bei ihnen handelt es sich um Menschen, die jahrelang in Willkommensklassen unterrichteten. Oder um Aushilfslehrer, die schon als Vertretungslehrer an den Schulen waren. Mitunter sind es auch Pädagogen mit ausländischem Studienabschlüssen, die nicht immer über die geforderten Deutschkenntnisse verfügen. In der Bildungsverwaltung heißt es, dass viele Schulleiter darum gebeten haben, langjährige Vertretungslehrer oder Willkommensklassenlehrer, die sich als Hilfskräfte bewährt haben, übernehmen zu können. „Der Wunsch kam sehr oft aus den Schulen selbst“, hieß es dort.
GEW-Chef Erdmann warnte indes angesichts der vielen befristeten Einstellungen vor Kettenverträgen. „Diese neuen Kolleginnen und Kollegen brauchend dringend eine langfristige Perspektive“, sagt er. Zudem warnte er vor einer zunehmenden Ungleichheit im Berliner Schulsystem. Einige Bezirke und die meisten Gymnasien hätten keine „LovL“ eingestellt. „An Schulen in schwierigen sozialen Lagen dürfte die Lage hingegen noch weit dramatischer sein.“ Die Bildungsverwaltung setzt auch verstärkt darauf, Lehrer im Pensionsalter länger zu beschäftigen. Zudem werden Masterstudierende unter dem Motto „Unterrichten statt kellnern“ verstärkt unterrichten. Diese beiden Gruppen werden ebenfalls auf den Personalschlüssel angerechnet.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres will am Donnerstag auf einer Pressekonferenz zur aktuellen Personalausstattung Auskunft geben.
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