New York, Paris?

Warum nicht gleich Pankow!

Ein Manager und eine Opernsängerin wagen an der Spree einen kulinarischen Neustart.

Stefanie Hildebrandt
Lesezeit 5 Min
Frank und Jacqueline im Feinschmecker-Paradies. Sonntags gibt es Brunch bei „Charles und Paulin“.  

Frank und Jacqueline im Feinschmecker-Paradies. Sonntags gibt es Brunch bei „Charles und Paulin“.  

© camcop media/Andreas Klug

Und statt Arien auf großer Bühne, summt seine Komplizin Jaqueline Bruce jetzt beim Servieren. Bei „Charles und Paulin“ verkaufen sie gemeinsam Delikatessen: preisgekrönte Marmelade, feinsten Käse und Wein.

Die Anzüge mit denen er für das französische Finanzinstitut Caisse des Dépôts in ganz Europa unterwegs war, hat Frank eingetauscht gegen eine Schürze und Baskenmütze, einige der Krawatten hat eine Freundin zu Sofakissen umgenäht. Die zieren jetzt die Canapés im Café.

Darauf sitzt Frank Doucet und erklärt seine Idee von den drei Leben: „Die ersten 25 Jahre meines Lebens habe ich gelernt und studiert“, sagt er. „Die folgenden 25 hart gearbeitet. Jetzt gehören die kommenden 25 dem guten Leben und den Dingen, die ich liebe: Musik, Käse, Wein.“

Marmeladen und Öle in den Regalen 

Der Dreiklang hat seine Heimat in Pankow gefunden. Frank hat sich hier häuslich eingerichtet: Da stehen die alten Vitrinen mit Goldrandgeschirr, auf dem Plattenteller liegen meist italienische Opern. Wenn man Glück hat, singt auch Sopranistin Jacqueline ein paar Takte. Auf den Tischen Lavendelsträußchen. Wenn einer der Gäste Raclette ordert, wird kurzerhand um alle Ledersessel und Stehlampen die Verlängerungsschnur ausgerollt. Es geht familiär zu.

Wie ein großes Wohnzimmer: Bei Frank Doucet geht es familiär zu.

Wie ein großes Wohnzimmer: Bei Frank Doucet geht es familiär zu.

© camcop media/Andreas Klug

In den Regalen warten geduldig beste Marmeladen und Öle auf ihre Verwendung. In der Küche zaubert Frank Flammkuchen. Das Herzstück dieses französischen Wohnzimmers aber ist die große Käsetheke. Hier bewahrt Frank Doucet seine Schätze auf.

„Wenn ich zu Gästen über diesen Chaource-Käse spreche, dann erkläre ich, dass sie mit dem Käse und der Milch, aus der er hergestellt ist, das Gras der Weiden schmecken.“ Man muss sich diese Ausführungen mit dem charmantesten französischen Akzent gesprochen vorstellen. Auch das Bonmot des Inhabers: „Ein Tag ohne Käse ist ein Tag ohne Sonne“, wirkt noch besser mit französischem Zungenschlag.

Zwei Jahre lang ist Frank Doucet auf der Suche nach den besten Produkten für seinen Genießer-Traum in Frankreich unterwegs gewesen. Im Maison Lorho, in der Rue des Orfèvres in Strasbourg ist er in Sachen Käse fündig geworden. Hier sind Meister ihrer Zunft am Werk.

Früchte bleiben acht Monate im Räucherofen 

Christelle und Cyrille Lorho haben die Auszeichnung „Meilleurs ouvriers de France - Artisans-fromagers-affineurs“ – frei übersetzt „Beste Käse-Handwerker und Kenner Frankreichs“ erhalten. Hier gibt es nur das Feinste von handwerklichen Betrieben. Frank Doucet freut sich über jede Lieferung aus Strasbourg wie ein kleiner Junge.

Ähnlich hochkarätig ist die Lieferantin der Konfitüren. Nicht mit jedem arbeitet Madame Catherine Manoel zusammen. Nur in Pankow gibt es deutschlandweit ihre Konfitüren, die schon Paul Bocuse für sagenhaft befand, sagt Frank, der einzige Marmeladen-Dealer – man darf das so sagen, denn die Marmeladen von Madame machen süchtig.

Beim sonntäglichen Brunch kredenzt Frank zum Beispiel sehr kleine Äpfel von zwei sehr kleinen Bäumen, die die einzigen verbliebenen ihrer Sorte sind. Früher fraßen im Örtchen Chaource die Schweine die kleinen Äpfel. „Heute gibt es da keine Schweine mehr und nur noch zwei der Apfelbäume“, erzählt Frank. Die Bäume sind als Gartendenkmal geschützt, 100 Kilo Ertrag bringen sie im Jahr.

Catherine Manoel räuchert die wenigen Früchte acht Monate lang im Räucherofen, bis eine Art Kompott entsteht. Jacqueline, die hier als Gast anlandete und jetzt ab und an im Laden hilft, serviert es mit sahnigem Quark und amerikanischem Akzent. Zehn Jahre Oper in New York liegen hinter ihr, dann wagt sie den Sprung über den großen Teich an die Staatsoper Stuttgart.
Doch Jacquelines Herz schlägt seit dem ersten Besuch für die Metropole an der Spree.

Auch Namensgeber kamen mit nach Berlin

Als freischaffende Sängerin gibt sie jetzt hier Konzerte, intoniert für Stammgäste schon mal ein Happy Birthday. „Das hier ist eine französische Insel. Ein Salon in bester Tradition“, sagt sie. „Wir sind einfach Freunde in einem eleganten Wohnzimmer. Und wir wollen, dass sich alle Gäste hier wie zu Hause fühlen.“

Auch wenn es sich für Berliner manchmal nicht so anfühlt: Von außen betrachtet, bietet Berlin noch immer viel Lebensqualität, findet Frank. „Nach 25 Jahren in Paris kann ich das sagen.“ Und auch Charles und Paulin, die Namensgeber für das Geschäft, sind mit an die Spree gezogen. Franks Großvater Charles war Tischler mit einem großen Bauernhof, er liebte das Essen.

Mit seinem Laden vis a vis der Pankower Kirche hat sich Frank Doucet einen Traum erfüllt.  

Mit seinem Laden vis a vis der Pankower Kirche hat sich Frank Doucet einen Traum erfüllt.  

© camcop media/Andreas Klug

Grandpére Paulin war Violinist und spielte jeden Sonntag im Ballsaal zum Tanz. Von ihm habe er seine Liebe zur Musik geerbt, so Doucet. Porträts von beiden hat der Franzose in seinem Laden aufgestellt. Gute Geister für das Savoir vivre in Berlin.

Charles & Paulin, Breite Str. 39B, 13187 Berlin. Sonntags Brunch 13 Euro. Freitags ab und zu Konzerte. Mi-So 9:30 bis 22 Uhr.

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