Ostsee-Bahnplan abgelehnt

Warum Reisende ab Berlin weiter in überfüllten Zügen stecken

Länder sehen Konzept skeptisch. Im Dezember ist aber endlich Besserung in Sicht

Peter Neumann
Lesezeit 5 Min
Schön hier! Die Kreideküste von Rügen ist ein beliebtes Urlaubsziel. Früher gab es Züge von Berlin direkt nach Saßnitz. Wie kommt man heute an die Küste? 

Schön hier! Die Kreideküste von Rügen ist ein beliebtes Urlaubsziel. Früher gab es Züge von Berlin direkt nach Saßnitz. Wie kommt man heute an die Küste? 

© imago/allOver-MEV

Gedränge beim Ein- und Aussteigen, volle Wagen, volle Mehrzweckabteile: Manchmal haben Nutzer der Bahn das Gefühl, dass ihre Entscheidung für ein umweltfreundliches Verkehrsmittel nicht so recht unterstützt wird. Dabei hat die DB das Problem längst erkannt. Denn auch ihr Personal leidet unter dem Stress.

25 Prozent mehr Kapazität im Sommer

Nach Informationen der Berliner Zeitung wurde das Unternehmen gebeten, Vorschläge vorzulegen. Im September präsentierte es ein Konzept, dass vorsah, die heutigen Ausflugszüge von Berlin nach Norden zu verlängern. Der Regionalexpress, der laut Plan sonnabends und sonntags nach Neustrelitz fährt, sollte nach Rostock fortgeführt werden. Der Regionalexpress nach Prenzlau wiederum sollte nach Stralsund weiterfahren. Neu wäre, dass beide Züge nicht mehr erst nach 10 Uhr, sondern schon früher in Berlin starten.

Zumindest laut DB wären die Fahrzeuge kein Problem. Für die Zusatzfahrt nach Rostock stünden zwei Triebzüge vom Typ Bombardier Talent 2 bereit – die Garnituren, aus denen die beiden Ausflugszüge heute schon gebildet werden. Für den Zusatzzug nach Stralsund hätte die Bahn eine Fünfer-Garnitur Doppelstockwagen zur Verfügung, hieß es.

Doch von den Ländern traf keine Order ein. Diese sind dafür zuständig, Regionalzugfahrten zu bestellen und mit Hilfe von Regionalisierungsmitteln des Bundes zu bezahlen. Wenn es um den Umgang mit den Nachfragespitzen geht, sei die finanzielle Unterstützung des Bundes eine „Herausforderung“, sagte Manuel Sauer, Sprecher des Infrastrukturministers Christian Pegel (SPD), auf Anfrage.

„Angesichts der sich absehbar verschlechternden Ausstattung des Landes Mecklenburg-Vorpommern mit Regionalisierungsmitteln kann leider nicht für alle denkbaren Nachfragespitzen Vorsorge getroffen werden“, erklärte er. Zudem werde die Kapazität auf der Linie RE5 nach Rostock bereits erhöht. Von April bis Oktober fahren die Züge statt mit vier mit fünf Doppelstockwagen.

2019 ist es ohnehin nur eingeschränkt möglich, mehr Züge an die Ostsee zu schicken. Bis September verringern Bauarbeiten bei Gransee die Kapazität der Rostock-Linie, und die Rollbahn nach Stralsund werde mehrmals bei Bernau unterbrochen.

Stundentakt ab Dezember

Mecklenburg-Vorpommern sieht das Problem anderswo. „Mit großer Sorge betrachtet das Land die zunehmende Zahl von Zugausfällen, die auf Personalmangel zurückzuführen sind“, so Manuel Sauer. „Neben der ohnehin starken Nachfrage war diese eine der Ursachen für überfüllte Züge. Von der DB Regio AG erwartet das Land, dass sie ihren vertraglichen Verpflichtungen uneingeschränkt nachkommt und zunächst das vom Land bestellte Verkehrsangebot in der vereinbarten Qualität erbringt, bevor über die Bestellung von Zusatzzügen diskutiert wird.“

Allen Beteiligten sei bekannt, „wie sich die Fahrzeug- und Personalsituation bei DB Regio zur Zeit darstellt“, bekräftigte Elke Krokowski vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Zusatzzüge wären „an einem Gutteil der geplanten Verkehrstage an fehlenden Personal- oder auch Fahrzeugressourcen gescheitert“. Deshalb waren die Länder nicht bereit, Zusatzzüge zu bestellen – „nachvollziehbarerweise“, hieß es.

Nach diversen Ausfällen laufe der Verkehr stabiler, entgegnete Joachim Trettin, der Konzernbeauftragte der DB für Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Probleme im Personalmanagement wurden beseitigt. „Man kann nicht sagen, dass wir zu wenig Lokführer haben“, so Trettin. Trotzdem werde die Zahl bis zum Jahresende um 26 steigen.

Zumindest für eine Route sei eine weitere Verbesserung in Sicht - von der Ostseetouristen in der kommenden Saison profitieren dürften. Im Dezember soll die Intercity-Linie Dresden–Berlin–Rostock den Betrieb aufnehmen. Das entspricht einer Verdoppelung des heutigen Zugangebots – auf einen Stundentakt. Einige Züge fahren bis Warnemünde weiter. Bislang hieß es stets, dass IC2-Doppelstockzüge eingesetzt werden, dazu gibt es aber noch Diskussionen.

In der Hauptstadt-Region halten die neuen Intercity-Züge außer in Berlin noch in Oranienburg, am Flughafen Schönefeld beziehungsweise am BER, in Doberlug-Kirchhain und Elsterwerda. Ob auch VBB-Tickets anerkannt werden, "ist zur Zeit noch Gegenstand eines Ausschreibungsverfahrens", erläuterte Verbundsprecherin Krokowski.

Das Ostsee-Ticket (hin und zurück 49 Euro) und Sparpreise der Bahn (ab 19,90 Euro pro Person und Strecke) werden auf jeden Fall gelten. Buchungsstart: Mitte Oktober.

Tagestouristen sind nicht so beliebt

Volle Züge: Das ist wirklich ein altes Problem, sagt der Schienenverkehrsberater Hans Leister, der lange Zeit als Chef von DB Regio Nordost in Potsdam auch für dieses Thema zuständig war. "Es ist zudem ein grundlegendes und nie absolut befriedigend lösbares Problem, denn ein Metropolraum von vier Millionen Menschen, die im Freizeitverkehr losfahren wollen, und eine dünn besiedelte Region wie Nord-Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern passen halt nicht besonders gut zusammen, um sie mit einem einheitlichen Verkehrsangebot zu bedienen."

Zunächst braucht man ja drei Aufgabenträger, die bei der Festlegung des Verkehrsangebots zusammenarbeiten müssen. Neben Berlin und Brandenburg ist das Mecklenburg-Vorpommern. "Dort war man immer sehr zurückhaltend, was die Bestellung von Verkehrsleistungen im Freizeitverkehr Berlin-Ostsee betrifft", bestätigt Leister.

Zwei Gründe für diese Zurückhaltung: Mecklenburg-Vorpommern betrachtete dieses Thema bisher immer diese Aufgabe als Aufgabe des Fernverkehrs, nicht als Nahverkehrsaufgabe. Zudem habe das Land lieber "richtige" Urlauber als Tagestouristen aus Berlin, die angeblich kein Geld in M-V lassen. "Deshalb gibt es auch keinen Druck der Tourismuswirtschaft, hier was zu tun", so Leister.

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